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Tonustraining?
Maria Höller-Zangenfeind hat eine SchwebebrĂŒcke zwischen dem Erfahrbaren Atem von Ilse Middendorf und der Psychotonik von Volkmar Glaser eingehĂ€ngt
Maria Höller-Zangenfeind, Stimme von Fuß bis Kopf. Ein Lehr- und Übungsbuch fĂŒr die Atmung und Stimme nach der Methode Atem-Tonus-Ton, Studienverlag Innsbruck 2004

 

 Inhalt:

Etwas kann nicht stimmen
Dazwischen
Muskelsinne und Tonusregulation
Antwort auf dentale Kunststoffbelastungen
Das Problem der Heilhindernisse
Umpolarisation durch gesetzte Gegenspannung
Transsensisches Verhalten in Atem-Tonus-Ton
Perspektiven

 

 

Etwas kann nicht stimmen
Aus der Vielzahl der heute angebotenen Atemfibeln bietet sich das Lehr- und Übungsbuch von Maria Höller- Zangenfeind in einer besonderen Weise an. Die BegrĂŒnderin der Methode „Atem-Tonus-Ton“ war mehrere Jahre Assistentin von Ilse Middendorf. Dazu lĂ€sst weiter aufhorchen, dass sich die Autorin genötigt sah, die Arbeit mit dem Tonus zwischen die Arbeit mit dem Atem und den Ton zu schieben, gleichwohl der midden- dorfsche Umgang mit der Atembewegung ebenfalls beansprucht, das in der Atemerfahrung angesprochene Gewebe zu tonisieren – Überspannungen zu lösen und Unterspannungen anzuheben.

Durch Körpereinsatz hervorgerufene Spannung gegen den Boden, was sie als Widerstandsarbeit gegen die Schwerkraft begreift, von einem Partner gesetzter Druck gegen die KörperwĂ€nde sowie reflektorischer Ein- atem sind die drei Grundbeziehungen des Übungsarrangements, dem sie die wohlklingend treffende Be- zeichnung Atem-Tonus-Ton verliehen hat: „Tonus kann man trainieren, automatisieren und bewusst lösen“ proklamiert die Erfinderin einer neuen Methode und stellt mit dieser Kernaussage zunĂ€chst all das auf den Kopf, was nicht nur den Inbegriff des middendorfschen Erfahrbaren Atems ausmacht. Alle westlichen Atemschulen fußen auf dem GrundverstĂ€ndnis, dass Eutonie alles andere als direkt machbar, geschweige denn zu automatisieren sei.

Die Physiologie unterrichtet uns dazu, dass nur die Entspannung eines zum Krafteinsatz zuvor zusammen gezogenen Muskels der WillkĂŒr zugĂ€nglich ist, nicht aber die Lösung eines zu hoch gespannten Muskels. Auch die Entspannung von einer Hypertonie geschieht dadurch, dass man die sie begleitende angestrengte Konzentration aufgibt, indem man sich von Anforderungen der Außenwelt absentiert, sich abschaltet, viel- leicht sich zum Abschlaffen hinlegt – im wahrsten Sinne des Wortes entspannt. Eine Eutonie aber kann gegenĂŒber einer Über- oder auch Unterspannung – besonders durch den, der darin geschult ist – dadurch gewonnen werden, indem man seine Aufmerksamkeit in wacher PrĂ€senz auf eine Sache oder eine andere Person hin ausrichtet.

