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Vitale Pathie  
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 Inhalt:

Kardinalbeziehung der Transzendenz (154)
Sensorische Unterscheidungsfähigkeit (164)
Sphärenkonstitution (174)
Produktive und kreative Spannungsintegration (181)
Selbstversenkung (189)
Der personengebundene Aspekt der Atemerfahrung (199)
Vokalatem als sensorische Raumbeziehung (207)
Die entscheidende Atembehandlung (214)
Der atempädagogische und der (körper-)psychotherapeutische Zugang (222)
Die Atembewegung als das gemeinsame Dritte von Körper und Seele (230)
Das Atemgespräch (237)
Die Personenbezogenheit der vitalen Pathie (252)
Die Atembehandlung im Vergleich zur Psychoanalyse (244)
Zwischen der sozialkulturellen Form der Seele und der Animalogie des Atem (250)
Die Atemruhe (257)
Das Weibliche als Anmuten (272)
Mutter- und Frausein (278)
Was gewiss ist (284)

zum Gesamtverzeichnis von ‚ÄúPerson und Sinn‚ÄĚ

 

 

 

 

 

 

Kardinalbeziehung der Transzendenz
Das vergangene Jahrhundert hat viele Gesichter. Wir schauen auf das wenig bekannte Antlitz der eigen- st√§ndig entwickelten Atemarbeiten des Westens. Diese wurzeln auf einem vortheoretisches Erfahrungs- gebiet, zu dem bislang nur einige wenige wissenschaftliche Hilfsbr√ľcken gebaut worden sind. Dies hat nicht nur historische Gr√ľnde, die in dem Traditionsbruch von 1945 liegen. Mit dem Atemthema stellen sich vor allem bewusstseinstheoretische Fragen, die im Verh√§ltnisses von K√∂rper- und Seele sowie Leib und Geist angelegt sind und insgesamt einer wissenschaftlichen L√∂sung hartn√§ckig Widerstand entgegensetzen:

     Atemarbeit scheidet. Sie verlangt, die kulturellen Grenzsetzungen der Rationalit√§t auf ein gemeinhin esoterisch verstandenen Gebiet hinauszuschieben, auf dem sich Energetisches durch informatorische Einfl√ľsse nach dem Resonanzprinzip organisiert. Derartige Vorg√§nge sind im Rahmen der klassischen Begrifflichkeit von einem ausgedehnten K√∂rper und einer im entgegengesetzten Substanz nicht mehr zu begreifen. Dennoch muss man auf nichts Ungeh√∂riges verweisen, wenn man die √úberg√§nge beachtet, welche die Atembewegung zwischen Sinnefeld und der Bewusstseinst√§tigkeit des Ichs herstellt. Es ist n√§mlich mehr als ein Muskelstoff zu besichtigen, welcher der Aufrechterhaltung der Funktion der Sauerstoffaufnahme und des Abtransportes der Stoffwechselreste dient. Die Zwerchfellt√§tigkeit weist von vornherein √ľber ihre physiologische Stoffwechselfunktion hinaus, weil die Atemfunktion mit der Regulation des geweblichen Tonus sowie allen vegetativen Kreislaufprozessen und sonstigen physiologischen Funktionseinheiten, also mit ziemlich allem verkn√ľpft ist. Und der enge Zusammenhang zwischen Atem und Bewegung hat eine R√ľckseite im Verh√§ltnis der Atembewegung zur Empfindung. .

     Es existiert ein vital-pathische Reich, das durch den p√§dagogisch-therapeutischen Umgang mit den Empfindungen erkundet wird, die durch das Atmen ausgel√∂st werden. Empfindungen, welchen die klassische Philosophie mit guten Gr√ľnden keinen unmittelbaren Erkenntniswert zugestehen kann, sollen der unhintergehbare Grund einer westlichen Atempraktik - namentlich der dem Erfahrbaren Atem von Ilse Middendorf sein, bei der au√üerdem nicht einmal gedacht, sondern nur noch erlebt werden darf. Denn diese wohl prominenteste Atemlehre des Westens liegt auf einem eigenen Gebiet, das sich der dinghaften Erfassung durch die Gesetze der Physik entzieht und das jenseits des Gegensatzes von k√∂rperlich und seelisch angesiedelt ist.

      Bei einer derartigen Sachlage ist mit Voreingenommenheit nicht das Geringste zu kl√§ren. Da der einfache Werkstatteinblick, der nur schildert, was in der Atemerfahrung geschieht, kaum mehr hinreicht, um die Gegens√§tzlichkeit der beiden Seiten des Atemph√§nomens zu √ľberwinden, gilt es zun√§chst das Feld zu markieren, auf welchem die anthropologische Bedeutung der Atem¬≠bewegung gesichtet werden kann. Denn es gilt das Terrain einer therapeutisch-p√§dagogischen Wirksamkeit zu erhellen, die wohl so direkt weder durch eine Psychoanalyse noch durch sensitive K√∂rperarbeiten, weder durch den Einsatz von sanften Massagepraktiken noch mittels willk√ľrlicher Atemtechniken erzielt werden kann.

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Das enge Gebundensein des Verlaufs der Atembewegung an die Schwerkraft zeigt sich in der Raumbildung, zwischen dem sich absenkenden Zwerchfell und dem Beckenboden, der dessen mitschwingender Antipode ist. Der Punkt, an dem bei einer Vollatembewegung die Atembewegung einsetzt und zu dem sie zur√ľckkehrt, f√§llt mit dem Schwerkraftpunkt des Gesamtk√∂rpers zusammen. Er liegt  in der Mitte auf einer gedachten Linie im Becken, die sich etwa 2-3 cm unterhalb des Nabels zur Mitte des Kreuzbeins hinzieht.  Dieser Atemimpulspunkt, dessen Aktivierung und Vitalisierung Ausgang vieler subtiler Arbeitsweisen im middendorfschen Erfahrbaren Atem ist, wird in anderen Praktiken auch Hara-Chakra genannt.

     Der Bezug auf die Gravitation verweist uns des Weiteren auf die ani¬≠¬≠ma¬≠lische Grundlegung der menschlichen Existenz, die vor aller Bewusstseinst√§tigkeit in ein Sinnenfeld eingebunden ist. Im sensorischen Verh√§ltnis von innen und au√üen hat der Mensch seine Mitte zu finden, indem er nach dem Resonanzprinzip pr√§kognitiv und pr√§verbal wertet und dadurch sowohl die Au√üenwelt in sich herein nimmt und seine Sinnesorganisation selbst vermittels dieser Hereinnahme des Au√üenraums in den Innenraum schafft.. Wir sprechen nicht nur vom Empfinden, sondern auch vom Befinden in einem vital-sensorischen Raum. Bei diesem aber spielt die Atembewegung die Schl√ľsselrolle.     

     In der nervalen Peripherie entfaltet sich die Atembewegung variabel. Sie stellt ein Ereignis dar, das bei einer Vollatembewegung mit Formprinzipen ausgestattet ist und darin gegen√ľber den Steuerungsimperativen der Gehirnaktivit√§t relativ selbst√§ndig ist. Wir sind deshalb aufgefordert, die Atembewegung als ein sensorisches Medium zu begreifen, √ľber das der durch seine Leibhaftigkeit in Innen-Au√üen-Verschr√§nkungen gestellte lebendige Organismus millionenfache Informationen nach dem Reso¬≠nanzprinzip verarbeitet. So wie etwa die Saite eines Klaviers erklingt, wenn eine Stimmgabel in gleicher Tonfrequenz angeschlagen wird, so wird auch die Atembewegung durch ins Au√üen dr√§ngende Innenimpulse und passende Au√üenreize informatorisch angeregt sowie durch das Eigene st√∂rende Fremdschwingungen beeintr√§chtigt.

Auf was es uns besonders ankommt: Die erstaunliche Modifizier¬≠barkeit der Atembewegung verdankt sich nicht nur den vegetativen Geboten des Stoffwechsels und der wechselseitigen Beziehung zur Organt√§tigkeit, sondern vor allem den Eindr√ľcken aus der Umwelt und dem Ausdruck innerer Strebungen. Die M√∂glichkeit einer Vollatembewegung, bei der sich der gesamte Rumpf bewegt und die Extreme bis in die Fu√üzehen und Fingerspitzen sowie den Scheitel des Kopfes hinein energetisiert werden, ist weniger von vegetativen Impulsen getragen als von tonisch-sensorischen Verhaltensweisen in einem vital-sensorischen Bewe¬≠gungsraum bestimmt. Der mit der Atemarbeit verbundene Leibgedanke lebt deshalb davon, dass sich das Lebendige vor aller Be¬≠wusst¬≠seinst√§tigkeit, im Wechselspiel mit ihr sowie im eigenst√§ndigen Gegensatz zu ihr durch einen informatorischen Austausch zwischen Innen- und Au√üenwelt reguliert. Das Seelische aber vermittelt nur den sinnlich-sensorischen Grund mit den intelligiblen Funktionen des Ichs, die kulturell, sozial und geschichtliche gebunden sind.

Wenn wir uns auf die Atembewegung im Interesse der Selbstvergewisserung beziehen k√∂nnen, so sind vielerlei, aber selbst vom in der Sache Kundigen kaum noch √ľberschaubare Praktiken m√∂glich. Die klassisch gewordene K√∂rperpsychotherapie, die auch den Atem nutzte und beachtete, kennt in besonderer Weise die kulturhistorisch organisierte Seele und kritisiert deren historische Matrix der gesellschaftlichen Zwangseinkehr in die menschliche Eigennatur. Die eigenst√§ndig entwickelten Atemtherapien des Westens wussten aber durch ihren weitaus subtileren und auch eigenst√§ndigen Umgang mit der Atembewe¬≠gung, dass weder die Herrschafts- noch Zivilisationskritik deren seelisch-geistigen Wesen gerecht wird. Mehr als sie es wissen konnten, erahnten sie und waren sich auch darin gewiss, dass sich in der Atemschwingung ein animistischer Infor¬≠ma¬≠tionsstoff niederschl√§gt, der die Besch√§ftigung mit dem Atmen von vornherein eine ambivalente Angelegenheit werden l√§sst.

     Die an Atemzust√§nde gebundene seelisch-geistige Information n√§hrt die Eso¬≠terik, mit seiner Hilfe flicht die Religiosit√§t ihr soziales Band und aus ihm gewinnt die Spiritualit√§t ihre existentielle Dimension. Der kulturelle Fundus w√§hnt im Atem die Kardinalbeziehung der Transzendenz. Der Umgang mit der Atembewegung und mit dessen Bezug zur Empfindung organisiert sich geradezu an einer Einbruchstelle rationaler Handlungsf√§higkeit. Die M√∂glichkeit ist gro√ü, sich auf einem angepriesenen ‚ÄěWeg‚Äú zu verirren und die so¬≠ziale Teilhabe zugunsten des kleinkarierten Gemurmels in einer esoterischen Ver¬≠gemein¬≠¬≠schaftung zu verlieren. Die Besch√§ftigung mit dem Atmen ist jedenfalls aus sich heraus nicht dagegen gefeit, zu vormodernen Mystifikationen des religi√∂sen Leibes zur√ľckzukehren, mit denen das cartesia¬≠ni¬≠sche Ich gebrochen hat. Im Gegenteil: Die Gefahr ist gro√ü, geradezu dem Druck einer irrationalen Welterkl√§rung zu unterliegen.

     Mit Ren√© Descart¬≠es war das trans¬≠zendentale Subjekt geboren, wodurch eine s√§kulare Begr√ľndung der Werte und Ethik m√∂glich wurde, mit welcher die Aufkl√§rung der Moderne in die Geschichte eintrat. Descartes ging es noch um eine Umwertung der aristotelisch-scholastischen Traditionen, um m√∂glich viele der ange¬≠¬≠stammten vegetativen und sensitiven Funktionen zum Gegenstand wissenschaftlicher, zun√§chst kausal-mechanischer Erkl√§rungen zu machen, ohne die rational verstandene Seele als Instanz des freien Willens und moralischer Verantwortlichkeit zu gef√§hrden. Gegen√ľber der schroffen Entgegensetzung von Bewusstsein und K√∂rper in der cartesianischen Selbstver¬≠gewisserung des Ich, das bekanntlich deshalb sein kann, weil es denkt, formulierte die klassische Philosophie des deutschen Idealismus Ausgleichsprinzipien.

     Nachdem durch die Arbeit der philosophischen Aufkl√§rer das vern√ľnftige Subjekt nicht mehr auf Gott zu beziehen war, lehrte schlie√ülich die Klassik der deutschen Philosophie die rationale Formung der leiblichen Regungen, indem sie auf das trans¬≠zendentale Ich einschw√∂rt. Jedem Empirismus war dadurch bereits ein Erkenntnisproblem aufgegeben. Die unmittelbare Erkenntnism√∂glichkeit in der Anschauung der Natur war durch Immanuel Kants metaphysische Kehre, die auf den Empirismus von David Hume antwortete in Frage gestellt. Da das sinnliche Empfinden und das kognitive Wahrnehmen auseinander treten k√∂nnen, kann es gar nicht anders gehen, als dass wir  beim Erkennen unsere Anschauungen in die Natur hinlegen. Das erkennen dieser Vorg√§ngigkeit aller Erkenntnis durch die Beschaffenheit des Subjekts gilt als die eigentliche Errungenschaft des klassischen philosophischen Denkens, die im vergangenen Jahrhundert durch Martin Heideggers Kritik der wissenschaftlich-technischen Naturbeherrschung erneuert worden war.

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     Die Verfahren der Psychotherapie, gerade auch die √úbertragung- und Gegen√ľbertragung als Schmier- mittel des psychoanalytischen Prozesses, sind nicht, auch wenn sie kulturhistorisch besonderte Seelen- strukturen abbilden, ohne leibliche Resonanzph√§nomene zu verstehen. Dass ein seelisch-geistiger Informa- tionsaustausch durch das Ansto√üen √ľbereinstimmender oder die Selektion widerstreitender Frequenzen stattfindet, ist inzwischen auch der Psychologie bewusst geworden. Bereits in der systemischen Sichtweise des Kommunikationverhaltens (Bateson, Laing, Watzlawick) werden die Wechselwirkungen zwischen den Menschen thematisiert, die durch Informationen, Energiefl√ľsse und Schwingungen hergestellt werden..

     Alles Leiden an Reminiszenzen geht n√§mlich durch die Leiberinnerung hindurch, die muskeltonisch-atembewegt gr√ľndet und deshalb durch k√∂rperpsychotherapeutische Verfahren genutzt wird. Die Prim√§rtherapie von Arthur Janov, welche die Reizmuster eines fr√ľhen Traumas ins Schwingen bringt, um den abgelagerten Urschmerz abzuf√ľhren, geh√∂rt ebenso zu jenen therapeutischen Arbeiten, welche die elementaren K√∂rpergravitaturen gegen√ľber bekannten Erlebnisstrukturen nutzen, wie die Gestalttherapie von Fritz Perls oder die Transaktionsanalyse von Eric Berne. Auch dem popul√§r gewordenen Familienstellen nach Hellinger gen√ľgt es nicht mehr, in den Nebent√∂nen mit geistesgegenw√§rtigem Analyseverstand heraush√∂ren, wie jemand zu einem anderen Menschen steht. Sie nutzen allesamt die intuitive Intelligenz der Teilnehmer, die durch Resonanz eingestimmt wird und im gegen√ľber dem Bewusstsein relativ selbst√§ndigen Leibverhalten wurzelt. Im leiblichen Ausdruck kann erlebt werden, wie positive oder negative Schwingungen als Wohlbehagen oder Missempfinden ankommen.

     Nach den Erfahrungen der westlichen Atemarbeit ist das Ich, das denkt, wahrnimmt und den K√∂rper bewegt, leiblich abgest√ľtzt. Auch hirnphysiologische Erkenntnisse der neueren Zeit best√§tigen die von der Leibphilosophie des vergan¬≠genen Jahrhunderts gesicherte Erkenntnis, wonach es unterhalb des Neokortex ein Organisationszentrum geben muss, das als Gegenpol zu den sozialkulturell gest√ľtzten Werten entscheidend die Qualit√§t des Seelenlebens definiert. Durch ein praktisches Verfahren, den Erfahrbaren Atem von Ilse Middendorf also, soll die im vergangenen Jahrhundert durch die Ph√§no¬≠meno¬≠logie, die Existenzphilosophie sowie die Philosophische Anthropologie und die anthropologische Medizin aufgewordene  Leibfrage bezeugt werden.

     Bislang hat sich das naturwissenschaftliche Interesse noch nicht auf die zell- und molekularbiologischen Aspekte der Atembewegung aus¬≠gerichtet und gefragt, welche Rolle diese st√§ndige Bewegtheit, in welche die gesamte muskul√§re Reflexorganisation und alle vegetativen Funk¬≠tionsmechanismen involviert sind, f√ľr die Arbeitsweise der Gene und die Produktion der Eiwei√üe hat. So stellt sich die Frage, ob mit einer vertieften molekularbiologischen Forschung, welche die Atembewegung in den Blickpunkt ihres Interesses nimmt, die Kluft √ľberbr√ľckt werden k√∂nnte, die zwi¬≠schen den traditionellen Denkweisen der quantitativen Biologie sowie der Anatomie, der Physiologie und der Neurologie und der Anschauung sowie Erfahrung der Atembewegung existiert.

     Die an der dinglichen Sicherung orientierten Begriffe der experimentellen und theoretischen Wissen- schaften k√∂nnten zwar das Atemgebiet so weit aufschlie√üen, wie es dem energetisch-informatorischen Bereich des Lebens entspricht. Da sie aber nicht eine Spur Ahnung von dem qualitativen Aussehen der Natur haben, ja die molekularbiologischen Forschung die Abstraktionen in endlosen langen Buch¬≠staben¬≠reihen vorantreibt, d√ľrfte auch diese gegen√ľber der anthropologischen Bedeutsamkeit des Atemgeschehen leistungsunf√§hig bleiben. Die konkrete Atemweise des middendorfschen Erfahrbaren Atems bewegt sich zwar auf einem strukturgesetzlichen Terrain, aber dies geh√∂rt dennoch nicht zu dem G√ľltigen, das etwa dauerhaft zur systematischen Fixierung taugt. Offenheit der Entwicklung ist angesagt.  Denn die jeweilige Atemweise verwirklicht oder verfehlt biologische Strebungen.

     Dementsprechend zielt die Atemarbeit auf die individuelle Modulation instabiler Vitalschichten im Reichtum des pluralen Verhaltens und nicht auf die objektiven Gesetze der Pathologie. Erfahrung, Emp- findung und Intuition, Anschauung und Pathie sind in dieser personenbezogenen Kunst des Heilens, des Erlebens und des Lebens f√ľhrend, wobei die verschiedensten Meinungen √ľber die Antriebe des Lebens, das Verh√§ltnis von Natur und Kultur und den Umgang mit der Eigenbefind¬≠lichkeit hineinspielen. Wird aber derart zugespitzt die anthropologische Frage gestellt, ersch√∂pfen sich einerseits die traditionellen Erkenntnismittel des transzendentalen Ichs, um die im ausgezeichneten Ma√üe in der deutschen Philosophiegeschichte gerungen wurde. Andererseits aber ist den Wissenschaftler und Philosophen, die sich im vergangenen Jahrhundert mit der Frage des Leibes besch√§ftigt haben, diese zunehmend r√§tselhaft geworden.

     Das Atemgebiet kann offenbar innerhalb der Grenzen der einzel¬≠wissen¬≠schaftlichen Rationalit√§t gar nicht mehr hinreichend erkund¬≠schaftet werden. Viel spricht daf√ľr, dass die Atemfrage ebenso wenig wie der psycho-physische Dualismus oder die Bewusstseinsfrage gar nicht durch die Wissenschaften l√∂sbar sein wird, ja vielmehr die Grenzen von deren Rationalit√§t sichtbar macht.
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Sensorische Unterscheidungsfähigkeit
Wie so oft in der Atemarbeit sollte sich auch bei Karla H. als durch einen tief in der Biografie eingegrabenen Konflikt verursacht erweisen, was zun√§chst als physiologischer Defekt erschien, der in der Medizin unter der Rubrik ‚Äěfunktionelle St√∂rung‚Äú eingeordnet wird. Wir wollen im Unterschied dazu deren personenbezogene und sinnhafte Bedeutung aufzeigen, die uns auf die m√∂gliche Perspektive eines personalen Wandels durch Atem- erfahrung hinweist.