Offenbar genĂŒgte Maria Höller-Zangenfeind trotz jahrzehntelang erprobten Umgangs die Herangehensweise des Erfahrbaren Atems nicht, um den körperlichen Anforderungen einer Gesangs- und Sprechstimme ge- recht zu werden, obwohl auch dies durch die middendorfsche Arbeitsweise in allerhöchstem Maße bean- sprucht wird. Es wundert, weshalb all das, was Ilse Middendorf an zur inneren Differenzierung der Atem- bewegung, nicht nur fĂŒr den Stimmgebrauch entwickelt hatte, bei Maria Höller-Zangenfeind doch nicht gefruchtet hat, als sie zu singen begann. Wie sie in ihren Fortbildungsgruppen fĂŒr Middendorf-Atemleh- rerinnen erzĂ€hlt, die ihre Arbeit teilweise begeistert aufnehmen, fehlte es ihr, als es schließlich wegen des Singens bei ihr selbst darauf ankam, am nötigen Spannungsaufbau. Dies konnte sie als profilierte Midden- dorf-Atemlehrerin nicht ruhen lassen. Sie suchte sie nach Abhilfe und landete offensichtlich einen Volltreffer.

Aber dennoch: Ein solches Manko dĂŒrfte nach jahrzehntelanger Atemerfahrung – gemessen an den hohen AnsprĂŒchen der Middendorfschule – einfach nicht sein. Man mĂŒsste danach ohne weiteres in außerge- wöhnlicher Innerlichkeit auf dem Atem singen können. UnverstĂ€ndlich bleibt, weshalb bei ihr noch immer die Stimme brach und es deshalb einer gesonderten Tonusarbeit bedurfte. Zugespitzt kann man fragen, weshalb etwa die intensive Arbeit nach der middendorfschen Atemlehre des Erfahrbaren Atems nicht zu verbĂŒrgen vermochte, dass ihr ein anmutendes Appoggio wie von selbst in modulationsreicher Spannung gelang, wodurch auch die Schwunglinie des Legatos fortgetragen wird?

Verdeutlichen wir an diesen beiden SchlĂŒsselbegriffen, um was es beim Übergang von Atem-Tonus-Ton generell geht. Appoggio und Legato bilden nĂ€mlich den Kern einer Sangeskunst, die an den unwillkĂŒrlichen Fluss der Atembewegung angejocht ist. Beim Appoggio wird nach altitalienischer Lehre so der Kopf in den Rumpf gelehnt, dass ohne weiteres Dazutun ein persönlicher Ton gelingt, weil der Gesamtorganismus in die Gravitation eingefĂŒgt ist. Deshalb können Atem, Tonus und Ton zusammenwirken und sich einander ergĂ€n- zen. Das echte Appoggio dementiert die heutzutage gebrĂ€uchliche willentliche AtemstĂŒtztechnik, weil es auch die Stimmresonan- zen, den SchĂ€delklang und die BruststĂŒtze, also all das einbezieht, was der mid- dendorfsche Umgang mit dem Atem fördert. Denn das Appoggio birgt das unwillkĂŒrliche StĂŒtzgefĂŒhl im Brustbereich, das von der antreibend-aufrichtenden Atemkraft getragen ist. Wenn diese sich unterhalb des Zwerchfells bildet, werden bei dessen ausatmenden ZurĂŒckschwingen StĂŒtzreflexe aktiviert.

WĂ€hrend das Appoggio von der vertikalen Zwerchfellschwingung abhĂ€ngt, stĂŒtzt sich das Legato in der anderen Hauptatemmuskulatur ab, die vornehmlich innerhalb des horizontalen Weit- und Schmalwerdens wirkt: Die Linie des Legato wird von Ein-und Ausatem-Schwingungen der Zwischenrippenmuskulatur weiter- getragen, die wĂ€hrend der Tongebung selbst entstehen, wodurch die Tonhöhe lĂŒckenlos von einer Tonhöhe zur anderen ĂŒbernommen wird. Diese zweite Hauptatemmuskulatur begleitet die Tonformung mit dynami- schen Ein- und Ausatemimpulsen, wĂ€hrend also der gesamte Brustkorb durch das tongebende Ausatmen bereits schmaler wird. Die Schwunglinie des Legatos wird von der zurĂŒckgehenden Einatemweite getragen. Wenn es die unwillkĂŒrliche ReflextĂ€tigkeit der Zwischenrippenmuskulatur ist, durch die eine variantenreiche Atemdynamik den Stimmeinsatz forttrĂ€gt, so ist etwas im Spiel, was ebenfalls nie direkt erlernt und nimmer automatisiert werden kann: Das Innerste der Seele drĂŒckt sich in der Stimme aus.