     Unser Werkstatteinblick betrifft die Atembehandlung einer Gymnastiklehrerin. Karla H. hatte eine drei- j√§hrige Psychoanalyse hinter sich, √ľbte sich seit Jahren im Yoga. Sie hatte dar√ľber hinaus manch andere wilde Praktik vom Markt der K√∂rper- und Psycho¬≠therapie ausprobiert, auf dem heut¬≠zutage so vieles unterschiedslos als die Gesundheit und die Selbstentfaltung f√∂rdernd angepriesen und √ľberhaupt nicht reflektiert wird, dass die unterschiedslose Anwendung derartiger Praktiken auch in der seelischen Verelendung und schlie√ülich der Erkrankung enden kann. Dies gilt auch - sagen wir es ruhig deutlich - auch f√ľr ein unversiert angeleitetes Atmen, durch das die Muskulatur nur durchl√§ssiger wird, die Atembewegung keine muskeltonische Kraft ausbildet, wodurch fr√ľher oder sp√§ter das Erleben des eigenen K√∂rpers in der Selbstbeobachtung erstarrt, weil auf keine Formbildung in der Anlage der √úbungen abgezielt wird oder weil in der Alternativmedizin erkannte Heilhindernisse (dentale oder geopathische Belastungen) die Selbstzuwendung fehlleiten, so dass durch das Atmen nur ein subjektivistischer Druck erzeugt wird, der kindliches Verhalten nach sich zieht.

     Karla H. hatte mit anhaltenden Schmer¬≠zen im Kreuzbein zu k√§mpfen, die sich besonders bemerkbar machten, wenn sie sich im meditativen Tanzen ge√ľbt hatte, das bei ihr vom Hobby zu einen beruflichen Unterrichtsgegenstand avanciert war. Sie sah √ľberhaupt ihre Arbeitsf√§higkeit bedroht, weil diesem Malheur weder durch hom√∂opathische Medikamente und isopathische Ausleitungen noch durch Bachbl√ľten, Salben, B√§der sowie Massagen abgeholfen werden konnte.

     Betrachtet man die Atembewegung von Karla H., so d√ľrfte auch der kundigen Krankengymnastin, die sie aufgesucht hatte, bis sie ihr Arzt schlie√ülich an mich weiterverwies, nichts Abnormes aufgefallen sein. Auf den ersten Blick bot Karla H.s Atem das Bild einer Vollbewe¬≠gung, die sowohl ihren Bauch¬≠raum als auch ihren Brustkorb weitete und ihren ganzen Leib lebendig durchstr√∂mte. Weder bestand auf den Wirbel¬≠seg¬≠menten eine beeintr√§chtigende Spannung noch war ein Beckenfehlstand vorhanden. Nach klinischen Kriterien war kein pathologischer Befund feststellbar.

     Zu Beginn unserer Zusammenarbeit zeigten sich auch keine muskul√§ren Verh√§rtungen oder besondere Kontrak¬≠turen, die den Atemfluss blockiert oder aufgestaut h√§tten. Weder h√§tte eine biodynamische Massage nach Gerda Boyensen vordergr√ľndig gesehen Ansatzm√∂glich¬≠keiten gefunden noch h√§tten bioenergetische √úbungen im Sinne von Alexander Loewen gegriffen. Bei Karla H. waren weder Verfestigungen aufzumassieren noch eingelebte Reizschwellen ihrer Reflexe so durch span¬≠nungs¬≠steigernde K√∂rper- und Atem¬≠techniken zu bedr√§ngen gewesen, dass Blockaden der Muskelsinne weggeflossen oder gar spektakul√§r aufgeknallt w√§ren.

     Eigentlich bestand in der Atembewegung von Karla H. nur ein geringes, aber dennoch entscheidendes, n√§mlich ein personenbezogenes Ungleichgewicht. Ihre Muskulatur war zwar geschmeidig, aber deren hohen Reizempf√§nglichkeit fehlte eine dementsprechend elastische Abwehr¬≠f√§hig¬≠keit gegen√ľber Au√üen¬≠ein¬≠fl√ľssen. Ihre Muskulatur wurde n√§mlich zu wenig durch die Atembewe¬≠gung gef√ľllt. Ihre gegen√ľber der hohen muskul√§ren Durchl√§s¬≠sigkeit zu geringe Atemkraft mussten deshalb durch zu hoch gespannte Sehnen kompensiert werden. An diesen √ľber die Gelenke greifenden Muskelenden waren die unter den H√§nden sp√ľrbaren Impulse der Atembewegung zu hart.

     So zumindest war die erste Sichtung. Erst sp√§ter im Fortschritt der Arbeit und nach der schrittweisen Aufhebung dieses Ungleichgewichts sollten die subtilen Atemmodalit√§ten ihrer seelisch-geistigen Verfasst¬≠heit offenbar und behandelbar werden. Dies ist immer so. Das Eigentliche wurde auch bei Karla H. erst deutlich unterscheidbar, nachdem sich die Muskulatur mehr mit Atembewegung gef√ľllt hatte. Doch dies war erst dann m√∂glich geworden, nachdem ein Besuch bei einem wirklich biologisch arbeitenden Zahnarzt eine kleine Kunststoffplombe entfernt hatte, die biologisch inkompatibel war und ihre Atembewegung so st√∂rte, dass dieses Ungleichgewicht nicht allein durch Atemarbeit beseitigt werden konnte. Zu dieser Problematik habe ich bereits eine umfassende Studie vorgelegt (Ruin√∂se Zahnwerkstoffe. Wie Kunststoffe in der Mundh√∂hle die Atembewegung st√∂ren, 2. Auflage 2001). 

     In diesem zun√§chst so vorliegenden tonischen Kost√ľm lag be¬≠gr√ľn¬≠det, weshalb Karla H. zwar √ľber eine au√üergew√∂hnliche Rea¬≠gibilit√§t der Atembewe¬≠gung verf√ľgte, aber deren sensitiver Modus nicht an ihre Person angebunden war. Der hohen Variablit√§t der Atembewe¬≠gung war zwar eine differenzierte Verf√ľgbarkeit im Bewegen zugesellt, aber diese blieb mechanisch und gemacht, daher ausdrucksarm. Ihrer hohen Empfindsamkeit und Durchl√§ssigkeit der Muskeln f√ľr die Atembewegung fehlte das Be¬≠seelt-sein und gab ihrem Aussehen trotz au√üergew√∂hnlicher Sch√∂nheit etwas Starres.

     Es ermangelte Karla H. an einer selbstverst√§ndlichen Gelassenheit. Deren bedarf es, um sich voll in den vital-sensorischen Bewe¬≠gungs¬≠¬≠raum ausdehnen und in ihn hinein ausstrahlen zu k√∂nnen. Stattdessen war ihre Selbstkonzentration gesteigert. Dies lie√ü sie den eigenen K√∂rper kaum raumhaft erleben, sondern ihn fast nur in der Fl√§che ausgedehnt empfinden, was eine Zustandsbefindlichkeit war, wel¬≠che sie tendenziell die K√∂rpergef√ľhle phantasieren lie√ü. Dem entsprach eine sich zusehends in der Atemarbeit zeigende atemenergetische Dynamik, die keine im Hintergrundsraum verankerte Selbstgeborgenheit erlaubte.

     Im Fortgang der Zusammenarbeit mit Karla H. wurde zunehmend auff√§lliger, dass bei ihr der Einatemimpuls in der Rumpfmitte unterhalb des Zwerchfells hin zum Nabel etwas gebremst auf Kon¬≠taktangebote meiner H√§nde reagierte. Versuchte ich in dieser Gegend mit Karla H. mittels meiner H√§nde in Kontakt zu kommen, reagierte ihr nach wenigen Z√ľgen spontaner werdender Atem folgenderma√üen: In der letzten Phase des Einatmens zerfloss die Atembewegung nach oben in den Schulterg√ľrtel. Durch diese sensorische Abwehr- losigkeit wurden Informationen aus dem Au√üen ohne innere Reserve hereingelassen. Auf die Ansprache meiner H√§nde reagierte sie zun√§chst v√∂llig gegens√§tzlich zu ihrer ansonsten Distanz ausstrahlenden Erscheinung wie ein aufsaugender Schwamm.

     Dieses Zerflie√üen der Einatembewegung ist etwa von einem die Welt fernhaltenden Aufstauen im √úbergang zum Ausatmen zu unterscheiden. Dieser zum Kontrast erw√§hnte Atemvorgang des Aufstauens kommt dadurch zustande, dass in der letzten Phase der Einatembewegung eine verst√§rkte nervale Innervation der Atemhilfsmuskulatur um den Hals und Schulterg√ľrtel wirkt, die atemmechanisch als eine Notatmung zum Ausgleich von Belastungen gilt und den Brustkorb mehr oder weniger hochzieht. Deshalb vermag sich beim Aufstauen selbst mit √ľppiger Atemweite ebenso wenig wie beim Zerflie√üen eine Ausspannqualit√§t aufzubauen, die das lange oder tiefe Ausatmen zu f√∂rdern h√§tte. Zerflie√üen und Aufstauen der Einatembewegung gr√ľnden in einer ungleichgewichtigen Zwerchfell-Rippendynamik und diese war in diesem Fall - wie so oft - durch die genannte dentale Belastung mit hervorgerufen.

     Beim Zerflie√üen schwingen die nicht am Brustbein befestigten unteren Rippen sehr impulshaft an, k√∂nnen aber keinen weiten Span¬≠nungs¬≠bogen in der Einatemweite aufbauen. Die Einatembewe¬≠gung beginnt zu zerrinnen bevor sie durch ihren Spannungsaufbau in eine Ausatembewegung √ľbergeht. Die Einatembewegung ist keine Mobilisierung der eigenen F√ľlle, die dann durch dynamisierende Ausatemimpulse der Zwischenrippenmuskulatur zur Aktion aufplatzt und durch eine Ausatembewegung Richtung gewinnt. Das bereits im Einatem einsetzende Zerflie√üen zeigt an, dass sich die Person am liebsten nur noch hingeben w√ľrde, obwohl eigentlich die Situation eine personale Stellungs¬≠nahme verlangt.

     Auch das Aufstauen ist eine ins Negative umgekippte Form des passiven Einwirkens auf die Welt. Bei ihm geht es dagegen  zun√§chst zu langsam voran. Dem in der Atempause sich aufbauenden Einatemimpuls fehlt der Drive, den das Zerflie√üen im √úberma√ü hat. Was nur z√∂gernd in Fahrt gebracht ist und sich entsprechend der Situation transsensisch hinaus flie√üen sollte, hat es in der Endphase der Einatembewegung eilig und wird durch einen leicht hochgezogenen Brustkorb doch nur bei sich behalten. Denn das Brustbein hilft der tr√§gen Einatemschwingung mit einer h√∂heren Spannung und Nach-vorne-Stellung auf die Spr√ľnge, wodurch der gesamte Brustkorb ohne inneres Dif¬≠fe¬≠ren¬≠zierungspiel der Rippen gezogen wird. So staut sich schlie√ülich die Einatembewegung im Schulterg√ľrtel auf und vermag nicht mehr in die Bewegung des Ausatmens hin√ľber zu schwingen. Dieses verpufft.

     Wenn die Abwehrf√§higkeit der Muskelsinne wie bei Karla H. zu gering ist und deren Empfindsamkeit zu hoch, wird das sensorische √úber-sich-hinausleben in¬≠stabil. Das transsensische Ausdehnen in den Raum ist das Merkmal eines guten Kontaktes. Der esoterische Name daf√ľr lautet Astralleib. Diese sensorische Raumeinfindung war also bei meiner Atemsch√ľlerin nicht wie etwa bei einem neurotischen Charakterpanzer starr eingeengt, sondern sie schwankte vielmehr zwischen √ľbergro√üer Weite und reservierter Zur√ľcknahme bis hin zum sensorischen R√ľckgang in sich selbst.

     Eine derartige Betrachtung lebt von einer an der Atembewegung orientierten und in jahrzehntelanger Arbeit ge√ľbten Sp√ľrf√§hig¬≠keit. Solche pathischen Wahrnehmungen √ľber die H√§nde haben einen vitalen Charakter.. Sie entstehen in einem variantenreichen Bewegungsfeld, das vor allem auch durch die situative Beziehung eines Atemsch√ľlers zum behandeln¬≠den Atemlehrer gekennzeichnet ist. Sie f√ľhren zu einer personenbezogenen Aussage √ľber eine leibliche Charakteristik. Letztere aktiviert sich situativ in der Atem¬≠behandlung, wenn eine √ľber die H√§nde sp√ľrbare Relation identifiziert wird, in welcher die Innenimpulse und Au√üenanregungen ineinander √ľbergehen. In unserem Falle der Arbeit mit Karla H. ist sogar zu vermuten, dass die Ungleichgewichte in dem entscheidenden Punkt derart zugespitzt in ihrer sinnhaften Bedeutung virulent wurden, weil sie nur in der Arbeitsbeziehung mit einem Mann so deutlich ansprechbar werden konnten.

     Die Atembewegung des Na¬≠belfeldes, die als N√§he-Distanz regulierende Kraft der Selbstgebor¬≠gen¬≠heit so entscheidend f√ľr die Gestaltung von Partnerschaften ist, war bei Karla H. nicht mit der des Kreuzbeins verbunden, in dessen Bereich sich nach intensiven Bewe¬≠gungs¬≠be¬≠las¬≠tungen der Schmerz mel¬≠dete. Dem bioenergetischen Feld des Nabels fehlte die Weichheit, die n√∂tig ist, um der Welt empfangend zu begegnen, um letztendlich das unbekannte Innere in den Austausch mit ihr zu bringen. Das Selbstgebor¬≠gen¬≠heitspotential der Nabelkraft gestattet prim√§r, sich seiner selbst gewiss, ohne zu zerflie√üen und ohne enge Abwehrgrenze bzw. starren Brustkorbbewegung, gelassen im Aufnehmen, Austauschen und √úberstr√∂men nach vorne zu leben. Nabelfeld, als Regulation des Tanzes zwischen N√§he und Distanz, Mitte zwischen Innen und Au√üenraum sowie √Ėffnung des Herzraumes sind die entsprechenden Atemgestalten, durch welche diese in den Vordergrund hinaus zu lebenden Verhaltensweisen getragen werden.

     √úber das Nabelfeld definiert sich der Inbegriff des unverstellten Ver¬≠haltens. F√ľr dessen Realisierung bedarf es zweierlei: Erstens muss das Nabelfeld an den Hintergrundsraum angebunden sein, dessen F√ľllung atemdynamisch durch die Vitalkraft des Kreuzbeins √ľber die Wirbels√§ule, vom Stei√ü bis zum Hinterhauptsloch am Kopf energetisch gespeist wird. Die Kreuzbeinkraft als atemenergetischer Antrieb war aber bei Karla H. - wegen ihrer Schmerzen - nur latent vorhanden und musste durch den Kontakt in der Atembehandlung erst regeneriert werden.

     Wir hatten es also in ihrem Fall mit einer deutlichen Vitalit√§tsminderung zu tun. Wegen dieser war auch keine energetische R√ľckbindung des Nabelfeldes zum Atemimpulspunkt im Becken vorhanden, √ľber welchen sich die N√§he-Distanz-Regulation in die Schwerkraft einf√ľgt. Wir wissen bereits, dass bei einer Vollatembewegung der Atemimpulspunkt mit dem k√∂rperlichen Schwerkraftpunkt zusammen f√§llt. Diese Strukturgesetzlichkeit hat f√ľr die N√§he-Distanz-Beziehungen in Partnerschaften einen eminente Bedeutung. Solange Partnerschaften in derartigen Schwerkraftf√ľgungen zueinander in Resonanz stehen, wirft sie nichts um. Fehlt dieses energetische Fundament dauerhaft oder wird es situativ verletzt, so bedarf die N√§he-Distanz-Regulation des Ichs. In diesem Fall ist das obere Feld des Nabels √ľberenergetisiert. Fehlt diese leibliche Gef√ľgtheit in einer Partnerschaft, geht nichts von alleine. Das situative Eingepasst-sein im vital-sensorischen Resonanzkreis beim Handeln und Verhalten muss immer wieder durch einen reflexiven Bewusstseinsakt unterbrochen werden, um eine passgenaue Koh√§renz in der sensorischen Verschr√§nkung der Leiber in der gemeinsam bewohnten und geschaffenen Sph√§re  herstellen zu k√∂nnen.

     Und zweiten gr√ľndet die Sprache des ge√∂ffneten Herzens im vital gebundenen Nabelfeld. Diese bl√ľht aber nur auf, wenn sowohl Herzraum als auch Nabelfeld an die auftreibenden Atemkr√§fte aus dem Becken angeschlossen sind. Das Schmalwerden beim Ausatmen nach dem weitenden Einatmen  gibt mit dem Zur√ľckgehen des Schwerfells einen Empfindungssog nach oben, in der die Aufrichtung durch die Richtungsgebung der Atembewegung stabilisiert wird. In der Middendorfarbeit wird vom ‚Äěaufsteigenden Ausatem‚Äú gesprochen. Wenn die Atembewegung in das Schwerefeld der Erde eingepasst ist, gelingt auch die exzentrischen Positionierung im Raum. Sie kann auf einer transsensischen Leiblichkeit gr√ľnden, die allen Einstellungen und Absichten des Ichs vorangeht und gew√§hrleistet, dass wir √ľberhaupt zu etwas f√§hig sind.

     Die Selbstgeborgenheit im unverstellten Nach-vorne-leben, gelingt nur, wenn das Nabelfeld mit dem Hintergrundsraum verbunden ist. Mit dem Aufbau eines individuellen Horizonts, der sich im Hintergrund sensorisch verankert und damit dem individuellen Handeln den R√ľcken freih√§lt, sind die kollektiven Quellen des Zusammen¬≠lebens angefragt, die der Selbstt√§tigkeit des Einzelnen vorgeordnet und seinem Gutd√ľnken entzogen sind. Der R√ľcken ist demnach nicht nur ein physiologisch-orthop√§discher Sachverhalt, sondern Reservoir einer sensorischen F√ľllung, in welcher alle vergangenen und akut zu lebenden Dynamiken des unbe¬≠fragten Selbstverst√§ndlichen eingehen und uns √ľberhaupt erst ‚Äď  wie bereits angedeutet ‚Äď erm√∂glichen, zu etwas in der Lage zu sein.

     Wir machen hiermit darauf aufmerksam, dass √ľber die sensorische Hintergrundsthematik kollektive Bewusstseinsgehalte ins individuelle Verhalten einschie√üen. Dieses hat sein eigenes Unbewusstes, das bei Verletzungen der unbefragten Kollektivnormen mit eigenen Affekten (Tabu, Verbannen, Versto√üen) reagiert. Ohne diese sensorische Bindung k√∂nnten Menschen keine stabile Sph√§re mit anderen aufbauen, welche die sensorische Kontinuit√§t des leiblichen Verhalten sichert. Wenn die im Hintergrund unbefragt schlummernden Selbstverst√§ndlichkeiten zerst√∂rt werden, m√ľssen in das unmittelbare Zusammenleben immer wieder das selbstreflexive Bewusstsein einbrechen. Deshalb wirkt ein Mobbing so verheerend. Der Verunglimpfte oder Denunzierte steht wegen des festgewordenen R√ľckens wie neben sich oder wird depressiv, wenn es ihm nicht gelingt, all das in reflexiv Distanzen zu setzen, was im gew√∂hnlichen Zusammenleben bei guter Atmosph√§re nie beredet, befragt und am besten im Ungef√§hren gelassen wird.

     Diese Diskrepanz von aufeinander wirkenden Atemkraftfeldern des sensorischen Vorder- und Hintergrund¬≠raumes konnte jedoch bei Karla H. nicht direkt durch die Atembehandlung aufgehoben werden, weil diese n√§mlich von dem anderen genannten Strukturproblem √ľberlagert wurde. Denn es war ja kein eigentliches Defizit an Atemvariabilit√§t, weshalb der Innenraum zu wenig durch Atembewe¬≠gung gef√ľllt und verdichtet war. Es  bestand ein Mangel an Anbindung der Atemfelder und Atem¬≠kr√§fte an ihre Person, die deshalb auch zu wenig entwickelt waren und ihr Ich schw√§chten. Darauf wies die f√ľr die Atembewegung √§u√üerst durchl√§ssige und in au√üergew√∂hnlichem Ma√üe Emp¬≠findungs¬≠diffe¬≠renzen zug√§ngliche Muskulatur von Karla H. hin, die aber auch als ein Resultat dentaler Belastungen anzusehen ist.

     Die Kreuzbeinschmerzen sind keineswegs vordergr√ľndig zu betrachten als eine Angelegenheit einzelner verspannter Muskeln, deren Defizite vielleicht physiotherapeutisch oder osteopathisch zu korrigieren gewesen w√§ren. Vielmehr sahen wir sie durch eine pers√∂nliche Gesamtverfassung hervorgerufen, die an die Atembewegung gebunden war und die es zu trans¬≠zendieren galt, indem deren energetischen und dynamischen Ungleichgewichte durch Atemerfahrungen aufgehoben wurden. Die Schmerzen konnten wegen dieses personenbezogenen Aspektes weder durch Gymnastik noch durch Druck und Dehnung auf einzelne Muskel-, Knochen und Leibpartien aus√ľbende Massagetechniken gelindert werden. Diese physiotherapeutischen Ma√ünahmen zielen nicht auf die menschen¬≠kundliche Dimension, welche mit der R√ľckbindung des Ichs an die Empfindung und der Sammlung der Person auf die Atembewe¬≠gung als integraler Bestandteil des Erfahrbaren Atems nach der Lehre von Ilse Middendorf gegeben sind.

     Ich bot Karla H - deren Atemzustand sich bereits nach der Entfernung des belastenden Zahnmaterials erheblich verbessert hatte - allerst Vokalraum-√úbungen an, denen sich in einfacher Weise gewidmet werden kann. Durch diese eigenst√§ndige Arbeitsweise in der middendorfschen Atemlehre sollte Karla H. nunmehr den Anschluss ihrer Person an ihre hohe Empfind¬≠samkeit finden. Von diesen √úbungen versprach ich mir, dass sie bei Karla H. jene Spannungserh√∂hung hervorrufen w√ľrden, die ihrem Ich in den leiblich gebundenen Wertigkeiten einen R√ľckhalt zur Verf√ľgung stellen k√∂nnte. Es sollte mit den Vokalraum√ľbungen also eine Ichst√§rkung erreicht wer¬≠den. Diese sollte jedoch nicht auf einer Erg√§nzung des Ichs durch eine verstehende oder deutende Psychotherapie beruhen, sondern durch eine ver¬≠besserte, im Unbewussten nach dem Resonanzprinzip wirkende Leiblichkeit organisiert werden.

     Die √ľber die Empfindung vorgenommenen Wertungen des Leibes k√∂nnte man als Instinktprogram¬≠me des Menschen bezeichnen, w√§ren sie nicht sinnhafte und personengebundene Orientierungsweisen. Es sind nicht einmal Instinktreste, wenn uns schlie√ülich eine innere Stimme pr√§zise sagt, was wir tun d√ľrfen und sollen. Dieser Appell der leiblichen Empfindungen an das Bewusstsein entspringt einer eigenen Organisiertheit der sensorischen Existenz des Menschen, der eine personale Mitte zwischen Innenraum und Au√üenraum finden muss. Da die Au√üenwelt in die eigene Binnenrealit√§t hereingenommen ist, birgt die sensorische Existenz dehn unaufhebbaren Grund der seelischen Konflikthaftigkeit  in sich selbst.  Deshalb existiert im Konfliktfall kein Handlungsvollzug, welcher den leiblichen Appellen so ohne weiteres folgt. Sie k√∂nnen vom Ich ernstgenommen oder verdr√§ngt werden. Der Mensch muss sich entscheiden.

     Diese unaufhebbare Verschr√§nkung von Leib und Bewusstheit macht uns darauf aufmerksam, dass die leiblichen Wertungen also gerade keine angeborenen Mechanismen darstellen, wie es Konrad Lorenz und Paul Leyhausen mit ihrem √ľberholten genetischem Determinismus w√§hnten. Denn die gegen√ľber dem Tier reicheren und viel¬≠f√§ltigeren Wertungen, die uns wie Instinkte vorkommen und denen der empfindungssichere Mensch im normalen Alltagsverhalten so selbstverst√§ndlich folgt, haben einen pr√§kognitiven und pr√§verbalen Sinn, dessen leibliche Ordnungsstruktur pr√§zise genannt werden kann: Die pers√∂nliche Wertung des Leibes stellt eine biogra¬≠fische Selektion aus dem Reservoir der men¬≠schlichen Beweg¬≠ungs- und Verhaltensweisen dar, deren Gliederung durch das chinesische Meridiansystem erfasst worden ist (vgl. hierzu vom Verfasser, Ruin√∂se Zahnwerkstoffe).

     Das bewusstseinst√§tige Ich erf√§hrt mit seinen Gesinnungen, Moralideen und ethischen Prinzipien Widerhall, Widerspruch und R√ľckhalt in der biografisch geronnenen Leiblichkeit der Person. Damit wird das Ich zum eigentlichen Grenzg√§nger zwischen Sozialem und Kreat√ľrlichem. Das Naturprodukt Mensch strahlt jedoch als Person durch die wertende Leiblichkeit aus und wird dadurch als Zivilisationsprodukt ges√§ttigt. Die Atemarbeit nun zielt auf die personale Koh√§renz ab, die √ľber die sen¬≠¬≠sorische Verschr√§nkung der Binnenrealit√§t mit der √§u√üeren Gegenwelt hergestellt wird. Das Ich soll also vom Leib her, von dessen sensorischen Verschr√§nkung zwischen Innen- und Au√üenwelt angesprochen werden.

     Das Ich kann sich aufraffen und einstellen. Die sinnhaft informierenden Resonanzbeziehung zwischen Innen und Au√üen bleibt ihm jedoch unverf√ľgbar. Von dieser wei√ü weder das Ich etwas noch ist es an dieser beteiligt. Das Ich kann jedoch transzendiert werden, falls es gelingt, in der Tiefe der Atemleiblichkeit eine Wandlung der Person einzuleiten. √úber das Einleben einer h√∂heren Koh√§renz der sensorischen Leibverschr√§nkung in den verschiedenen Lebenssph√§ren sollte das Ich von Karla H. gest√§rkt und der Zug der Selbstliebe, dem sie ihn ihrem meditatives Bewegen fr√∂nte, abgebaut werden. 

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Produktive und kreative Spannungsintegration
Bei Karla H. sollte die Frage der Sph√§re das schweigende Singen von Vokalen anleiten. Dieses sollte ihr helfen, zun√§chst den √úbergang von einer blo√ü fl√§chigen zu einer r√§umlichen Empfindungsausdehnung zu erleben, um sich des weiteren der qualitativen Unter¬≠scheidungen ihres atembewegten Innenraumes gewiss werden zu k√∂nnen. In der Unf√§higkeit, mit dem Ich die Eigenraumf√ľllung durch differente Atemstrukturen in die Wahrnehmung zu nehmen, existiert √ľbrigens ein gemeinsames Merkmal der narzisstischen und der depressiven Seele. Die erstere ist bei der transsensischen Ausdehnung in den Raum durch eine zu starre Ausrichtung des Ichs ins Au√üen behindert und letztere verliert durch einen R√ľckzug des Ichs aus ihm jede empfindende Unterscheidungsf√§higkeit, weshalb alles grau und leer erscheint.

      Die Vokalraumarbeit sollte dar√ľber hinaus dazu beitragen, bei Karla H. die sensorische Verschr√§nkung der differenzierten Schichtungen des Innenraumes mit der Vielzahl der Au√üenr√§ume zu verbessern, um ihre Ichkr√§fte zu st√§rken. Sie sollte sich in ihrem Auftreten als selbstgewisse Person erleben lernen, die es nicht mehr gezwungen sah, vorgegebenen Idealen, wie sie zu sein hatte, nachzueifern. Was als erlebte Empfindungsdifferenzierung gegen den Narzissmus heilsam sein kann, weil n√§mlich das Ich auf die personale Wertigkeiten des Leibes aufmerksam wird, w√§re jedoch bei Depressionen kon¬≠tra¬≠indiziert. Der an letzterem Erkrankten leidet n√§mlich nicht an einer zu geringen, sondern an einer √ľberh√∂hten Sensibilit√§t.

     Vor allem aber ermangelt es dem Depressiven an vitalen Impulsen aus dem Becken. Auch diesem fehlt Kreuzbeinkraft, welche die atemdynamischen Beziehungen zum Au√üenraum unterh√§lt. Beim Depressiven ist wegen des sensorischen R√ľckzugs aus dem Au√üenraum die Ichkraft zerfallen. Die sensorische Leibgrenze, die bei Kontakt √ľber die K√∂rperkontur hinausgeschoben ist, ist bei Depressionen hinter diese hereingenommen. Eine vornehmlich auf die Empfindung sich st√ľtzende Vokalraumarbeit w√ľrde diesen Spannungszerfall verst√§rken und in einer hierdurch wiederum bedingten Sammlungsunf√§higkeit lediglich den Personenverlust manifestieren.

     Bei Karla H. war mit Hilfe der Vokalraumarbeit die Verschiebbarkeit der sensorischen Leibgrenze zu flexibilisieren. Die selektierende Kontaktf√§higkeit an der Leibgrenze w√§chst, wenn sich die Innenr√§ume ausdifferenzieren und empfindungsstabil das Ich in seiner Aktivit√§t unterst√ľtzen. Je nachdem, wie die sensorische Leibgrenze gegen√ľber der K√∂rperkontur nach innen und au√üen verschiebbar ist, werden die Ma√üe f√ľr die elastische Abfangf√§higkeit von Au√üeninformationen, die muskeltonische Abwehrh√§rte gegen die Au√üenwelt oder den dystonen R√ľckzug in sich selbst gesetzt. Der narzisstischen Empfindungsschw√§che entspricht eine zu eng geschn√ľrte Leibgrenze, w√§hrend sie ‚Äď vergleichen wir weiter - beim Depressiven hinter der physikalische K√∂rpergrenze aufgebaut ist und beim schizophrenen Erleben au√üerdem noch durchl√∂chert ist. Wenn die leibliche Grenze wie im letzteren Fall nicht mal mehr befestigt ist, wird die Empfindung zum St√∂rfeld. Die Informationen aus dem √Ąu√üeren verm√∂gen ungehindert in den Eigenraum einbrechen. Ungefiltert  durch die sensorische Leibgrenze bauen sie sich zum wahnhaften Gefl√ľster auf.

     Die middendorfsche Arbeit mit dem Laut, zu der ich Karla H. anleitete, sollte also mitnichten dem vordergr√ľndigen Ziel einer Stimmbildung dienen. Das √úben am Atem sollte erweiterten Verhaltensm√∂g- lichkeiten die T√ľr √∂ffnen, die durch das Verlassen oder das Einleben in den bestehenden sowie durch den Kontakt in neu entdeckten Gesellungs¬≠einheiten den Gesamttonus umstellen. Es galt also die Atembewegung im Interesse zu mobilisieren und auszudifferenzieren, damit Karla H. ein dynamisches Gleichgewicht zwischen den √§u√üeren Vorgaben und den inneren Atemkr√§ften aufzubauen vermochte

     Dieser Weg ist krisenhaft und zeigt uns endg√ľltig, wie wenig der Atem als Mechanismus verf√ľgbar ist und weshalb technisches √úben an Grenzen ger√§t, welche durch die Personengebundenheit und Sinn¬≠haftigkeit des Leibes gesetzt sind. An der Atembewegung als Medium des Sensorischen zeigt sich unsere Lebendigkeit, die Inneres unauf¬≠heb¬≠bar ans √Ąu√üere bindet. Deshalb wird das am Atem Ge√ľbte keineswegs auto¬≠ma¬≠tisch in die Kreisl√§ufe des ‚Äěinneren Milieus‚Äú (Claude Bernard) √ľbernommen. Es schafft lediglich die M√∂glichkeit eines differenzierteren Verhalten. Atemerfah¬≠rungen entfalten auf einem vom Ich unbeherrsch¬≠baren Feld ihre Wirksamkeit, indem sie das dem Ich unbekannte Innere sprechen lassen. Innere Ent¬≠wick¬≠lungsschranken k√∂nnen beiseite ger√§umt und Wege der Selbstentfaltung gebahnt werden.

     Beim √úben mit Atemlauten tritt keine willk√ľrlich eingesetzte Bewegung zwischen das Empfinden und Sammeln. Dies ist noch bei der sensitiven Bewegung der Fall, die viele K√∂rperarbeiten, die Feldenkrais- Bewegung, die Konzentrative Bewegungstherapie oder das Tai Chi einsetzen. Die Beimischungen des Ichs sind deshalb bei der middendorfschen √úbungsweise mit Vokalen gegen√ľber der Arbeit mit der Bewegung besonders herabgesetzt. Die middendorfsche Vokalraumarbeit ist Selbstkontakt und unterscheidet sich darin auch vom Kontakt mit einer anderen Person wie in der Atembehandlung, die zun√§chst mit vom Ich aus- gef√ľhrten Aktionen einsetzt. Dabei entstehen auch Antworten des Ichs auf die Ber√ľhrung des Atemlehrers in der Atembehandlung, die sich  vor die Erfahrung des eigenen Atemrhythmus stellen. Dagegen setzt die Vokalraumarbeit einfach und direkt im Sinnenreich an, um den reinen Atemlaut durch ein ‚Äěstummes Singen‚Äú als pure Erlebensqualit√§t zu pflegen.

     Die Arbeit mit dem Vokal schlie√üt uns den Atemleib in seinen innerlich gegliederten R√§umen auf. Das √úben mit den stimm¬≠¬≠haften Konsonanten setzt eine antreibende oder zentrierende Aus¬≠atemkraft frei, w√§hrend der Einsatz von stimm¬≠losen Konsonanten Einatem- und Ausatemimpulse dynamisiert. Indem sich durch diese √úbungsweise die Muskulatur mit Atembewegung f√ľllt, deren qualitative Schichtung dem Erleben im In-der-Welt-sein entspricht., entsteht eine die Vitalit√§t antreibende, die Empathie unterhaltende und die Selbstverwirklichung f√ľhrende Atemkraft, der es Karla H. ermangelte, wo¬≠durch ihr Tun von ihrem narzisstisch eingef√§rbten Ich getrieben, nicht jedoch von der Person mit ihrer leiblichen Wertigkeit getragen wurde.

     Mit dem Einatmen weiten wir uns nicht nur, sondern lehnen uns zugleich in den Raum hinaus. Es ist dieses transsensische Ausfalten √ľber die eigene K√∂rperkontur hinaus, durch die wir eine Sph√§re des Verbindenden mit dem anderen bilden. Diese sensorische Ausdehnung wird mit der Einatemweitung in ihr Ma√ü gesetzt, das durch ein Hinausschieben der Leibgrenze bestimmt wird, was den Kontakt mit dem anderen herzustellen erlaubt. Die andere Seite der Ausdehnung ist die Positionierung im Raum, die durch den Einfaltungsakt in der Ausatembewegung gesichert wird. Dieses Zusammenspiel ist es, das der ‚Äěexzentrischen Positionalit√§t‚Äú (Helmut Plessner) nicht nur unterlegt ist, sondern diese auch realisiert.

     Die volle Atembewegung unterh√§lt also einerseits das einen eigenen sensorischen Horizont bildende Hinausleben √ľber sich selbst, wodurch die Anregungen der vielschichtigen Au√üenr√§ume in sich aufgenommen werden k√∂nnen. Eine Vollatembewegung gew√§hrleistet andererseits, dass im empa¬≠thischen Informationsvorgang des sensorischen Leibes gleichzeitig die Eigenposition als pers√∂nlicher Standpunkt, und das hei√üt Eigensinn, zentriert werden kann.

     Mit meiner Atemsch√ľlerin wollte ich durch diese √úbungsweise mit den Vokalen au√üerdem von der durch sie praktizierten meditativen Bewegung weg, die der sensitiven Bewegungsarbeit im Erfahrbaren Atem in manchem √§hnelt, soweit unwillk√ľrliche Innenimpulse zum Tragen kommen und als Ausdruck der Seele sich in der Bewegung darbieten. Klara H. sollte durch die Vokalraumarbeit eine leibliche Unterschei¬≠dungs¬≠¬≠f√§higkeit zuwachsen, indem sie jene Vokalraum-Spannkraft in der Einatembewe¬≠gung aufbaute, welche ein ihren Lebenserfahrungen, erworbenen F√§higkeiten und ausgebildeten Fertigkeiten gem√§√ües Hinausleben √ľber sich selbst erlaubte. Wegen der zu geringen Abwehrkraft und der zu hohen Durchl√§ssigkeit der Atemmuskulatur war ihr das sensorische √úber-sich-hinaus-leben mittels der sie an der Sph√§renbildung mit ihrer Person teilhat, nur im beschr√§nkten Ma√üe verg√∂nnt.

     Bei Karla H. war alles andere als eine K√∂r¬≠per¬≠sensibilit√§t zu gewinnen, die gegen√ľber einer eventuellen Abgestumpftheit dazu h√§tte dienen k√∂nnen, in eine seelische Erlebnisf√§higkeit zu gelangen. Daran fehlte es Karla H. gerade nicht. Sie verf√ľgte stattdessen √ľber eine zu durchl√§ssige Muskel¬≠struk¬≠tur, die sich im Ungleichgewicht zur Atemkraft befand. Dieses entgleiste bei ihr in den funktionalen Schmerz, weil es ihre elastische Abwehrf√§higkeit gegen√ľber fremden Einfl√ľssen unterminierte. Dem war allererst durch die Vokalraumarbeit entgegenzuarbeiten.

     Wegen der hoher Sensibilit√§t waren bei der Atembehandlung tunlichst dehnende Griffe zu unterlassen. Auch  dehnende Bewegungen h√§tten die hohe Durchl√§ssigkeit von Karla H.s Muskelstruktur verst√§rkt. Eine derartige in vielen sensitiven Bewe¬≠gungs¬≠arbeiten (Tai Ch‚Äôi, Felden¬≠krais-Bewegung, Konzentrative Bewegungstherapie) gepflegte, die Muskulatur dehnende Vorgehensweise w√§re ebenfalls f√ľr Karla H. kontraproduktiv gewesen. Diese L√∂sungsweise w√ľrde die Nabelblockade nur verfestigen, weil diese gewebliche Verh√§rtung auch eine Reaktion auf eine gesamtmuskul√§r zu hohen Durchl√§ssigkeit und dementsprechenden Sensibilit√§t war.

     Wegen der hohen Sensibilit√§t h√§tte zun√§chst selbst das kurze Verweilen der H√§nde an einer Stelle w√§hrend der Atembe¬≠handlung Karla H. √ľberachtsam werden lassen, wodurch ihre f√ľr die Weitege¬≠winnung vertrauensvolle Hingabe an das Atemgeschehen abgebremst worden w√§re. Unter den H√§nden reagierte sie nur auf leichten Druck in den Einatemimpuls mit eigenen, von innen kommenden Antworten. Diese galt es mit den H√§nden entgegenzunehmen, um sogleich zu einem n√§chsten Haltepunkt der Ansprache weiterzuwandern. Erst nach einer l√§ngeren Mobilisierung ihrer Atembewegung konnten endlich die H√§nde liegen bleiben, um Karla H. die M√∂glichkeit zu geben, das durch den Kontakt Angeregte in sich aufzunehmen.

     In der Atembehandlung musste durch ein kurzbemessenes Dr√ľcken die Atemkraft mobilisiert werden. Das manuelle Instrument des l√∂senden Auf¬≠dehnens der Muskulatur, das sich in den Atemrhythmus ohne geringste Hast einschmiegt, durfte ebenso wenig genutzt werden. Im Gegensatz dazu k√∂nnte in anderen F√§llen wiederum die Atemkraft gesteigert werden, wenn die Durchl√§ssigkeit mittels spannungsl√∂sender Dehnungen verbessert oder nunmehr allerdings bei vorliegender Emp¬≠findungs¬≠schw√§che ebenfalls die Person durch eine verweilende Anwesenheit an die Atembewegung angebunden w√ľrde, wodurch deren leibliches Werten dem Ich einen R√ľckhalt oder Widerhall spendieren k√∂nnte.

     √úber ein von au√üen gesehen nur fl√ľchtig erscheinendes Dr√ľcken also, das jedoch Karla H. als Person meinte und diese intensiv ansprach, gelang es, die Anspr√ľche und Absichten des Ichs zur√ľckzustellen und Person in eine hingebende Anwesenheit innerhalb ihres Ateminnenraumes hineinzulocken, wodurch der Atem weiterwachsen konnte. Nachdem sich ihr Atemraum von innen her zu f√ľllen begonnen hatte, konnte Karla H. unter meinen H√§nden in der Tiefe ihrer unwillk√ľrlichen Bewegtheit √ľber mehrere Atemz√ľge hindurch pr√§sent bleiben, was ihr zu Beginn unserer Zusammenarbeit noch nicht gelingen mochte. Denn das Auseinanderfallen von Durchl√§ssigkeit und Atemkraft baut nicht nur eine gelassene Hingabe ab, sondern provoziert √úberachtsamkeit .

     In der Middendorf-Arbeit wird alles andere als ein naives Sich-selbst-Sp√ľren gepflegt. Man wei√ü wegen des methodisch konsolidier¬≠ten Umgangs mit der subtilen Bewegungsweise des Atems und durch den in langj√§hrigen Erprobungen gereiften Einsatz von √úbungsm√∂g¬≠lich¬≠kei¬≠ten bestens, dass ohne die Entwicklung von Atemquali¬≠t√§ten eine Selbstzuwendung kontraproduktiv sein kann. Ein unsachgem√§√ües √úben, in welchem man ohne versierte Anleitung schneller als man denkt landen kann, kann die Atembewegung erstarren lassen, eine Selbstbeob¬≠ach¬≠tung initiieren und eine leidige Hypersensibilisierung gepaart mit sozialer Weltfl√ľchtigkeit auch erst hervorrufen.

     Denn der Atemsch√ľler soll sich im Alltag mit seinen Sinnen der Welt zuwenden und mitnichten deren Ausrichtung gleichzeitig nach au√üen und nach innen aufspalten, weil dies dessen Handlungsf√§higkeit beeintr√§chtigen w√ľrde. Der dem Reiz des Neuen unterliegende Atemsch√ľler wird aus¬≠dr√ľck¬≠lich davor gewarnt, bei jeder Gelegenheit in sich hineinzusp√ľren. Denn dadurch w√ľrde seine durchs √úben gewonnene Empfindsamkeit gleich wieder in eine spannungslose Hypersensibilit√§t fehlgeleitet. Die Hypersensibilit√§t ist nur das Derivat einer differenzierungsf√§higen Empfindlungsf√§higkeit. In ihn schl√§gt vor allem das Beeintr√§chtigende aus der Au√üenwelt durch, weil die Regulation durch eine tonische Abwehrkraft fehlt, welche die Funktion hat, innerhalb eines personal gesetzten Rahmens die eigene Empfindsamkeit zu sch√ľtzen. Vor allem ist bei einer Hypersensibilit√§t die Eutonie der Gesamtmuskulatur verloren, welche die l√∂sende Gammasteuerung der Reflexe in ihr Recht einsetzt, um der den gesamten Leib erfassenden Vollatembewegung eine variantenreiche Modulation in Atemgestalten zu erm√∂glichen.

     Indem der Umgang mit der eigenen Atembewegung die Empfindung differenziert, zielt er auf eine produktive und sch√∂pferische Haltung gegen√ľber der Welt. Diese lebt von einem durch die gestalthaften Formen der Atembewegung geeinigten Kraftfeld, welches als Immunsystem fungiert, was die Binnendifferenzierung sch√ľtzt. Der Mensch w√§chst, indem er sich durch sein Verhalten differenziert in sensorische R√§ume hinausfaltet, die er gegensinnig zugleich in sich einzufalten hat. √úber den wechselnden Aufbau von Atem findet eine Sph√§renkonstitution in den Situationen des Lebens statt. Ohne diese zerf√§llt die Handlungsf√§higkeit, weil das Ich in seinem leiblichen R√ľckhalt irritiert ist. Ebenso wenig gibt es im existentiellen Dasein ohne Sph√§renkonstitution eine Integration der gegens√§tzlichen Kr√§fte, durch die das Sch√∂pferische freigesetzt wird, bei dem das unbekannte Innere die Integration des Fremden in das Eigene aufruft.

     Die im Alltag wechselhaft aufgebauten Atemgestalten integrieren beim produktiven und kreativen Schaffen gegens√§tzliche Spannungen. Die aufzubauenden Atemgestalten formen diese, wodurch sie die Einheit der Sinne gew√§hrleisten. Dazu geh√∂rt auch, dass in dieser Einheit auch die sensorischen R√ľckst√∂√üe der verschiedenen Einzelelemente des motorischen Handelns in das Innere zu einem Gesamt integriert sind. Innerhalb diesem wird durch die biografisch eingelebten Spannungen dem jeweiligen Verhalten eine spezifische Qualit√§t der Wachheit, Aufmerksamkeit und Erinnerung zugewiesen. Das pure Erleben des eigenen Atemflusses vermag nun diese Anweisungen umzuformulieren. Die im Leib geronnenen Wertigkeiten k√∂nnen umgegossen, erweitert und in pers√∂nlicher Sinnhaftigkeit ausgerichtet werden.

     Das gegl√ľckte Werk, eine gelungene Planung oder eine weiterf√ľhrende Beratung, eine formvollendete Komposition oder eine beseelende Darstellung eines Kunstwerks k√∂nnen deshalb weder durch ein blo√ües Nachgehen spontan sich meldender Bed√ľrfnisse noch ein blo√ü intuitives Zusammenf√ľgen disparater Motive sein. Auch letzteren kann nicht allein durchs Empfinden auf die Spr√ľnge geholfen werden, weil sie sich in einseitig durchlebten und auch durchlittenen Spannungen niederschlagen, deren komplexe Zusammenkunft gelingen kann, wenn sie einer deutlichen Vorsatzbildung folgen. Hierzu bedarf es des Aufbaus anthropologisch bedeutsamer Atemgestalten, die eine gelungene Vorsatzbildung in ihrem Abrufen abst√ľtzen und den unmittelbaren Durchschlag von informatorischen Au√üeneinfl√ľssen auf die eigene Leiblichkeit abwehren.

     Das wechselnde Atemspiel jedoch bleibt immerzu dem Ich unverf√ľgbar, weshalb √ľberhaupt der Bewusstseinsstrom durch die Bewegung des Atems unterhalten werden kann. Das eigentlich Lebendige Atemgestalt darf uns sogar im Alltag gar nicht empfindungsbewusst werden. Durch eine derartige Innenwendung w√ľrde deren Wirkkraft f√ľr das gelungene Handeln zerst√∂rt. Zwischen der p√§dagogisch-therapeutischen Praxis und dem All¬≠tagsleben liegt eine betr√§chtliche Kluft, die nicht zu √ľberspringen und nur durch einen sorgf√§ltigen Br√ľckenbau zu √ľberwinden ist.
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Selbstversenkung
Was die Mo¬≠der¬≠ne mit ihrem cartesianischen Mo¬≠dell des Ego ins Extrem gesteigert hat, n√§mlich die Abstandnahme des Menschen von sich selbst, welche die Grundlage seiner t√§tigen Welt¬≠orien¬≠¬≠tierung ist, darf die Atemarbeit ihrem Anspruch nach keineswegs durch eine in der Vitalit√§t lahmende esoterische Lebenseinstellung zur√ľcknehmen. Diese dementiert einseitig die moderne  Rationalit√§t des westlichen Institutionenbaus. Diese brachte einerseits die individuelle Selbstt√§tigkeit hervor und verhalf ihr zur geschichtlichen Spannung.. Andererseits konnte die Wissenschaft als Magd der Theologie entstehen.      Der Weg nach innen kann Weisheit verb√ľrgen. Er bringt jedoch kein empirisches Wissen hervor. Die die Esoterik will alles, was in der Welt vor sich geht, nur noch bei sich selbst sp√ľren, um ausschlie√ülich von der empfundenen Schwingung her, vielleicht st√§ndig mit einem siderischen Pendel oder ansonsten mit einem Biotensor in der Hand oder auch durch irgend einen anderen Resonanzabgleich entscheiden, ohne noch ein rational gesichertes Kriterium f√ľr das Urteilen zu haben. Zweifellos kann Zutreffendes, Zusammenpassendes und Entsprechendes durch Resonanzabgleiche ermittelt werden, aber Stimmigkeitskritieren k√∂nnen nur innerhalb des Rahmensvon Wertordnungen handlungsleitend werden, die √§u√üerlich, n√§mlich kulturell durch geschichtlich entwickelte Institutionen gesetzt sind.

     Indem sich die Esoterik der animistischen Information vergewissert, begibt sie sich in die Gefahr, diese zur eigentlichen Rationalit√§t aufzubauen. Wird dieser unterlegen, reist der biografisch aufgebaute Selektionsschutz, den die Bindung des Verhaltens an Sph√§ren bietet. Es entsteht ein st√§ndiges, sich selbst beob¬≠ach¬≠tende und sich selbst sp√ľrende Unter¬≠spanntsein, das in einen Zustand der fl√ľchtigen Weltausblendung eskaliert. Mit einem Befinden im Raum, bei dem das exzentrische Positioniert-sein als ein √úber-sich-hinaus-sein zur√ľckgenommen ist, korrelieren Atemst√∂rungen.

     Die Absichten der Atemarbeit qualifizieren sich durch ein Unterscheiden, f√ľr das Atemqualit√§ten der Bezugspunkt sind. Karla H.s Ungleichgewicht zwischen mangelnder Atemkraft und erh√∂hter Durchl√§ssigkeit d√ľrfte sich durch den bereits angesprochenen alter¬≠nativen Medikamentenkonsum und feinem Sen¬≠si¬≠bili¬≠t√§tserh√∂her verst√§rkt haben. Man musste bei ihr bef√ľrchten, dass sie durch ihre nach Gutd√ľnken bemessene Einnahme von hom√∂opathischen Tiefpotenzen geradezu die Symptombilder hervorgerufen hatte, die sie bek√§mpfen wollte. Die Erfahrung im Blick auf die Atembewegung bei der Wirkung von hom√∂opathischen Medikamenten, l√§sst dies vermuten: Es gibt auch die Atembewegung schw√§chende Hom√∂opathika.

     Man kann die Atemwirkung einfach testen, indem man sie dem Atemsch√ľler w√§hrend der Atembehandlung in die Hand gibt. Aber auch die geballt Einnahme von Nosoden kann die Atembewegung schw√§chen, wenn nicht die Gesamtregulation im Blick gehalten und die Ausgleichsm√∂glichkeiten durchgemessen werden, wie es die Elektroakupunktur methodisch erprobt hat. Auch die Heilhindernisse sind beim Einsatz von hom√∂opathischen Medikamenten zu beachten. Sie k√∂nnen nicht nur deren Wirkung verrauschen lassen, sondern diese gar sch√§dlich werden lassen. Auch hier hatte die Elektroakupunktur seit den f√ľnfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begonnen, die Einschr√§nkung der Resonanzf√§higkeit des Organismus durch Heilhindernisse mit ihrer elektrophysiologischen Messkunst zu ermitteln.

     Vor allem gilt es beim Streit um die Hom√∂opathie die Steine auf die Waagschale der Wirksamkeit zu legen. Denn selbstredend ist auch die positive Wirkung des hom√∂opathischen Medikaments an der Atembewegung abzulesen. Ist die Atembewegung gen√ľgend resonanzf√§hig, so d√ľrfte auch das Medikament erstaunlich wirkungsvoll durchschlagen. Dabei gilt folgende Ordnung: Die 50.000-fach verd√ľnnten LM- oder Q-Potenzen wirken auf biografisch erworbene Zwerchfell rigidit√§ten bzw. eklatante tonische Disparit√§ten, die sich als Zwerchfell-Fehlstellungen manifestieren. Die 10-fach verd√ľnnten D-Potenzen wirken auf die Atembewegung formbildend. Sie unterst√ľtzen in der Atemarbeit den Aufbau von Atemgestalten. Und die 100-fach Verd√ľnnungen, die C-Potenzen, wirken bei aktuellen Konflikten d√§mpfend oder auch aufl√∂send. Aber all diese Wirkungen verpuffen meist bei chronifizierten Krankheiten, erzeugen oftmals nur Unruhe oder wirken sogar gar kontraproduktiv, wenn der Atemleib durch biologisch inkompatible Zahnwerkstoffe oder auch √ľberhaupt in seiner Gesamtverfassung nicht mehr gen√ľgend resonanzf√§hig ist

     Au√üerdem d√ľrfte bei Karla H. ihre medi¬≠ta¬≠tive Art des t√§glichen Tanzen kontraproduktiv gewesen sein. Durch diese kaum ins Kraftvolle gehende Darstellungsweise des urspr√ľnglichst Inneren, die von einem beliebigen Hineintauchen in die durchs Tanzen aufgebauten Empfindungsfelder lebt, wurde vermutlich ihre Muskulatur weiter in eine extreme Durchl√§ssigkeit hineinman√∂vriert. Im Zusammenspiel mit dem alternativen Medikamentenkonsum und mit der vorhandenen dentalen Belastung entwickelte sich der f√ľr sie so unerkl√§rliche Schmerz. Hatte sie doch so gesund gelebt und alles getan, was ihr als alternative Gesundheitspr√§vention so anempfohlen worden war.

     Das unspezifizierte Empfinden, das Karla H. ausgiebig beim meditativen Tanzen pflegte, kann bei einem wenig robusten Menschen geradezu anthropologische Atemquali¬≠t√§ten besonders dann abbauen, wenn er noch durch kunststoffhaltige Zahnwerkstoffe belastet ist. Beides steigert eine abwehrlose Unterspannung und f√ľhrt selbst im T√§tigsein oftmals zu einer Atemweise, die der Ruhe angemessen ist. Die dynamische Modulation von Atemgestalten als Daseinweise setzt wenn √ľberhaupt verlangsamt ein und ist meist zugunsten eines gleichf√∂rmigen Atemrhythmus ersetzt, welcher nur noch den Bed√ľrfnissen des Luftaustausches gen√ľgt.(Auf eine n√§here Charakterisierung des Modus der Ruheatmung ist noch ausf√ľhrlicher zur√ľckzukommen.)

     Das Sich-selbst-sp√ľren beim Tanzen l√∂st zun√§chst das normale Wechselspiel zwischen Innen und Au√üen auf, was in therapeutischer Absicht sinnvoll sein kann. Es wird oftmals gerade von jenen so geliebt, bei denen bereits eine vereinseitigte Innenwahrnehmung vorliegt, die keine Spannung mehr zur Au√üenwelt zu halten vermag. In diesem Fall wird der Trans¬≠sensus in den Raum noch weiter zur√ľckgenommen und die F√§higkeit geschw√§cht, eine dem jeweiligen Tun und Lassen gerechte Spannung des muskul√§ren Gewebes aufzubauen. Deren aber bedarf es, damit sich eine flexible Abgren¬≠zungs¬≠f√§higkeit, der es Karla H. ermangelte, entwickeln kann.

     Wenn sich bei hoher Empfindsamkeit die F√§higkeit zur muskul√§ren Ab¬≠wehr vermindert, entsteht eine eigenartige Starre. Es erh√∂ht sich einerseits zum Schutz vor einer √úberreizung automatisch die Spannung an den Gelenken ‚Äď und auch an den sehnigen Muskelenden, die am Kreuzbein ansetzen, weshalb bei hoher Beanspruchung dort Schmer¬≠zen entstehen k√∂nnen. Diese die Erscheinung der Person formierende Gelenkfesthaltung korrespondiert andererseits immer mit einem ungen√ľgend sich f√ľllenden mittleren Atemraum, der dann nach auch wie bei Karla H. wegen der Nabelfeldblockade nach vorne √ľberdehnt sein kann. Der mittlere Atemraum liegt zwischen Brustbeinspitze und Bauchnabel. Wir kennen dieser Zuordnung entsprechend noch einen oberen und unteren Raum. Zum ersteren geh√∂ren der Schulter¬≠g√ľr¬≠tel, die Arme und der Kopf, zum letzteren das Becken und die Beine.

     Doch die eigentliche Belastung, aus der die beiden energetische Ph√§nomene im Nabelfeld und dem mittleren Atemraum hervorgehen liegt tiefer und verweist auf einen Elternkonflikt. Es ist n√§mlich die Atemgestalt Wurzelkraft verletzt, die ihre Grundthematik in jener Atemr√§umlichkeit und Atemzentrierung hat, die zwischen den H√ľftgelenken und Leisten, unterhalb des Atemimpulspunktes und oberhalb des Beckenbodenzentrums liegt. Wir haben bereits oben die Gravitationsbez√ľge der Atembewegung ausf√ľhrlich besprochen. Hier k√∂nnen die Bez√ľge bildhaft vorgestellt werden. Wir wurzeln unterhalb dem k√∂rperlichen Schwerpunkt, der bei einer Vollatembewegung mit dem Atemimpulspunkt zusammenf√§llt, und verankern uns im Beckenbodenzentrum. Gelingt etwa eine Atemarbeit zum Aufbau der Atemgestalt Wurzelkraft, bei welcher die Tragf√§higkeit dieser muskul√§r-sehnigen √úberg√§nge schrittweise von der Ebene der Fu√ügelenk bis hoch zu jener der Schultergelenke entfaltet wird, so entsteht eine kompakte im Wurzelraum zentrierte und im mittleren Atemraum besonders gef√ľllte Eigenr√§umlichkeit, welche die sensorische Differenz zum Au√üen geradezu aufdr√§ngt.

     Durch die Weise des Inne-seins beim meditativen Tanzen steigert sich zweifelsohne die Sensitivit√§t. Aus der Atemarbeit wissen wir noch aus einem anderen Grund, dass das auch hier Unwegsamkeiten lauern und diese in eine Sackgasse f√ľhren kann. Motion und Sensorik k√∂nnen sich bei jedem sanft-beschaulichen Sp√ľren und Bewegen n√§mlich auch voneinander abkoppeln. Die Bewegung kann perfektioniert werden und mechanisch aussehen, wenn sie nicht vermittels der Atembewegung in den personalen Ausgleich zur Emp¬≠findung gesetzt wird. Gerade die middendorfsche Lehre des Erfahrbaren Atems mahnt mittels ihres Sammlungsaspektes gegen alle Beliebigkeit die Per¬≠sonen¬≠bezogenenheit in der Sinnlichkeit die Sinnhaftigkeit an und gibt dem qualifizierten Atemlehrer Mittel zum Ausgleich in die Hand. Die Innenschichten sollen nicht nur im Interesse einer gr√∂√üeren Bewegungs- und Ausdrucksm√∂glichkeit unterscheidungsf√§hig werden, sondern auch entsprechend dieser Differenziertheit der Inneninstanz die Abwehr¬≠f√§higkeit zum Schutz des Eigenen mitwachsen lassen.

     So k√∂nnen wir noch innerhalb dieses Problemkreises noch einen weiteren Grund identifizieren, weshalb sich bei Karla H. das Ungleichgewicht zwischen hoher muskul√§rer Durchl√§ssigkeit f√ľr die Atembewegung und mangelnder Abwehrkraft durch die Atembewe¬≠gung versch√§rfte. Dieser d√ľrfte in ihrer jahrelangen Yogapraktik gelegen haben. Auch sie war ein Versuch des Ausgleichs ihres pers√∂nlichen Dilemmas, das ihre weiblichen Sch√∂nheit hinter einer neurotischen Traumverlorenheit verstecken lie√ü, was sie weiter in ihrem Narzissmus best√§rkte.

     Der Yoga bezweckt, den K√∂rper f√ľr geistige Selbstversenkungsvorg√§nge durchl√§ssiger und auch f√ľr die normale Wider¬≠st√§n¬≠digkeit im Leben nahezu √ľberempfind¬≠lich zu machen. Bezogen auf den Aspekt einer ma√üsetzenden Ausdifferenzierung der Empfindung gibt es zwar auch hier eine Gemeinsamkeit mit der middendorfschen Atemarbeit. Diese endet aber endg√ľltig dort, wo der Yoga darauf angelegt ist, die Per¬≠son als pr√§kognitiv und pr√§verbal wertende¬≠ Leiblichkeit im Interesse zu neutralisieren, die Negation von allem Bestimmten, das absolute Nichts n√§mlich, als Ausgang der Spiritualit√§t zu setzen.

     Der Lotussitz verlagert den k√∂rperlichen Schwerpunkt in den Beckenboden und minimiert dadurch radikal die Schwerkraftreize, an die alle leibliche Wertung gebunden ist. Dagegen arbeitet der Erfahrbare Atem zun√§chst im Sitzen und sp√§ter im Stehen, um gerade eine pers√∂nliche Mitte zwischen Innenraum und Au√üenraum zu finden. Die Atemmitte, die wie alle Atemgestalten den gesamten Leib in der Innen-Au√üenbeziehung  betrifft, ordnet sich zwischen Bauchnabel und Brustbeinspitze im mittleren Atemraum. Da die Mittenintegration auch besonders fliehkraftbezogen ist, kann man auch im Unterschied zu dem k√∂rperlichen Schwerpunkt im Becken (Atemimpulspunkt) von einem pers√∂nlichen Schwerpunkt in der Aufrichtung sprechen, bei dem die sensorische Horizontalit√§t integriert ist.

     Wegen der Komplexivit√§t des Verh√§ltnisses von Bewusstsein und Erleben einerseits und Atmen-Empfinden-Sammeln andererseits kann zun√§chst gar nicht in der einzelnen √úbungsweise die eigentliche Differenz zwischen Erfahrbarer Atem und Yoga festgemacht werden. √úberhaupt gibt es in den jeweiligen Anfangs√ľbungsensembles der ver¬≠schiedenen Methoden der K√∂rper- und Atemarbeit un√ľbersehbar √úberschneidungen und Gemeinsamkeiten. Alle streben irgendwie muskul√§re L√∂sungen an und setzen hierf√ľr passive Dehnungen und deren Abart, den Druck, ein, was als zwangsl√§ufiger Reflexmodus zudem Atem hervorruft. Auch diese Aktivit√§t der nervalen Peripherie legt nahe, die Atembewegung als Integral der Reflext√§tigkeit und Medium des sensorischen Verhaltens im Raum zu begreifen.

     Sensitive Bewegungsarbeiten mit den ihnen inh√§renten passiven Dehnungen, mittels derer zu √ľben jedoch ‚Äď wie bereits erw√§hnt ‚Äď es f√ľr Karla H. kontraproduktiv gewesen w√§re, zielen darauf ab, die Muskel¬≠sinne, die Reflext√§tigkeiten bzw. die Spannungsorganisation der Muskulatur auszudifferenzieren. Es gilt einen Kontakt des Ichs zu jenen Empfindungen herzustellen, die durch Bewegungen als Haltungen des ‚ÄěIn-der-Welt-seins‚Äú entstehen. Deshalb ist bei jeder einzelnen √úbungsweise ein Sp√ľrfeld zum Au√üenraum, zum Boden oder zu einem Partner aufzubauen, was in seiner transsensischen Qualit√§t des √úber-sich-hinaus-seins nichts anderes als ein sensorisches Einlassen in die Schwer- und Fliehkraft ist.

     Atemerfahrungen im middendorfschen Sinne k√∂nnen nur bei personaler Wachheit und Aufmerksamkeit geschehen. Da sie dem Aufbau einer dem jeweiligen Tun und Lassen gerechten Spannung (Eutonie) dienen sollen, arbeitet - wie bereits erw√§hnt - die middendorfsche Bewegungs- und Vokalraumarbeit im Sitzen oder Stehen. Im blo√üen Liegen, ohne den personalen Kontakt mit einer anderen Person wie etwa beim Behandeln, w√ľrde zwar die Atembewegung ruhiger werden und f√ľr manchen √ľberhaupt erst sp√ľrbar sein. Sie w√ľrde aber wegen des Liegens keine Formdifferenzierung in dem Dasein entsprechenden Atemgestalten annehmen k√∂nnen.

     Die sensitive Bewegungsarbeit im Erfahrbaren Atem verbessert das Einge¬≠schmiegt-sein der Reflext√§tigkeit in die Gravitation. Dies erh√∂ht die muskul√§re L√∂sungsf√§higkeit, die Raum f√ľr den durch¬≠flie¬≠√üenden Atem schafft. Dessen durch einen Innenimpuls ausgel√∂ste Bewegung ist es letzten Endes, welche √úberspannungen der Muskulatur l√∂st und Unterspannungen herabsetzt. Die Atembewegung differenziert subtiler als jede andere Motion, auch die sensitive oder gymnastisch-rhythmische Bewegung, die Empfindungen. Empfindungen k√∂nnen um so vielschichtiger erlebt werden, je gef√ľllter und verdichteter der Atemraum bewegt wird. Dadurch vermehren sich die vitalen Bewe¬≠gungs- und pers√∂nlichen Ausdrucksm√∂glichkeiten, in denen ein Mensch sein Inneres offen oder verdeckt darstellt, was wir im Au√üen antreffen k√∂nnen.

     Alle westlichen Atemmethoden wollen den Organismus in der Gravitation als der materiellen Grundlage der Empfindungen und Span¬≠nungen verankern, durch welche die Person in ihren Ichkr√§ften mit der Welt verflochten ist. Der Erfahrbare Atem zielt in seiner lebenspraktischen Perspektive darauf ab, eine gute Spannung aufzubauen, die dem allt√§glichen Tun und Lassen zugeh√∂rig ist. In Eutonie soll das leibliche Verhalten verfl√ľssigt werden, um sich in diesem Grund der pers√∂nlichen Werte¬≠welt zu vergewissern sowie sich der inneren Ak¬≠tions- und Reaktionsweisen bewusst zu werden. Das Ich soll √ľber ein gest√§rktes Empfindungsbewusstsein wieder auf den Leib h√∂ren, wenn dieser gegen√ľber aufgesetzten Willensabsichten seine eigenen Bed√ľrfnisse anmeldet.

     Das √úbungssystem des Yoga organisiert soweit eine elastische, zur Verbindung mit dem anderen f√§hige Abfangkraft gegen√ľber vielschichtigen Au√üeneinfl√ľssen, soweit er gegen eine wenig durchl√§ssige und empfin¬≠dungsdifferen¬≠zierte muskul√§re Kompaktheit aktive Dehn√ľbungen (Asanas) einsetzt. Der wohltuende Charakter des Stretchings ist allgemein anerkannt.

     Wir deuteten bereits an: Sobald aber die Praktik des Yoga in die Selbstversenkung im Lotussitz √ľbergeht, beginnen die eigentlichen Unterscheidungen. Dann werden nicht mehr wie bei westlichen Atemarbeiten √ľber die Motorik die Ich-Kr√§fte gest√§rkt und in der personalen Wertigkeit des gut gespannten Leibes verankert. Alle auf Selbstver¬≠senkung abzielenden Meditationen wollen zwar als Voraussetzung die Muskulatur durchl√§ssiger haben, wof√ľr auch oftmals technische Atem√ľbungen eingesetzt werden. Aber die Motorik bleibt stillgestellt, um die Empfindungen bis auf kleinste Inseln absterben zu lassen, wodurch das Befinden als sensorischer Raumbezug aufgel√∂st wird.

     Anfangs ist der Atem aufgrund der angestrengten Angespanntheit bei dem niedrigen Sitzen mit √ľbereinander ge¬≠schla¬≠genen Beinen gro√ü. Diesen anf√§nglichen Belastungszustand gilt es durchzuhalten, bis er endlich in eine Gesamtentspannung umschl√§gt. Der Atem wird bei dem herabgesetzten Tonus zwar kleiner, aber trotzdem als Ruheatmung lebendiger, weil er mit seinen Impulsen die Gedankendurchfl√ľsse begleitet bis die ersehnte Stille einkehrt. Der Sinn aller Selbstversenkungstechniken liegt zun√§chst darin, die Wirkungen der Alltagsspannungen auf den Innenraum auszuschalten, um sich aus dem mit ihnen gegebenen leiblichen Verh√§ltnis zur Welt zu entlassen.

     Der Gipfelpunkt dieser ‚ÄěAndacht‚Äú ist das ‚Äěozeanische Gef√ľhl‚Äú. Durch dieses wei√ü man sich mit allem, ohne St√∂rung durch die Widrigkeiten der Welt, verbunden. Diese ‚ÄěAll-Eins-Setzung‚Äú beruht aber gerade auf der zunehmenden Ausschaltung der differenzierten Spannungsverh√§ltnisse zur Welt und der Verringerung des Reflextonus.

     Mit der Selbstversenkung soll ein Feld jenseitiger Sinneswahrnehmung ge√∂ffnet und ein geistiges Nisten im Leib erm√∂glicht werden. Der Vergleich mit dem Traum bietet sich an. Bei diesem ist ebenfalls die Motorik stillgestellt und der Gesamttonus herabgesetzt. Auch wird ein eigener Bewusstseinszustand eingenommen, der sowohl vom wachen Alltagsbewusstsein als auch vom Schlaf zu unterscheiden ist. Nur ist uns in der Meditation klar, dass wir uns in ihr befinden, was beim Traum nur √§u√üerst selten ‚Äď eben nur im sogenannten Klartraum, zu dem man sich mit reflexiver Bewusstheit verh√§lt ‚Äď der Fall ist.

     Die in der Selbstversenkung m√∂gliche Introspektion imaginiert, die Seele befindet sich so in unserem Binnenraum, als ob wir diesen be¬≠treten, abschlie√üen und durchsuchen k√∂nnten, um in ihm verborgenen Geheimnisse zu entdecken und verloren geglaubten Erinnerungen aufzufinden. Die bei einer Meditation spontan hochkommenden Aufwallungen, Einf√§lle, Antriebe und Pl√§ne werden je nachdem entweder als Botschaften des Unbewussten betrachtet oder als unmittelbare Gotteserfahrung erlebt. Im Grunde fehlen der Selbstversenkung die muskeltonischen Sperren gegen die animistische Informationswelt, die nun in das Bewusstsein einbrechen kann, indem sie sich als innere Stimme meldet, die oftmals als Verk√ľndigung durch das Filter der unbew√§ltigten Konflikte eines Gurus gehandhabt wird.

     Das in der Meditation freiwerdende seelisch-geistige Material steht nie f√ľr sich allein. Es ist auf einen √§u√üeren bzw. kulturellen Sinn zu beziehen. Letztendlich ist dieser sich darbietende Innenraum ein hermetischer Bereich. Er ist nur ein Einleuchten der Person. Es muss immer unbefriedigend bleiben, ihn im hermeneutischen Bezug auf ein religi√∂ses oder sittliches System aufschlie√üen zu wollen. Auch die thematisch geordnete Meditation zielt letztendlich auf transzendente Erlebnisse, f√ľr deren Einordnung logische oder psychologische Kategorien unzureichend sind, weil gerade deren rationale Mentalordnung hintergangen wird.

     Die Unterscheidung eines hermetischen Kerns der Person, der von einem immerzu unbekannt bleibenden Inneren zum Keimen gebracht wird, und der hermeneutischen Reflektion durch das rational-opportunistisch verhaltende Ich ist fundamental. Der Sprung in den hermetischen Bereich der Person gelingt nur als Begegnung, in der das unbekannte Innere frei wird und sich das Eigene mit dem Fremden vereinigen kann. In der Atemerfahrung geschieht dies ohne Worte. Die Hand fragt an, begleitet und geht mit. Wenn der unerzwingbare Eigenrhythmus des Atems antwortet, geschieht das Eigentliche.

     Das Sinnverstehen dagegen dient der verbesserten Kommunikation. Wird die Hermeneutik durch K√∂rper- und Atempraktiken gest√ľtzt, darf deren Sensationserfahrung nicht dazu benutzt werden, sich des anderen zu bem√§chtigen. Allzu oft werden die Grenzen nicht gewahrt. Die sensationelle Macht der seelisch-geistigen Information ist das Einfallstor f√ľr die Einf√§ltigen und die seit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert auftretenden Individual¬≠reli¬≠gionen. Die verbl√ľffenden Sensationen verleiten viele dazu, in anthropologischen Unmittelbarkeiten die Wahrheit zu entdecken und gegen√ľber den Ratio¬≠nalit√§ten der Welt eine verh√§ngnisvolle Gegenrealit√§t zu konstruieren.

     Im Grunde soll es durch den Yoga sowie die buddhistische Meditationen zu einer psycho¬≠men¬≠talen Synthese kommen, die keine Fr√ľchte eines T√§tigkeitsbezugs mehr kennt. Denn die indische Spiritualit√§t verlangt, sich von dem Leiden und dem Schmerz zu distanzieren, weshalb die Seele aus den Weltbez√ľgen herausgenommen und damit gerade das aus der Erfahrung ausgeblendet werden soll, auf was die midden¬≠dorfsche Atemerfahrung setzt und was die personalen Reiz¬≠konfigu¬≠ra¬≠tionen betrifft: Ausdifferenzierung der Sinnesf√§higkeit durch gel√∂stes Handeln ‚Äď in der Bewegung, im Sprechen und Singen sowie im Hantieren ‚Äď  und im Verhalten.

     Westliche Atemarbeiten wollen im Unterschied zum Yoga  ‚Äď heben wir dies nochmals auch in diesem Zusammenhang hervor ‚Äď in der Arbeitsweise selbst eine Spannungsorga¬≠nisation des ‚ÄěIn-der-Welt-seins‚Äú aufbauen. Die Integrit√§t der Person soll im Spiel der informatorischen Einfl√ľsse der Au√üenwelt gest√§rkt werden. Ein abfangf√§higes Resonanzfeld funktioniert in personaler Angemessenheit, indem es Selektionen vornimmt und das Eigene durch Affinit√§ten zum Fremden verdichtet oder gar in seiner Offenheit, das Innerste sprechen l√§sst, wodurch ein Kontakt zur Begegnung fortschreiten kann.

     Durch das √úbungssystem des Yoga soll dagegen die Empfin¬≠dung v√∂llig von ihren √§u√üeren Objekten befreit werden. Indem die Empfindung als Erleben von Widerst√§nden abstirbt, werden die leiblichen Bande der Person zur Welt zerrissen. Dem Yoga fehlt deshalb der intentionale Bezugspunkt, weshalb durch ihn alle bewusste T√§tigkeit in ein Nichts aufgel√∂st werden kann. Das Sein soll in eine spirituelle Erkenntnis √ľberf√ľhrt werden. Diese widerspricht endlich den Ichdistanzen, auf denen die Traditionen des Okzidents aufbauen . Ihrer bedarf die in der Neuzeit entwickelte Selbstt√§tigkeit, welche innerhalb der protestantischen Religion entwickelt worden ist.. Dem Erfahrbaren Atem, der ebenfalls ein Weg nach innen ist, fehlt diese weltfl√ľchtige Askese, auf die der Yoga durch seine Im¬≠mo¬≠bilisierung der Antriebe und Eigenkr√§fte abzielt, weshalb wir diese Atemlehre eine westliche nennen.

     Modifizieren wir durch westliche Atemarbeiten das sensorische Verflochtensein mit der Welt, so entr√ľckt uns diese zunehmend in der yogistischen Selbstversenkung und wird zum Schein. Die Welt kommt traumhaft an und kann umso mehr als etwas Unwirkliches erlebt werden, je mehr wir aus dem Eingebundensein in die Schwerkraft- und Flieh¬≠kraft¬≠reize entlassen sind. Dieser muskeltonischen Basis der Empfindungen und Wahrnehmungen enthoben und entlassen von den Widerst√§nden, Koaktionen und Einfl√ľssen des Au√üenraums, entsteht das ‚ÄěAll-Sein‚Äú. Dessen ideelle Negation l√§sst das religi√∂se und philosophische Denken einsetzten, weil diese das Nichts ist.

     Wenn das Sensorium durch die Meditation absolut negiert ist, erf√§hrt die individuelle Seele keine Gegenkraft mehr auf der Erde. Des¬≠sen bedarf sie, um gravitationsbezogen einen Lagetonus aufzubauen. Statt zusammen mit und gegen andere sich in einem Raum auszudehnen und zu positionieren, schwillt in der Selbstversenkung die individuelle Seele zu einer Allsph√§re an. In dieser ist kein anderer mehr zu erkennen. So kommte es dazu, dass man in dieser beseelten Qual¬≠losigkeit eine  Verbindung zum G√∂ttlichen ausmacht. Denn das ‚ÄěAll-Sein‚Äú erzeugt den Eindruck, dass der Verstand aus einer mythischen √úberpers√∂n¬≠lichkeit, Atman oder Tao, geboren ist, mit der sich die individuelle Seele vereinigt.

     Da gelungene Selbstversenkungen auf einem absoluten Anderssein gegen√ľber der t√§tigen Verflochtenheit mit der Welt beruhen, provoziert das Erlebnis des reibungslosen Alles-in-Eins-gesetzt-seins ein gnosti¬≠sches Klisch√©e des Guten und Reinen. Selbstversenkungen verf√ľhren zur Postulation anthropologischer Unmit¬≠tel¬≠barkeiten, die weder eine eigenst√§ndige Sozialvermittlung der menschlichen Natur im Sph√§rischen kennen noch darin eine geschichtliche Entfaltung der mensch¬≠¬≠lichen Biologie entdecken k√∂nnen. Als k√∂nnte der archaische Ursprung der Religion heute noch Bestand haben, glauben sie in fundamen¬≠talis¬≠tischer Vereinfachung, an magischen Erkenntnissen bez√ľglich des unzerst√∂rbaren Heiligen teilnehmen zu k√∂nnen. Alles andere sei ein Sich-Entfernen von der ewigen g√∂ttlichen Wahrheit.
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Die entscheidende Atembehandlung
In einem leichten Ungleichgewicht befand sich bei Karla H. der mittlere Atemraum zwischen Brustbeinspitze und Bauchnabel. Er war etwas nach vorne √ľberdehnt, weil das obere Nabelfeld fest gehalten war. Und am R√ľcken waren die unteren Rippen durch die Atembewe- gung zu wenig bewegt. Das Nabelfeld hat eine eigenst√§ndige energetische Dynamik, die sich danach entwickelt, ob diese mehr an den mittleren Atemraum gebunden ist oder sich mehr in dem unteren, vor allem den von unten aus dem Becken kommenden Antriebskr√§ften abst√ľtzt. Wir haben bereits den Namen erw√§hnt, den sie in der middendorfschen Atemlehre haben: ‚Äěaufsteigender Ausatem‚Äú

     Diese Unterscheidung ist wesentlich. Ist das Nabelfeld ‚Äď wie es bei Karla H. der Fall war ‚Äď √ľber den mittleren Atemraum √ľberenerge¬≠tisiert, so organisiert sich das sensorische Nach-vorne-Leben der Person vor allem √ľber das Wollen und das Beabsichtigen. Das Kontrollieren und Verstellen ist vordringlich. In diesem Fall kann die ‚Äěhorizontale‚Äú Ausrichtung der Ausatembewegung nicht ihre volle Kraft entfalten Wenn die mit dem Nabelfeld gegebenen Integrationen der Bewegungs- und Verhaltensweisen, die in den Vordergrund hinausweisen, aber im unteren Atemraum gebunden sind, ist die Existenz in der Schwerkraft verankert. Das Eigene kann sicher freigegeben werden und alle M√∂glichkeiten des passiven Beeinflussens des anderen durch √úberflie√üen, Austauschen und Aufnehmen k√∂nnen gelebt werden.

     Der mittlere Atemraum ist ein leiblicher Raum, in welchem die vertikalen Antriebe aus dem Becken und die horizontalen Dynamiken des Brustkorbes zusammenlaufen. K√∂rperlich unterscheidet oder verbindet das Zwerchfell zwei Rumpfr√§ume. Der mittlere Atemraum als sensorische Realit√§t  mit einem eigenen Atemimpuls in seinem Zentrum liegt im Bewegungsbereich dieses Atemmuskels. Dieser Raum ist als k√∂rperlicher Raum eigentlich √ľberhaupt nicht vorhanden. Und als sensorischer entsteht er erst durch das Zusammenspiel der Bewegungen unterhalb und oberhalb Zwerchfell. Atemmechanisch ist dies nur bei einer eutonischen Haltung der Fall. Darauf ist nochmals in der Unterscheidung von Ruhe und Bereitschaft als Atemmerkmal zur√ľckzukommen.

     Hier interessiert, dass die Atemqualit√§t des mittleren Raumes dar√ľber entscheidet, wie die Aufrichtung als biologische Strebung zu einer an das Ich gebundenen Haltung wird. Da der physikalische Schwerpunkt des aufgerichteten Menschen im Becken liegt, kann die Ausfaltung der vertikalen Aufrichtungsantriebe im Brustkorb nur durch eine kulturell geformte Haltung zur Welt zustande kommen, welche die horizontalen Dynamiken aus dem Brustkorb mehr oder weniger gelungen integriert. In diesem Integrationsraum entscheidet sich die Qualit√§t eines Ja oder Nein. Ichkr√§fte und Selbstvertrauen haben hier ihren leiblichen R√ľckhalt. Bei einem ungel√∂sten Entscheidungskonflikt ist der mittlere Atemraum zerrissen.

     Wenn etwa ein mentales Verhalten zum anderen von einer Atemdynamik getragen wird, die oberhalb des Zwerchfells einsetzt und nur in diesen mittleren Raum hineinragt, weil sie sich vom vitalen Auftrieb aus dem Becken wegzieht, ist das Jasagen eine standpunktslose Anpassung oder eine kriecherische Unterwerfung. Im umgekehrten Fall, wenn sich die Atembewegung nicht aus dem Becken nach oben in den Brustraum und nach unten in die F√ľ√üe ausbreiten kann, entsteht eine tr√§ge Spannungslosigkeit, die nur f√ľr ein ‚ÄěNee‚Äú den Mund aufkriegt oder zu allem ‚ÄěJa und Amen‚Äú sagt. Eine runde Lebendigkeit in diesem Raum erm√∂glicht ein beherztes Ja, f√ľr das die Person auch gegen Widerst√§nde bis hin zur Verletzung von eingew√∂hnten Konventionen einsteht.

     In diesem Atemraum zwischen Brustbein und Bauchnabel geschah nach nahezu einem Jahr der Zusammenarbeit in einer Behand¬≠lungs¬≠stunde das Eigentliche, welches bei Karla H. eine Wandlung einleitete und das den H√∂hepunkt der middendorfschen Atemarbeit darstellt: Unter meinen H√§nden entstand zun√§chst ein kurzes Zittern, ein Schwingen an den K√∂rperw√§nden. Durch diese periphere Atemweise wird das biographisch eingelebte Verh√§ltnis zwischen Innen- und Au√üenraum neu justiert. Der Atmende geht weder sensorisch in den Au√üenraum noch zieht er sich in den Binnenraum zur√ľck. Seine Anwesenheit wird vielmehr von der aufdringlichen Eigenart dieser kurzen pausenlosen Schwingbewegung an der Peripherie gebannt..

     Durch das spontane Auftreten der Atemgestalt Peripherieatem werden in der Regel Wandlungssituationen eingeleitet. Und in der Tat  folgte auch hier eine umgreifende L√∂sung durch die Ausatembe¬≠we¬≠gung. Diese schwang unter den H√§nden tiefer als gew√∂hnlich zu¬≠r√ľck und konnte sich deutlich in das Zentrum des mittleren Raumes hinein verdichten. Dieses Erlebnis w√§hrend der Ansprache des mittleren Atemraums sollte das sensorische Raumverhalten von Karla H. v√∂llig ver√§ndern.

     Die blo√ü statische Positionierung im vital-sensorischen Bewe¬≠gungsraum, in die sie sich zur√ľckgezogen hatte, um eine stabile Lage halten zu k√∂nnen, konnte durch eine dynamische erweitert werden, was f√ľr die Empathie des Ich bedeutsam ist. Mit dem verl√§ngerten, in das Zentrum des mittleren Atemraum sich hinein verdichtenden Ausatmen k√∂nnen sich n√§mlich die inneren Antriebe in wechselnden Verhaltensweisen behaupten und das Eigenanliegen nicht mehr als bedroht erfahren, von √§u√üeren Anregungen aufgefressen zu werden. Die sensorische Differenzierung des Verhaltens im Raum, der es Karla H. ja nicht ermangelte, konnte mit der gewachsenen (Aus)Atemkraft in einer gelassenen Aufmerksamkeit eine St√ľtze finden. Mit dieser Atementwicklung wurde die Differenz zwischen Statik und Dynamik in der Tonusregulation aufgehoben. Der in der Gravitation gr√ľndenden Lagetonus und der auf diesem aufbauenden und in einer pers√∂nlichen Haltung gr√ľndenden Phasentonus wurden reaktionsf√§higer.

     Doch verdeutlichen wir weiter, welchen Stellenwert es hat, wenn in einer Atembehandlung der Peripherieatems entsteht. Dieser zog n√§mlich eine vertiefte Ausatembewegung nach sich, was der Auftakt f√ľr die eigentliche Wandlungssituation war, die in der  nachfolgenden Atempause stattfand. Diese n√§mlich verl√§ngerte sich zeitlich und f√ľllte sich zur Atemruhe. In dieser Ruhequalit√§t der Pause gab der muskul√§re Gesamttonus nicht nach, sondern wuchs zu einer guten Gespanntheit, was ein Zeichen f√ľr eine wache Pr√§senz ist. Karla nahm aufmerksam an der Pause teil. Sie schlaffte nicht mehr wie nach kurzatmigen Luftst√∂√üen in ihr ab.

     Dieser wirklichen Ruhe, welche die quantitative Zeitlichkeit der Atempause qualifiziert, bedarf es, dass ein Zyklus von Atemrhythmen auszu¬≠klin¬≠gen vermag. Es folgte das Herausquellen eines ver√§nderten Rhythmus, um diese in der Pause tonisiert gehaltene innere R√§umlichkeit mit Einatembewegung zu f√ľllen. Peripherieatem, verl√§ngerter Ausatem und Atemruhe sind Stationen der Transzendenz: In ihrem Durchschreiten wurde der Karla H. gem√§√üe Eigenrhythmus freigesetzt. Des¬≠sen objektives Kriterium besteht darin, dass Atem- und Zellbe¬≠we¬≠gung zusammen pulsieren. Diese ureigene Bewegung, die sich bei Karla H. explosionsartig bemerkbar machte, wird im allgemeinen als ‚Äěunsagbar sch√∂n‚Äú (Ilse Middendorf) erfahren.

     Bei Karla H. trat kurz nach dieser entscheidenden Behandlung eine traurige Stimmung auf, deren Bedeutung ihr zun√§chst noch r√§tselhaft blieb, weil diese f√ľr sie keinen Bewusstseinsinhalt zeitigte. Sie wurde vor allem einer eigenartigen Schmerzempfindung am Nabel gewahr, um den herum sie zugleich ein leichtes Pulsieren, das Indiz f√ľr eine Span¬≠nungs¬≠¬≠nor¬≠malisierung durch L√∂sung, empfand. Erst Tage darauf, im Nachschwingen der Atemer¬≠fahrung, setzte ein seelisches Innewerden ein.

     Karla H. wurde massiv an ihre Jugendliebe erinnert. Sie war einst in verletzender Weise zur√ľckgewiesen worden, was bei ihr eine emotionale Abwehr hinterlassen hatte. Sie hatte f√ľr den, den sie einst so tief liebte, nur noch Spott und Verachtung √ľbrig: Nicht weil diesem Freund beruflich wenig gelungen war, sondern weil er anspruchslos in den Tag hinein getr√§umt hatte. Dieser konnte damals in seiner Weichheit ihre harte Zielstrebigkeit kaum ertragen. Die Trennung hatte Karla H. damals als schmerzhaften Verlust erfahren.

     Daran gebundene Emotionen waren in ihrer Psychoanalyse, die sie bei einer Therapeutin durchf√ľhrte, nochmals heftig durchgebrochen. Dabei war deutlich geworden, dass sie √ľber kein positiv besetztes Vaterbild verf√ľgte, der Vater mit seinen positiven Eigenschaften eigentlich eine Leerstelle gewesen war. Ihre Affektlagen waren vor allem von den Unsicherheiten und Lieblosigkeiten ihrer Mutter besetzt  gewesen, die ihren D√ľnkel auch an ihre Tochter weitergegeben hatte.

     Die Nabelh√§rtung war eine Folge dieser in der Elternbeziehung verletzten Wurzelgestaltein. Atemenergetisch bot sie Schutz in der Konfliktsituation, in welcher ihr Ich st√§ndig durch Reiz√ľberflutungen bedroht gewesen war. Im Grunde konnte sie bei ihrer hohen Durchl√§ssigkeit und hohen Empfindsamkeit nur die Integrit√§t ihrer Person bewahren, indem sie das ihre fr√ľhe Jugendliebe in die Beckenkraft f√ľgende Nabelfeld nach oben hin zum mittleren Atemraum h√§rtete, was sie die Hinnahme des Verlustschmerzes erleichterte, aber fortan ihr Ego √ľberdehnen sollte. Der Preis f√ľr diese Reizschutzfunktion musste schlie√ülich auch noch bezahlt werden mit der Entgleisung der sensiblen Funktion der Muskulatur, die Karla H. im Be¬≠reich des Kreuzbeins Schmerzen bereitete.

     Ihre gesamte Atemsituation war aber, vergessen wir dies nicht noch einmal zu erw√§hnen, durch die kunststoffhaltige Dentalf√ľllung, ohne die wohl diese Zuspitzung in die Funktionsst√∂rung gar nicht stattgefunden h√§tte. Denn wegen der biologisch inkompatiblen Kunststoffe im Mund, die heute durchg√§ngig eingesetzt werden, wird das sinnlich-sensorische Raumverhalten beeintr√§chtigt, Entwicklungsprozesse werden verz√∂gert oder ausgesetzt und letzten Endes k√∂nnen psyschi- sche Konflikte nicht mehr optimal verarbeitet werden.

     Nach dieser entscheidenden Behandlung waren weder Bedeutungen zu besprechen noch dr√§ngten sich sofort emotionale Regungen auf, als diese tief im Leib eingegrabene Erinnerung durch einen zugelassenen Atem gewandelt wurde. Ihr war durch das Gesammelt-sein auf die zuge¬≠lassene Atembewegung ein anderer leiblicher Zustand tragend geworden, durch den sich ihre geistige Weltbetrachtung nachhaltig zu verschieben begann.

     Wegen dieser nach und nach ins Bewusstsein eindringenden Ver√§nderung der Informationsverarbeitung im leiblichen Resonanzfeld modifizierten sich vor allem ihre Einstellungen zu ihrem Lebensgef√§hrten. Wie weggeatmet waren die endlosen Gespr√§che, ob sie beide denn mit ihrer individuellen Lebensgeschichte zusam¬≠men¬≠passten: Sie waren seit ihrer Verliebtheitsphase dabei, ihre Beziehung ern√ľchternd herunterzurechnen, wodurch sie doch nur neue Illusionen √ľber ihr Zusammensein produzierten, die sie erneut vereinte. Ihre Gef√ľhle zueinander fanden  so schon lange nicht mehr die richtigen Ausdrucksm√∂glichkeiten.

     Ihr Partner konnte √ľberhaupt nichts mit ihrer nach der Psychoanalyse gewonnenen Freude an der Bewegung und an ihrer Suche nach einem k√ľnstlerischen Ausdruck anfangen. Er war wegen seiner N√ľchternheit in ihren Augen ein ‚Äěeher trockener Mathematiker‚Äú. Dieser wollte seinen friedlichen Selbsterhalt leben, w√§hrend sie st√§ndig aus ihrer Durchschnittlichkeit auszubrechen versuchte, weil sie seit ihrer Pschoanalyse nicht mehr dem illusion√§ren Ideal einer gelebten Normalit√§t anh√§ngen konnte.

     Ihre alte Vorstellung, dass sie etwas Gemeinsames bez√ľglich ihrer T√§tigkeit oder ihrer Interessen mit ihrem Liebespartner haben m√ľsste, war nach dieser entscheidenden Behandlung bedeutungslos geworden. Anstelle des st√§ndigen G√§hrens mit seinen spitzen Aufgeregtheiten war etwas Einfaches, ein Gew√§h¬≠renlassen in ihr Verhalten eingekehrt. Ihr eigenes Wertesystem war nun nicht mehr stets das h√∂chste. Ihre immer wieder verwirrbare und zur Entleerung dr√§ngende Innerlichkeit gab Ruhe. Eines aber traf sie schlie√ülich sehr hart. Ihr wurde inne, wie wenig sie doch ihrem emotional sehr stabilen Mann gewachsen war.

     All ihr Bem√ľhen, ihre Partnerschaft zu stabilisieren, begann aus ihrem Leben zu verschwinden. Das Wollen, das sich ihrer H√§rte im oberen Nabelfeld, dem √úbergang zwischen mittleren und unterem Atemraum, verdankte, wurde durch eine ihr bislang unbekannte Gelassenheit ersetzt, weil nunmehr die Atemenergie des mittleren Atemraum und des Nabelfeldes im Atemzentrum des Becken angejocht war. Wir wissen von diesem bereits: Es ist der Atemimpulspunkt, der mit dem k√∂rperlichen Schwerpunkt identisch ist.

     Vor allem ver√§nderte sich wegen dieser gravierend ver√§nderten leiblichen Zustandsbefindlichkeit ihr sexuelles Zusammensein mit ihrem Lebensgef√§hrten, das l√§ngst verk√ľmmert war. Beide hatten sie sich nach dem Beginn ihrer Liebe hinsichtlich dieser noch nie gro√üe Wechsel auf die Zukunft ausgestellt. Hier, wo die Erwartungen ohnm√§chtig aufgegeben waren, sollte Karla H mit ihrem Mann in einen Strudel geraten, dessen Sog sie auf den vitalen Grund ihrer gegengeschlechtlichen Beziehung warf.

     Sie entdeckte n√§mlich ihre Hingabef√§higkeit, die es ohne ein lebendiges Nabelfeld nicht gibt. Die Hingabe ist die weibliche Geb√§rde des passiven Wirkens auf den anderen. Sie ist in der Sexualit√§t auch das hindehnende Neigen, das durch seine Pr√§senz auffordert, genommen zu werden. Sexuelle Hingabe lebt von einer intensivierten Atembewegung im Becken. So ist umgekehrt mit dem angespannten oder gar Hochatem ein angestrengtes Machen verbunden.

     Das Beabsichtigte in der Sexualit√§t schwand zugunsten einer Innerlichkeit. Sie begegneten einander. Sie wollten sich nun deshalb nicht mehr, weil sie sich endlich beide hatten. Die Sexualit√§t konnte nunmehr zu einer Bindungskraft des Zusammenhaltens werden. Die im Naheleben unvermeidlbaren affektiven Ent¬≠ge¬≠gen¬≠¬≠setzungen wurden harmlos und f√ľhrten nicht mehr zu den immer wie¬≠der aufgeworfenen, gar nie richtig kl√§rbaren Entscheidungsfragen. Die Sexualit√§t hatte alles r√§sionierende Erkl√§ren verschluckt. Sie begann mit ihrem Lebensgef√§hrten, von dem sie sich endlich ‚Äězum Weib hatte machen lassen‚Äú fraglos zusammenzuleben.

     Karla H. begann zu ahnen, dass es auch jenseits der materiellen Welt existierende √ľberindividuelle Impulse und dem Einzelnen unverf√ľgbare Sinnstiftungen f√ľr eine Transzendenz in einer Lebensgemeinschaft geben k√∂nnte, die einfach und schlicht sind und gerade nicht auf dem Zusammentreffen von durch eine gemeinsame Aktivit√§t hochgespannten Seelen beruht. Das Gesetz der Geschlechterliebe und √ľberhaupt aller Liebe folgt gerade nicht den Kommunikationsformen des T√§tigseins, nicht durch das Ich zu entr√§tselnden, weil zwischenindividuell gestifteten Impulsen. Die echte Sprache des Herzens gr√ľndet auf einer F√§higkeit des Unverstellt-seins, die durch das Nabelfeld gestiftet wird, wenn dieses energetisch im Becken durch eine Schwerkraftbindung des Atemimpulspunktes gest√ľtzt ist.

     √úberhaupt erlebte Karla H. nach dieser entscheidenden Atemstunde ihre Umwelt in anderen Nuancen. Sie tr√§umte ungew√∂hnlich heftig. Sie reflektierte darin nicht nur ihre sich wandelnden Wahrnehmungen im Alltagsleben, sondern integrierte durch das Tr√§umen ihre eigene Biografie. Offenbar hatte das Atmen ihr seelisch Unbe¬≠wusstes aufgefordert zu tr√§umen, ohne zugleich den freudschen Weg der Analyse gehen zu m√ľssen, die den Traum als den ‚ÄěK√∂nigsweg zum Unbewussten‚Äú ansieht.

     Wenn das in der Atemarbeit frei gewordene seelische Ma¬≠terial durch einen von innen kom¬≠menden Atemimpuls getragen worden ist, wurde die Person ge¬≠wandelt. Was ohne Dazwi¬≠schenkunft des Bewusstseins als stimmige Leiblichkeit durchlebt werden konnte, muss hinsichtlich seiner Bedeutung nicht mehr entschl√ľsselt werden. Dem Atem folgt das Denken, die Erkenntnis oder der Geist. Demnach war das heftige Tr√§umen von Klara H. Resultat einer l√§ngst eingetretenen Wand¬≠lungssituation. Durch den frei gewordenen Atemfluss wurde ihre eigene Biografie (re)kon¬≠struiert und die individuelle Wertewelt im pr√§kognitiven und pr√§verbalen Reich des Leibes gegen√ľber dem Willen und den Entscheidungsopportunit√§ten des Ichs gesichert.

     Durch die wandelnde Begegnung in der Atembehandlung konnte die in der Leiblichkeit gebundene Person aufgerufen werden. Deren sich im Eigenrhythmus des Atems transportierendes Bed√ľrftigkeit konnte als biologische Strebung realisiert und wollte nicht mehr durch ein willk√ľrbewusstes Ich verworfen werden. Die durch die biogra¬≠fische Vergangenheit ansonsten dirigierte Einmischung des Ichs wurde unterbunden, weil im Erlebensmoment des freien Atemflusses exakt dieses Ich transzendiert wurde. Daraufhin musste sich bei Karla H. das Ich neu erfinden, weil ihm nun die Person einen erweiterten leiblichen R√ľckhalt zum Einleben anbot.

     Danach stellten sich bei Klara H. selbst nach l√§ngerem Proben im Tanzen keine Schmerzen mehr ein. Sie waren nach der Zahnsanierung im Verlauf unserer Zu-sammen¬≠arbeit erheblich geringer geworden und √ľberhaupt nur noch gelegentlich aufgetreten. Nach dieser Behandlung war bei Karla H. nichts mehr durch das tagt√§gliche √úben am Atem zu kompensieren. Die durchl√§ssige Muskulatur war mit einer variablen Abwehrkraft aus¬≠gestattet. Die √ľberh√∂hte Sehnen¬≠span¬≠nung war gewichen und die Gelenke hatten ihren harten Atemimpuls verloren.

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Der atempädagogische und der körperpsychotherapeutische Zugang
Die mit der Atemarbeit zu realisierende Nach-innen-Wendung trifft den hermetischen Bereich der Person. Sie ist von dem hermeneutischen Durchforschen der Seele zu unterscheiden. Das im vergangenen Jahrhundert entwickelte tiefenpsychologische Denken mit seinen kultur- zivilisations- und gesellschaftskritischen Einsch√ľssen f√ľhrt an der Natur des midden¬≠dorf¬≠¬≠schen Erfahrbaren Atems vorbei, der im leiblichen Grund des Seelischen - n√§mlich der sinnlich-sensorischen Verschr√§nkung von Innenraum und Au√üenraum wirkt, innerhalb dem die Person eine Mitte zu finden hat.

Indem alle Hermeneutik unabdingbar den Dualismus von K√∂rper und Seele aufruft, wird der Atem nur noch als physiologischer Sachverhalt im Rahmen der physikalisch-chemischen K√∂rperdinglichkeit gesichtet. Die K√∂rperpsychotherapie hat gegen eine derartige Verein¬≠seitigung Einspruch erhoben. Indem sie die andere des Dualismus einklagt, ber√ľhrt sie in verschiedenem Ma√üe die Leiblichkeit, die in der Atemerfahrung Gegenstand sein soll, ohne dass sich ihr ein Ich entgegensetzt und das reine Erleben tragend wird. Leibferne K√∂rperpsychotherapie setzen den K√∂rper instrumentell ein oder er ist prosaischer Stoff, mit dem tieferes bezeichnet werden soll. Leibnahe K√∂rperpsychotherapie entfalten ebenfalls wie die Atemarbeit eine ‚ÄěPh√§nomenale Situation‚Äú, in der das Bewusstsein untergeht. Sie heben aber diesen Untergang des Bewusstseins aber immer wieder im Verlauf der Arbeit zugunsten der deutenden oder interpretierenden Verstehens auf.

     Mit den etablierten Methoden der K√∂rperpsychotherapie gelingt es aber offenbar nicht, in der variantenreichen Bewe¬≠gungsmodifikation des Atems psychologische Gesetze zu identifizieren. Ihr fehlen die Mit¬≠tel, um die in der Anschauung subtiler Unterscheidung zug√§ngliche Atembewegung psychologisch deuten zu k√∂nnen. Wenngleich dieses Feld nur in einem bescheidenen Ma√üe durch die verschiedensten Formen der K√∂rperpsychotherapie bestellt erscheint, so ist zwar die M√∂glichkeit einger√§umt, das Ich durch k√∂rperbezogene Deutung und ein daraus gewonnenes Verstehen zu erg√§nzen. Aber ein solcher Weg des k√∂rperpsychologischen Verstehens, w√ľrde das midden¬≠dorfsche Atemverfahren aufsprengen, das von der Erf√ľllung durch die Empfindung der Atembewegung und der Sammlung auf sie lebt. Wenn dies nicht geschehen soll, m√ľsste eine Psychologie wirken, die so nah und dicht an der Empfindung liegt, dass das Wort direkt wieder Atem wird.

     Ein Versuch, den k√∂rperpsychotherapeutischen Weg der Icher¬≠g√§nzung, der den Atem als Spiegel zur Bewusstseinserweiterung nutzt, nun auf ein atempsychologisches Gebiet fortf√ľhren zu wollen, bei dem die seelisch-geistigen Belastungen identifiziert werden, scheint mit den Mitteln der verstehenden Deutung und interpretierenden Analyse nur Unm√∂gliches leisten zu wollen, weil das Wesen der Atembewegung mit dem ‚ÄěGeheimnis der Immanenz‚Äú belegt ist. Gerade dann wenn das Eigentliche beim Atmen geschieht, n√§mlich die Ichaktivit√§t zugunsten des Erlebens untergeht und dadurch erst der das gegenw√§rtige Ich transzendierende Eigenrhythmus des Atems frei wird, bleibt uns der seelisch-geistige Gehalt des Atems verschlossen.

     Es gibt also gute Gr√ľnde daf√ľr, weshalb die im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts durchgef√ľhrten, vornehmlich gestalttheoretisch angelegten Untersuchungen zu wenig ergiebig waren, als dass sie eine gegen√ľber der K√∂rperpsycho¬≠thera¬≠pie eigenst√§ndige Atempsychologie h√§tten begr√ľnden k√∂nnen. Die psychologische Forschung kennt durchaus auch einige atempsychologische Gesetze, die emotionalen Zust√§nden, nicht jedoch see¬≠lisch-geistigen Inhalten entsprechen.    

     So bleibt zun√§chst nur die Ahnung um den animistischen Resonanzgrund der vielschichtigen Bewegungsweise des Atems, √ľber den sich offenbar seelisch-geistige Belastungen in diese eintragen. Von diesem magischen  Reich hat die Entwicklung der geschichtlichen Rationalit√§t aber gerade abgesehen. Es blieb den verschiedensten esoterischen und mystischen Praktiken vorbehalten, in die seelisch-geistigen Inhalte einzudringen, die sich in der Atembewegung √§u√üern. Die archaische Erfahrung um den Atem blieb in der geschichtlichen Entwicklung in der sakralen Sph√§re aufbewahrt. Vor allem deshalb wei√ü der kulturelle Fundus um die Kardinalbeziehung der Transzendenz, die mit dem Atem gegeben ist.

     Eine auf die Atembewegung sowohl im psychologischen als auch im esoterischen Interesse von au√üen schauende Ann√§herungsweise, die sich der konkreten Verl√§ufe der Atembewegung versichern will,  w√ľrde in solchem Bem√ľhen von empfindbaren Erlebnisgrund abstrahieren und w√ľrde letzten Endes doch nur ein beliebiges Im¬≠pres¬≠sions¬≠feld ausmachen, von dem es im Innern des Menschen so viele gibt. Jedem vorurteilslos angelegten Versuch, der die Selbsterfahrung zugunsten der √§u√üeren Betrachtung zur√ľckstellen w√ľrde, verbauen dennoch schier un√ľberwindliche Schranken den Weg, weil - wie bereits besprochen - die sinnliche Empfindung nicht in der kognitiven Wahrnehmung und umgekehrt aufgeht.

      Ohne von au√üen gesetzte Kriterien wird die unmittelbare Wahrnehmung von Eigen¬≠emp¬≠fin¬≠dungen, die durch die Atembewegung ausgel√∂st werden, keine Regelm√§√üigkeit entdecken. Ebenso wenig wird sich in der intuitiven Anschauung von selbst eine Systematik offenbaren, weil die Fehlatembewegungen in ihren Reduktionen verwirrend vielschichtig sind und sich auch die Vollatembewe¬≠gungen mit einer √ľberraschenden Variationsbreite vorstellen, wenn sie an Bewegungsabl√§ufe gekoppelt sind.

     Jede Aussage muss der unterschiedlichen Durchl√§ssigkeit der Muskulatur f√ľr die Atembewegung gerecht werden. Die √ľber das Zwerchfell und die Zwischenrippenmuskulatur hinaus sich fortsetzende Atembewegung dehnt und dr√ľckt die Gewebepartien entsprechend der geweb¬≠lichen Spannungslagen, was wiederum verwirrend unterschiedlich aussieht. Die Atembewegung ber√ľhrt manche Leibregion gar nicht oder wird von zu hoch gespannten Muskelketten bzw. von Kon¬≠trak¬≠tionen in den einzelnen Muskelabschnitten in die gegen√ľber liegenden Gewebebereiche geworfen, die partiell √ľberdehnt sind und dadurch unterspannt bleiben. Letztendlich ist die Gr√∂√üe der Zwerch¬≠fell¬≠¬≠bewe¬≠gung daf√ľr ausschlaggebend, wie die benachbarten Organe massiert, gehalten oder bewegt werden, wodurch wiederum eigene, √ľber die umliegende Muskulatur auf den Fluss der Atembewegung zur√ľckwirkende Empfindungsreize gesetzt werden.

      Der psychologischen Hermeneutik, die sich aufmachen will die Atemleiblichkeit zu deuten, stellt sich wiederum die individuelle Hermetik eines blo√üen Empfindungs¬≠erlebens in den Weg, das auf die Sicherheit seiner Pr√§gnanz baut. Diese Gewiss¬≠heit bescheidet sich, weil die Pr√§gnanzerfahrung von Atemempfin¬≠dungen nur den der Atembewegung innewohnenden Strukturgesetzlichkeiten als Atemformen und Atemgestalten zug√§nglich wird, wenn kein Bewusstsein dazwischen tritt. Dieses kann allenfalls nachtr√§glich hinzutreten, ohne dabei noch der anderen Qualit√§t des Erlebens noch gerecht werden zu k√∂nnen. Das Erleben der Empfindung als proportionale Gr√∂√üe (etwa hell und dunkel, kalt oder warm, dumpf oder spitz) ist etwas g√§nzlich anderes, als die Rede √ľber sie oder die poetische Wortfindung um sie. Die Pr√§gnanz der Empfindung kann nur unzul√§nglich durch das Wort eingeholt werden. Und √ľber das Gesp√ľrte kann letztendlich ‚Äď wenn √ľberhaupt m√∂glich ‚Äď nur in engen Grenzen sinnvoll kom¬≠¬≠muniziert werden.

     Der vorurteilslos gemeinte Zugang zu den Empfindungen, die durch die Atembewegung ausgel√∂st werden, wird in der T√§tigkeit des Bewusstseins rasch beliebig und schafft sich letzten Endes doc h nur ein willk√ľrlich gesetztes Impressionsfeld. Die Empfindung folgt schlie√ülich zirkul√§r der Ausrichtung des Bewusstseins. Deshalb kann bei der Bewertung von Empfindungen der zuf√§llige vom wesentlichen Eindruck kaum von vornherein unterschieden werden. Empfindungen k√∂nnen √ľberdies auch durch Gedanken suggeriert sein. Die Frage um die emotionale Bedeutung einer einzelnen Empfindung wiederum kann  in die Irre f√ľhren. Zugef√ľgter Schmerz kann f√ľr den einen masochistische Freude f√ľr den an¬≠dern nur zu ertragendes Leid bedeuten. Weil die Empfindung im Erleben in eindeutiger Pr√§gnanz erfahren wird, in deren kognitiven Bewertung aber widerspr√ľchliches und ambivalentes offenbart, haben wir es mit einer arationalen Seelenfunktion zu tun.

     So gesehen ist es durchaus kein Nachteil, dass im Verfahren des Erfahrbaren Atem der seelisch-geistigen Inhalt von Atemweisen geradezu im Interesse neutralisiert ist, unmittelbar das Erleben der sensorische R√§umlichkeit √ľber die Atembewegung umzugestalten. Da Empfindungen den Extremfall der absoluten Vereinzelung in einer Erfahrung darstellen, gibt aber auch das midden¬≠dorfsche Verst√§ndnis mit seiner Grundformel ‚ÄěAtmen - Empfinden - Sammeln‚Äú selbst keinen Raum, diese Hermetik aufzubrechen.

     Soll dieser animistische Stoff, wo Gleiches miteinander schwingt, aus seiner Indifferenz zum K√∂rperlichen im Interesse einer Atempsychologie herausgehoben werden, so k√∂nnte nur dem Sog der Beliebigkeiten entgangen werden, wenn selbst die Empfindung als Empfindung in ihrem seelisch-geistigen Gehalt unmittelbar identifizierbar werden k√∂nnte.. Es d√ľrfte kein der Empfindung selbst √§u√üerlicher Wert¬≠ungsprozess dazwischen treten. Solcher Differenz unterliegt nicht nur jede verstehende, deutende und interpretierende Sichtweise der K√∂rper¬≠psychotherapie, sondern √ľberhaupt jedes intuitive Innewerden. 

     Es existiert jen¬≠seits des Gegensatzes von Physiologie und Psyche ein Ein¬≠heits¬≠¬≠¬≠reich der menschlichen Selbstbewegung und Sinne, das sich entfaltet, wenn die Atembewegung gestalthaft wird. Auf diesem Terrain des √úbergangs von K√∂rper und Seele, also nicht dem Physiologischen oder dem Psychischen selbst, qualifiziert sich die middendorfsche Atempraktik. Da K√∂rper und Seele in der Atembewegung unge¬≠schieden sind, kann das Ich in ihr ohne Wertbewusstsein Emp¬≠findungs¬≠struk¬≠turen isolieren. Deren Erleben kann so stehen bleiben, ja dem Atemwirken des Unbewussten √ľberlassen werden, weil Empfindungen aus sich selbst heraus gar nicht reden k√∂nnen.

     Kurzum: Es bleibt dabei. Der Atemerfahrung in ihrem personalen Charakter weiterhelfen, ohne dass sie in ein k√∂rperpsycho¬≠thera¬≠peutisches Verfahren aufgel√∂st w√ľrde, k√∂nnte allenfalls eine aus dem energetischen Atemgeschehen selbst abgenommene Information, deren mentaler Inhalt ohne eine Beimischung des Ichs identifiziert wird. Ein solches Vorgehen h√§tte einen vital-pathischen Status. Denn es k√∂nnte k√∂nnte nur ein Einschmiegen in die Resonanzbeziehung sein, durch welche eine Information mit der Umwelt ausgetauscht wird. Nur ein auf der Empfindungsebene selbst stattfindender Resonanzabgleich k√∂nnte das Geheimnis der Immanenz aufsprengen, mit dem die Atembewegung belegt ist. Damit w√§re der Punkt getroffen, von dem immer wieder geredet wird: Das Wort geht in Atem √ľber und der Atem in das Wort.

     Die Wertungsdimensionen der mit der Atembewegung gegebenen Sensorik liegen entweder oberhalb von ihr im Mentalen, das sich im sozialkulturellen Sektor abst√ľtzt. Dieses Spannungsfeld der individuellen Seele hin zu ihrer gesellschaftshistorischen Konstitution wurde im vergangenen Jahrhundert im Interesse der Vitalantriebe des Lebens vernunftkritisch von der Psychoanalyse in der Tradition Sigmund Freuds, zivilisations- und religionskritisch durch die Analytische Psychologie C. G. Jungs und gesellschaftskritisch durch die Individualpsychologie Alfred Adlers, die zun√§chst Gemeinschaftspsychologie genannt wurde, durchgepfl√ľgt. Oder die Wer¬≠tungs¬≠dimen¬≠sionen betreffen den bioenergetischen Infor¬≠ma¬≠tions¬≠be¬≠reich, der sich unterhalb der Empfindung als Frequenz organisiert und jeder Empfindung und jeder Emotion als ein eigenst√§ndiges Datum unterlegt ist.

     Die middendorfsche Lehre vom Erfahrbaren Atem will die Empfindung nur in ihrem pr√§g¬≠nanten Erleben der unterscheidenden Proportionen verwenden und versagt sich, die durch die Atembewegung ausgel√∂sten Empfindungen in ihrer emotionalen Wertigkeit zu entschl√ľsseln. Die midden¬≠dorfsche Atembehandlung nimmt lediglich die leibliche Ma¬≠te¬≠¬≠riali¬≠sie¬≠rung des Seelenlebens als Datum der sp√ľrenden und sich bewegenden H√§nde wahr, ohne dass sich von diesem unmittelbaren Erleben durch Deutungen distanziert wird. In diesem Ineinander von sich gegenseitig anleitendem Sp√ľren und Bewegen werden bei der Atembehandlung die dem Bewusstsein zugrundeliegenden sinnlichen Vitalschichten aufsucht, die der Mensch mit dem Tier gemeinsam hat, die aber nicht mehr das Gleiche sein k√∂nnen, nachdem die Evolution den Menschen als ein Bewusst¬≠seinswesen aus dem Tierreich herausgesetzt hat.

     Gerade wegen der Selbstbeschr√§nkung auf die Empfindung kann die Atemerfahrung eine Arbeit mit dem Bewusstseinsgrund und der Basis des seelisch Unbewussten sein. Offenbar wird das Verh√§ltnis von Bewusstsein und Erleben, Bewusstes und Unbewusstes sowie Wahrnehmen und Empfinden durch die Atembewegung gebrochen. Die an psychologischen und bewusstseinstheoretischen Fragen interessierte Physiologie und Neurologie thematisiert erstaunlicherweise √ľberhaupt nicht, dass die subkortikalen Gehirnzentren, anatomisch engstens mit der Atemfunktion verbunden sind, welche die tonussteuernde Aktivit√§t der Formatio reticularis ihrem rhyth¬≠mischen Spiel unterwirft.

     Es gibt gehirnphysiologische Gr√ľnde, weshalb der zugelassene Atemfluss bei gesammelter Arbeitsweise in einer Gunst der Stunde elementar zu kl√§ren vermag. Der Erfahrbare Atem greift direkt in ein muskeltonisches Gef√ľge der Regeneration ein, auf das sich auch das Tr√§umen bezieht. Sowohl das Zusammenspiel von Atem und Muskeltonus als auch der Traum betrifft vor allem das retikul√§re Subsystem der K√∂rpererinnerung, das f√ľr eine Kontinuit√§t des sensorischen Verhaltens im Raum sorgt (vgl. hierzu auch meine weiterf√ľhrende Darstellung des Zusammenhangs der retikul√§ren Subsysteme mit den Muskelketten, die entlang den Linien des chinesischen Sondermeridiansystems verlaufen, in: Ruin√∂se Zahnwerkstoffe). Mit der Bindung des Ich an einen stabil eingelebten Muskeltonus  k√∂nnen Fremdreize,  an der nervalen Peripherie bzw. der sensorischen Leibgrenze selektiert werden. Ist dieses atembewegte Abfangfeld verletzt, schlagen diese wie im Fall der Psychose direkt auf das Bewusstsein durch.

     Der menschliche Organismus verf√ľgt mit der atemgesteuerten Tonusregulation √ľber eine Instanz, wel¬≠che das Bewusstsein in seinen eingefahrenen Bahnen, seiner eingelebten Erlebnisverarbeitung und seinen erworbenen Konfliktmustern h√§lt und dadurch auch die mentale Identit√§t gegen√ľber einer beliebigen Manipulation sch√ľtzt ‚Äď sei es durch K√∂rperreize, sei es durch Mentalbeein¬≠flussungen oder auch, dass beides miteinander kombiniert wird. Deshalb rufen √§u√üere Ans√§tze des Atmens, so entlastend diese vielleicht sein k√∂nnen und so spektakul√§r diese vielleicht auch Blockaden aufzubrechen verm√∂gen, letztendlich doch nur emotionale Kreisbewegungen und k√∂rperliche Symp¬≠tom¬≠ver¬≠schiebungen her¬≠vor, bis sich nach wenigen Tagen der alte Zustand einstellt, wenn nicht (k√∂rper)psycho¬≠therapeutisch weitergearbeitet wird oder freigesetzte Emotionen unverarbeitet bleiben.

     W√§hrend der Traumt√§tigkeit sind die mit dem Ich gegebenen muskeltonischen Re¬≠ak¬≠tionsweisen des Wachzustandes neutralisiert. Indem im Traum die M√∂glichkeit einer willk√ľrbewussten Bewegung stillgestellt ist, kann die unbewusste Pr√§gung der Seele im Leib durch die n√§chtliche Traumarbeit entsprechend der Tagesereignisse ummoduliert werden. Die Ana¬≠logie zwischen der T√§tigkeit des Tr√§umens und des Bewusstseins¬≠eingriffes durch die tonusregu¬≠lieren¬≠de Atembewegung liegt auf der Hand: In beiden Situationen sind die Kontrollen durch ein willk√ľr¬≠be¬≠wuss¬≠tes Ich aufgehoben. Wenn nun wegen des gesammelten Erlebens des Eigen¬≠rhythmus beim Aufbau einer jeweiligen Atemgestalt zuvor verdr√§ngtes Seelenmaterial frei wird, ist die T√§tigkeit des Unbewussten, das sich ansonsten in analoger Weise w√§hrend der REM-Phase des Schlafes als Traum vollzieht, bereits ab¬≠ge¬≠schlossen. Wegen dieser elementaren Gebundenheit des Unbe¬≠wussten an den Atemleib stellt der Erfahrbare Atem eine Integrationsarbeit auf der Ebene der retikul√§ren K√∂rpererinnerung, Aufmerksamkeit und Wachheit dar.

     Es ist letztendlich gar nicht entscheidend, ob durch den unwillk√ľrlichen Atemfluss unbewusstes Seelenmaterial frei wird. Nicht nur dieses, sondern √ľberhaupt alles, was durch den Erfahrbaren Atem bewegt wird, wird in pers√∂nlicher Bedeutung auf Dauer dem aktualisierten Ged√§chtnis in paradoxer Weise verf√ľgbar. Es bedarf im Grunde gar keines Ged√§chtnisses mehr, das immer eine bewusste Distanzierung der momentanen Leiblichkeit ist. Denn indem der durch das Sammlungserleben gest√ľtzte unwillk√ľrliche Atemfluss, den Leib muskeltonisch an die Schwerkraft fesselt, bindet er ihn auch in der unvermittelten Gegenwart an. Nun kann der am Atem √úbende sich selbst vertrauen, weil ihm die in der K√∂rpererinnerung aufbewahrten Bedrohungen keinen Streich mehr spielen.
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Das Weibliche als Anmuten
In der Folgezeit nach der entscheidenden Atembehandlung mit Karla H., in der sich mit der Nabelspannung die gesamte Vorderseite gel√∂st hatte, konnte sich der mittlere Atemraum f√ľllen, wodurch sich eine deutlich wahrnehmbare Pers√∂n¬≠lich¬≠keitsver√§nderung anbahnte. Denn sie konnte nunmehr mit ihrer ge√∂ffneten Vorderseite nach vorne leben und all die angedeuteten weiblichen Qualit√§ten realisieren, die auf ein offenes Nabelfeld angewiesen sind: Aufnehmen, Austauschen und √úberstr√∂men. Aber vor allem: Sie begann zu reifen, indem sie das ihr unbekannte Innere ernst zu nehmen begann.

      Karla H. verlor in den folgenden Wochen den ihr eigent√ľmlichen Zug einer hoch gespannten Unnahbarkeit, die ihrem trotz der Psychoanalyse und nicht √ľberwundenen und wegen der Dentalbelastung auch nicht √ľberwindbaren weiblichen Narzissmus das Statische, Scharfe und Kalte gab. Wir wissen durch einen von Friedrich Ochsenreither vorgenommenen Resonanzabgleich, welche seelisch-geistig belastende Informationen dem zugrunde lagen und pr√§gend durch die Familiengeschichte in sie eingeschrieben waren: ‚ÄěEitelkeit und √úberheblichkeit‚Äú waren ihre Person pr√§gende Informationen, die ermittelt worden sind. Sie f√ľhlte sich nicht mehr so angestrengt und erlebte sich offener gegen√ľber anderen. ‚ÄěSanft wie ein Lamm‚Äú sei sie geworden, nachdem auch offenbar die ihr Innerstes belastende ‚ÄěRachsucht‚Äú  nicht mehr die Sph√§re beherrschte. Sie stritt sich kaum noch mit ihrem Lebensgef√§hrten, den sie nunmehr in seiner klaren Abgegrenzt¬≠heit zu bewundern begann. Sie machte nun auch durch ihre neu gewonnenen Sexualit√§t die Erfahrung, dass manche Frage mit ihm am besten im Bett zu kl√§ren war und manche auch deshalb gar nicht mehr gestellt werden musste. Sie gewann n√§mlich ihre Sexualit√§t.

     Karla H. reifte zusehends in ihrer Weiblichkeit, was darin sichtbar wurde, dass sie an Anmut gewann. Unter Anmut verstehen wir ein Abstandnehmen, das nichts √úberspanntes an sich hat und das dabei durchscheinen l√§sst, dass es auch ein Nahesein geben k√∂nnte. Im Grunde wird die Anmut vor allem durch jene drei Strukturprinzipien des passiv nach au√üen wirkenden Verhaltens getragen, die wir bereits eingangs im Zusammenhang mit der Darstellung √ľberzogener Atemrhythmen vorgestellt haben: Das √úberflie√üen, das Austauschen und das Aufnehmen.

     Anmut l√§sst die Haltung grazi√∂s und das Verhalten in einer Passivit√§t erscheinen, weil sich die Person ihrer inneren Bed√ľrftigkeit gewiss ist, jedoch das zielgerichtete Gereizt-sein durchs Interesse fehlt. Anmut teilt sich im Umgang, im Spiel der Mienen, der Geb√§rden und eben in der Art des Sprechens mit. Anmut gebiert sich aus einer subtilen Bewe¬≠gungs¬≠weise, die direkt aus dem Innern spricht, ohne dieses preiszugeben, so dass die Person geradezu mit einem Geheimnis belegt erscheint.

     Um die Bedeutung von derartigen anzutreffenden Ausdrucksph√§¬≠no¬≠menen zu erfassen, kann das rationale Urteilen nur fehlgehen. Denn diese k√∂nnen in ihrer direkten Aufdringlichkeit angeschaut, nachgeahmt und  hermeneu¬≠tisch erschlossen, aber kaum in ihrer Unmittelbarkeit durch Datenerhebun¬≠gen einer wissenschaftlichen Psychologie in ihrem seelisch-geistigen Gehalt sichergestellt werden. Die Vorgehensweise des Atemlehrers ist den Wissenschaften v√∂llig fremd geworden. Sie folgt der in langj√§hriger Atemarbeit wach gewordenen Intuition. Diese arationale Grundform des Psychischen weist ihn schrittweise an, die pers√∂nlichen Entwicklungen eines Atemsch√ľler im Lauschen auf die Atembewegung und im Ansprechen seiner Person sowie bei dem Erleben von gestaltenden Bewegungen aus seinen Atemkr√§ften nachzuvollziehen.

     Mit dem Wort ‚ÄěAnmut‚Äú ist keineswegs eine biologische Qualit√§t des Weiblichen gemeint. Auch M√§nner k√∂nnen anmuten, nur wird man ihr spezifisches Mannsein nie damit bestimmen. In diesem Sinn ist Anmut eine weibliche Eigenschaft, die auch M√§nnern zukommt, jedoch den von ihrem Animus besessenen Frauen v√∂llig fehlt und bei Schwulen manchmal als Karikatur entgleist. Anmut strahlen jene M√§nner aus, bei denen sich eine abgekl√§rte Weisheit mit einer gel√∂sten Of¬≠fenheit paart. Deshalb findet man sie vor allem in der stillen Gelassenheit des alt gewordenen Mannes, bei dem das intentionale Bewusst¬≠sein zur√ľckgetreten ist. Anmut l√§st die junge Frau traumhaft erscheinen. Das werbende Model karikiert die Anmut, indem sie den Ausdruck ‚Äěmacht‚Äú: das Nicht-parallel-laufen der K√∂r¬≠per¬≠achsen, den geneigten Kopf, die Wellenbewegungen durch eine h√§ngen gelassene Schulter oder H√ľfte.

     Wie niemand anders mutet das Kind an, wenn es innerlich gefasst ist und eine Abstand wahrende N√§he zu ihm entsteht. Doch vor allem das Neugeborene macht uns auf den leiblichen Antrieb dieser Gel√∂stheit mit ihrem passiven Appellcharakter aufmerksam. Denn der S√§ugling unterh√§lt durch seine Anmut das Interesse des anderen an ihm. Er besetzt sensorisch den Raum und bietet ihn angstfrei etwa der ihm vertrauten Mutter an. Er lebt seine pr√§verbale Eutonie als b√ľndiges ‚ÄěIn-der-Welt-sein‚Äú, in¬≠dem er seine Arme √∂ffnet und seine Beine anhebt. Und von einzigartiger Qualit√§t ist die Anmut des urspr√ľnglichen L√§chelns eines Kindes gegen√ľber seiner Mutter, das sp√§ter durch ein selektives gegen√ľber anderen Gesichtern fortgesetzt wird. Die Anmut eines L√§chelns ist sowohl ein erkennender als auch ein gef√ľhlsm√§√üiger Akt, der sich durch eine Unverstelltheit auszeichnet.

      Als organische Erlebnisweise ist Anmut au√üerdem sph√§renbildend, indem sie einen sensorischen Begegnungsraum zum gegenseitigen Animieren anbietet. Innerhalb dieser Sph√§re gedeiht die hervorgerufene Zuwendung beim Pflegenden und spezifizieren sich r√ľckwirkend Arten der Aufmerksamkeit innerhalb einer einheitlich wahrgenommen Welt. In diesem Wech¬≠selspiel von Hingabe an √§u√üere Bilder und dem affektiven Bilden von inneren Erkenntnisakten werden hand¬≠ungs¬≠an¬≠leitende Intentionen herausgetrieben.

     Das Gereift-sein der Frau erscheint als eigene Weise der Anmut: Ein atemgef√ľllter Schul¬≠ter¬≠g√ľrtel h√§lt ihre in sich zur√ľcklaufende Bewegtheit leicht, wodurch der andere durch das Verhalten von innen her, n√§mlich passiv beeinflusst werden kann. Die reife Frau zeigt vor al¬≠lem die mimische Ausdruckskomponente der Anmut im Gesicht. Ihrem L√§cheln fehlt jegliche naive Gef√ľhlsbetontheit. Es mutet an, weil es weder nat√ľrlich noch k√ľnstlich ist und darin auf eine geheimnisvolle Andacht hinweist. Diese innere Gefasstheit zeigt sich durch eine L√∂sungsf√§higkeit, die sich √ľber das ganze Gesicht erhellend ausbreitet, wenn die Mundpartien in eine sachte Dehnung kommen. M√∂glich aber ist dies nur ‚Äď und deshalb k√∂nnen wir von der Anmut als ein Andeuten eines tieferen Inneren sprechen ‚Äď, weil nicht nur die Schultern atembewegt sind, sondern auch der Herzraum lebendig ist. Ist dieser getragen von Beckenkraft, erh√§lt das unverstellte Leben nach vorne aus dem Nabelfeld auch die Farbe der Liebe.

     Anmut als leiblicher Sachverhalt ist nur in der ph√§nomenalen Verschr√§nkung mit der Welt zu begreifen, denn es ist eine einfache Inter¬≠aktionsbahn, die auf eine verstehende Erwiderung angelegt ist. Anmut als anziehende Leiblichkeit ist zwar seelisch, entspringt aber einem geistigen Reifungs¬≠prozess, den der atemgef√ľllte Herzraum tr√§gt, der eine gesamte L√∂sung des Oberk√∂rpers erm√∂glicht, wodurch die Person echt und grazi√∂s erscheint. Sie verweist durch die Passivit√§t des Verhaltens im Raum auf eine geheimnisvolle Innerlichkeit, die jenseits traditioneller Ansichten von Sch√∂nheit, Grazie, Eleganz und Umgangsformen liegt.

     Dieses Ausstrahlen einer ihr bislang verwehrten Innerlichkeit konnte bei Karla H. au√üergew√∂hnlich schnell wachsen. Ihr kam wohl durch den Atemunterricht etwas zu, was sie in ihrer beruflichen T√§tigkeit als Gymnastiklehrerin und T√§nzerin bereits vorbereitet hatte. Dort ging sie mit einem Bewegungsreichtum um, der den affektiven √úberschuss √ľber das zielgerichtete Handeln in Ausdrucksgestalten dynamisiert. Nunmehr war es gelungen, jenseits der Bewegung einen Anschluss ihrer Person an die auszudifferenzierende Innenr√§umlichkeit zu konsolidieren. Die narzisstische Gestelztheit  der sch√∂nen Frau war durch den Zuwachs an Weiblichkeit einem per¬≠s√∂n¬≠lichen Ausdruck gewichen, der nun unversteckt ihre Bewegungen und ihre Stimme beseelt erscheinen lie√ü.

     Wenn wir in dieser leiblichen Dichte das Weibliche innerhalb einer urspr√ľnglichen Menschenkunde zu fassen versuchen, verweisen wir auf das scheinbar so Nebens√§chliche in der Ausdruckssph√§re. Unsere √úberlegungen folgen einer im vortheoretischen Feld entwickelten Prak¬≠tik. Diese beruht auf einer au√üergew√∂hnlichen Emp¬≠findungstiefe  und versteht sich als eine weib¬≠liche, welche ‚Äědie m√§nnliche Pr√§gung der letzten Jahrhunderte‚Äú kritisiert, welche sich auch in der Sozialisation besonders die h√∂her qualifizierten Frauen durchsetzt. Die Bindung der Atemarbeit an ein gef√ľhlsm√§√üiges Vorgehen und  ganzheitliches Erleben erinnert an die Diktion von Ludwig Klages vom ‚ÄěGeist als Widersacher der Seele‚Äú und will mehr als nur ein spezifisches Frauenverhalten favorisieren.

     Indem Ilse Middendorf jedoch den Geschlechtergegensatz in den Personen selbst zum Thema macht, √ľbersteigt sie die Kritik des klassischen Feminismus. Dieser hat zurecht die historischen Bornierungen erkannt, wonach die Imperative patriarchalischer Gesellschaften den nur in seiner dialektischen Entfaltung zu begreifenden Geschlechtergegensatz in vielerlei T√§tigkeiten abget√∂tet wissen wollen wie diesen √ľbrigens alle vormodernen Kulturen in einer beschr√§nkten Art ausgeformt haben.
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Mutter- und Frausein
Drei Monate sp√§ter nach der entscheidenden Behandlung war Karla A. schwanger. Sie hatte ihren Lebensentwurf l√§ngst darauf eingerichtet gehabt, dass sie kinderlos bleiben w√ľrde. Der gemeinsame Kinderwunsch mit ihrem langj√§hrigen Lebensgef√§hrten war unerf√ľllt geblieben. Wir wissen aus dem ochsenreitherschen Resonanzabgleich um das diesem unbewusst entgegenlaufende ‚ÄěProgramm: kein Kind‚Äú. Dazu passt, dass sie es zu oft versucht hatten, doch ohne Erfolg geblieben waren, obgleich weder seine Zeugungsf√§higkeit noch ihre Empf√§ngnisf√§higkeit durch √§rztliche Befunde ihnen jeweils abgesprochen worden waren. F√ľr das medizinische Wissen bleibt es ein unerkl√§rliches Mysterium, weshalb es im Zuge der Atemarbeit oftmals zu einer Schwangerschaft kommt, die zuvor nicht m√∂glich war.

     Ich selbst durfte dieses au√üerhalb aller normativen Medizinregeln liegende Ereignis noch ein weiteres Mal und zwar gar bei einer Frau erleben, die bereits 42 Jahre alt war. Es ist zu vermuten, dass durch die Atemarbeit sich wandelnde M√∂glichkeiten der Begegnung mit dem Lebensgef√§hrten wirksam geworden sein d√ľrften. Vom Erfahrungshorizont der Atemarbeit aus gesehen spricht auch im Fall von Karla H. viel daf√ľr, dass hierzu die zwischenmenschliche Begegnung in der Atembehandlung durchgreifend gekl√§rt hatte. Sie hatte die eigene Horizonterweiterung abgesichert, die ihrem Ich durch die vorgenommenen Resonanzabgleiche zugekommen waren. So konnte auch die Sph√§renbildung mit ihrem Lebensgef√§hrten konsolidiert und weiterentwickelt werden.

     Mit der Schwangerschaft  entwickelte sich bei Karla H. eine zweite Dimension des Weiblichen, die unmittelbar im Biologischen wurzelt, die aber trotzdem als ein leibliches Verhalten zur Welt verstanden werden will. Denn Schwangerschaft und M√ľtterlichkeit bedeuten eine spezifische Begegnung mit dem Kind. Im Mutter-sein als Kulmination des Weiblichen erweist sich der Sinn der Anmut in seiner einfachsten Form: In der gegenseitigen Animation von S√§ugling und Mutter spricht nur noch das Weibliche zueinander, was manchem Mann so fremd vorkommt, wenn es bei ihm als ein v√∂llig unbewusstes Pers√∂nlichkeitsgebiet im Dunkeln liegt.

     Als weiblicher Sachverhalt gr√ľndet Anmut prim√§r in der Gegenge¬≠schlecht¬≠lich¬≠keit, die weder vor¬≠der¬≠gr√ľndig als eine sexuelle missver¬≠standen werden darf, noch in der biologischen Gegens√§tzlichkeit des m√§nnlichen und weiblichen K√∂rpers zu begreifen ist. Anmut ‚Äď so k√∂nnen wir nun zugespitzt formulieren ‚Äď ist die besondere Stiftung einer  leiblichen Zwischenwelt. Anmuten wird  als passives Verhalten durch eine Resonanz hervorgerufen, bei der das Eigene zu sich kommt, weil es mit dem unbekannten Inneren schwingt. Durch die verschiedenen Formen dieses anmutenden Zusammenseins, das ein passives Bezogensein von Mutter und Kind, Vater und Kind, Eltern und Kind ist, findet die urspr√ľnglichste Sph√§renbildung der Familie statt, in welcher das Kind alle grundlegenden Bewegungsformen einlebt und f√ľr sein Verhalten das gewinnt, was man gemeinhin Urvertrauen nennt.

     Die fl√ľchtige Sch√∂nheit des liebreizenden M√§dchens und des zarten Knaben k√ľndet ebenfalls von einer besonderen Weise des Anmutens auf den Mann und die Frau, die p√§dophil verzerrbar ist. Und nicht zuletzt kann auch die Anmut eines Mannes auf die aktive Zielgerichtet¬≠heit einer abgegrenzten Frau treffen, was zunehmend im gegenw√§rtigen Umbruch der sozia¬≠len Geschlechter¬≠ver¬≠h√§lt¬≠nisse selbst bei J√ľngeren geschieht. Die Anmut als passives Geschehen zerbricht endg√ľltig, wenn Frauen kaltbl√ľtig Herrinnen des Geschehens bleiben wollen, w√§hrend M√§nner danach strampeln, sich im Unterwerfen entgrenzen zu d√ľrfen.

     Dieser Reizausfall des gegenseitigen Anmutens ist auch manifest, wenn in der kindergesegneten Ehe die Frau f√ľr den Mann nur noch zur Mama und der Mann f√ľr die Frau nur noch zum Papa geworden ist. In solcher Reduktion der Paarbeziehung auf die Elternschaft, herrscht die Mutter im Umkreis des Hauses meist in m√§nnlicher Manier. Ihr animusbesessener Eifer, der durch kein Erleben von Gef√ľhlsambivalenzen gebremst wird, wie sie soziale Kooperationen in einer Berufst√§tigkeit abverlangen, verspricht keine Erf√ľllung eines Begehrens mehr. Der Vater vertrottelt in solcher Beschr√§nkung auf seine weibliche Rolle.

     Sowohl der Mann als auch die Frau enthalten den Widerspruch des Geschlechtergegensatzes selbst nochmals in sich. Dessen Dialektik in seiner Einheit bildet wohl am treffendsten das chinesische Kreissymbol in der jeweils h√§lftigen Farbbetonung ab, wobei die eine Seite nochmals einen Punkt von der Farbe der anderen enth√§lt. Es sind im Geschlechtererleben deshalb nicht nur Antinomien gegeben, die nichts miteinander zu tun haben, sondern der Gegensatz des Yin ist selbst wieder in das Yang eingeschlossen und umgekehrt. Dem Feminismus ist diese Dialektik fremd geblieben. Er vereinseitigt auf eigenartige Weise das Weibliche. Die Anima wird ohne den eingeschlossenen Animus betrachtet, wodurch dieser als unbewusste Qualit√§t gar die Oberhand gewinnt.

     Demgem√§√ü kann der Geschlechtergegensatz in einer Person integriert sein oder nicht. Die gegengeschlechtliche Dynamik entfaltetet sich nur als vital-sensorische Sph√§renbildung, wenn die Anima des Mannes und der Animus der Frau mitschwingen. Wenn die Gegengeschlechtlichkeit in den Personen selbst erlahmt und nicht mehr mitspricht, zerf√§llt die Anmut als passives Bezogensein, das bewirkt. 

     √úberhaupt ist es das gegenseitige Anmuten, das eine unverstellte Intimit√§t in der Sexualit√§t garantiert. Dann hat die Kontrolle des Ichs ausgedient. Mann und Frau gehen ungebrochen durch das Be¬≠wusst¬≠sein in der Situation auf. Ist die Weiblichkeit des Mannes mit im Spiel, schwindet selbst in dem Moment das Gemachte, wo der Mann seinen aggressiven Part spielt, verf√ľgt er doch √ľber die F√§higkeit zum Sto√ü in den Scho√ü. Die F√§higkeit des Mannes, seine Weiblichkeit in die Sexualit√§t mit hineinzugeben, ist das entscheidende Anmuten, das sein Tun spielerisch, gelassen und absichtslos werden l√§sst und in ihm den Gedanken vernichtet, dass er es ihr besorgt..

     Das Weibliche im Mann ist das Nichtgetriebene. Ihr ist jenes Moment im sexuellen Verhalten verpflichtet, das den Mann in seiner ihm unbewussten Seite zeigt. K√∂nnte man ihm diese durch einen Spiegel vorhalten, so w√ľrde er sich wegen dieser einfachen Schlichtheit, in der er von der Frau durchschaut wird, sch√§men. Denn er k√§me sich in seiner Weiblichkeit plump vor. Aber gerade durch sie vollendet sich die Intimit√§t im gegengeschlechtlichen Verhalten, in dem allein nur noch die Sinne sprechen und keine akademische Codierung zwischen Sex und Gender, biologischem und sozialem Geschlecht mehr m√∂glich ist. 

     F√ľr die Sprache der Intimit√§t kann es kein Lexikon geben. Ja Intimit√§t k√∂nnen wir - so sehr man heutzutage im Kino kaum noch ohne Sexszenen auszukommen glaubt - auch in keinem Film sehen. W√§re sie als Rolle spielbar und k√∂nnte sie paradoxer Weise dennoch gezeigt werden, w√ľrde das Zuschauen zur Peinlichkeit geraten. Da Se¬≠xu¬≠a¬≠lit√§t letzten Endes doch nur ohne Intimit√§t darstellbar ist, bleibt die Zur-Schau-Stellung, die sich in einem sexualsportiven Aktivismus der Gesellschaft aufh√§ngt, in welcher das liebgewonnene Herrschaftsverh√§ltnis zwischen M√§nner und Frauen weiterlebt. Bei seinem Vorhandensein werden keine vital-sensorischen R√§ume gemeinsam geteilt, sondern einseitig besetzt. Die Leibgrenzen werden nicht mehr ge√∂ffnet, sondern verletzt.

     Nochmals und deutlicher: Die Atemarbeit macht uns darauf aufmerksam, dass der Geschlechtsakt auf personale Transzendenz durch das sensorische Miteinander angelegt ist. Mit dem genitalen Orgasmus ‚Äď und auch der vaginale ist gemeint - ist dem Menschen mehr gegeben als ein blo√ü physiologischer Atemreflex, der den Trieb entspannt, und wie die freudianische Rede in v√∂lliger Unkenntnis des gegenseitigen Spannungsaufbaus im Transsensus w√§hnt, Unlust in Lust umwandelt. Nur wenn Mann und Frau zur gemeinsamen Sph√§renbildung f√§hig sind, also sich sensorisch aufeinander  beziehen, um ihre Seelen miteinander auszuspannen, k√∂nnen sie auch aneinander mit jener leiblichen Erregung teilhaben, mit der sie sich gegenseitig aufschaukeln und die sie als gehaltene Spannung zusammen dem H√∂hepunkt zutreiben l√§sst.

     Der gelungene Orgasmus verweist auf den tiefsten Begeg¬≠nungs¬≠charakter in der koh√§rent verschr√§nkten Gegengeschlechtlichkeit. Es ist dabei v√∂llig unwesentlich, was getan, welche Technik praktiziert oder welche Stellung eingenommen wird. Durch das personale Bezogensein durchtr√§nken sich gegenseitig die Sinne beim Sich-einander-Geben-und-Nehmen und auch dem gegenseitigen Bem√§chtigen. Wegen des sensorischen √úberdeckens des anderen, das auch als ein ‚ÄöAusstrahlen‚Äô und ein ‚ÄöEmpfangen von Strahlung‚Äô erlebt werden kann, findet der idealtypische Fall des gemeinsam erlebten Orgasmus seine Verwirklichung.

     Neun von zehn studierten Frauen sind heutzutage unf√§hig, den Orgasmus in der gegengeschlechtlichen Vereinigung zu erleben. Dies k√∂nnte vielleicht auch anregen, √ľber die barbarische H√§rte von selektierenden Bildungs- und Sozialisationsprozessen als geheimer Kern von Anerkennungsprozssen nachzudenken, denen heutzutage die Kinder und Jugendlichen unterworfen werden. Man kann sich √ľberhaupt nicht mehr in Deutschland ein Bildungssystem vorstellen, das den Letzten mitnimmt, den Einzelnen begleitet und auf dem Prinzip der Teilhabe beruht. Die Bildungs- und Ausbildungssysteme werden inzwischen derart vom Imperativ der Distanz beherrscht, dass das zwischenmenschlich Verbindende seine Rechte verliert, weil es kein rechtes Leben im Falschen geben kann. Die sozialen Distanzstrukturen f√∂rdern - gest√ľtzt durch die Bioinkompatibilit√§t von kunststoffhaltigen Zahnwerkstoffen einen modernen Narzissmus, der allzu oft in eine Unempfindlichkeit gegen√ľber der eigenen Leiblichkeit und in eine Phantasiererei des eigenen K√∂rpers entgleist. Was aber soll H√∂herqualifizierte noch zum Kinderkriegen anhalten, wenn sie nicht f√§hig sind, das die Person Verbindende in der Sexualit√§t zu realisieren, diese indessen nur noch als das Pers√∂nliche entlee- rende Triebabfuhr praktiziert werden kann.

     Wenn der personale Erf√ľllungscharakter im geschlechtlichen Miteinander-sein  fehlt, ersch√∂pft sich die Sexualit√§t in einer Instrumenalisierung des anderen K√∂rper, die in dieser ‚ÄěGeschlechterdienstleistung‚Äú (Elfriede Jelenik) fast immer den einen ‚Äď meist die Frau ‚Äď zu kurz kommen l√§sst. Damit aber zerfallen auch die  konfliktaufl√∂senden Bindungskr√§fte der Sexualit√§t, die aber wiederum ohne Liebe abstumpft. Beides geh√∂rt zusammen und ohne das eine leidet das andere.

     Ohne Sexualit√§t fehlt dem N√§heverhalten in der Partnerbeziehung sein gr√∂√üter Affektbinder, der im Zusammenleben vieles von alleine vonstatten gehen l√§sst. Damit im Fall unerf√ľllter Sexualit√§t gemeinsam f√ľr eine Nachkommenschaft eingestanden werden kann, m√ľssen die Werte der Ehe und Familie gegen die Gefahr ihrer Relativierung hochgehalten werden. Selbstbest√§tigung durch Moralisierung setzt immer dann ein, wenn die fraglose Erf√ľllung in der Sexualit√§t fehlt. Diese fragile Sph√§re aber  bedarf des Schutzes und der Verteidigung. Die beiden Atemgestalten Nabelfeld und Hintergrund bilden hier das entsprechende Immunsystem.

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