In der Lehre vom Erfahrbaren Atem wollen diese Möglichkeiten der Sangeskunst aufgehoben sein. Entschei- dende Entwicklungen zur middendorfschen Atemlehre vollzogen sich in der NĂ€he zur Kunst. Ilse Middendorf wirkte lange als Dozentin an der Berliner Hochschule fĂŒr Musik und Darstellende Kunst, an der sie 1971 als Professorin berufen wurde. Sie hat ihre Methode keinen klinischen SpezialbedĂŒrfnissen angemessen und sie will ausgerechnet besonders darin geschĂ€tzt werden, wogegen nun ihre ehemalige Assistentin ein Dementi einlegt: in der Thematik des beseelten Ausdrucks, der in der darstellenden Kunst zum Gegenstand eines schöpferischer Aktes wird. Der Erfahrbare Atem als gesammelte Atemweise will die außergewöhn- liche Geistesgegenwart entfalten, die sich der Aufgabe widmet, die das Werk und der Komponist stellen.

Doch auch eine anderer Atemschule, die Psychotonik von Volkmar Glaser widerspricht in ihrer Anlage dem middendorfschen Weg. Ohne dass dies im Atemverband (der Arbeitsgemeinschaft fĂŒr Atempflege) je als Konflikt thematisiert worden wĂ€re, hatte er im persönlichen GesprĂ€ch und in seiner Fortbildung moniert, dass ihn persönlich die middendorfschen Übungen nur depressiv machen – also in die Extremform kraftloser Fehlspannung bringen wĂŒrden. Diese Klage um eine lavierte Depression durch spĂŒrsame Körper- und AtemĂŒbungen fĂŒhren inzwischen auch andere.

Atem-Tonus-Ton soll keineswegs nur dem dienen, was der Erfahrbare Atem von Ilse Middendorf garantieren will – nĂ€mlich mit gut entwickelter Stimme ausdrucksvoll zu singen und zu sprechen. Es handelt sich bei Atem-Tonus-Ton mitnichten um eine Steigerung der Middendorf-Atemarbeit, die sich nun auf eine Stimm- arbeit focusiert. Vielmehr bietet Maria Höller-Zangenfeind ihre Methode außer einem selbstverstĂ€ndlichen Interesse an sich selbst und dem eigenen Leib voraussetzungslos an: „Es bedarf keinerlei Vorbildung be- zĂŒglich der Stimmpflege oder der Körpererfahrungsarbeit. Sie können sofort einsteigen.“

UnĂŒbersehbar konkurrieren Methoden in ihren auf einem vortheoretischen Erfahrungsgebiet gewachsenen AnsprĂŒche miteinander. Eine pragmatische Antwort auf die gestellten Fragen, kann sich nur am Kriterium der ZweckmĂ€ĂŸigkeit oder im Appell an die innere Gewissheit brechen. Entweder es hilft oder eine empfin- dungssichere Erfahrung wird auf eine von außen unĂŒberprĂŒfbare Wertungsebene geschoben. Dann wird erst spĂ€ter klar, ob man sich beim jahrelangen Üben das GlĂŒck auf Erden eingeredet hat. Dann macht Erfahrung nicht Klug, sondern – nach dem Diktum von Theodor Adorno – ausgesprochen dumm.

Man predigt in den AusbildungsstĂ€tten der Middendorfarbeit, dass es nur auf die Erfahrung und dabei ge- wonnener Gewissheiten ankĂ€me. Nur ist es der grĂ¶ĂŸte Irrtum zu meinen, dass es durch transzendeten Praktiken gewonnene Gewissheiten nicht ohne einen Anschluss zum reflexiven Wissen gehe. Was wahrhaft sein will, gibt es nicht ohne Unterscheidung, die sehr wohl – wie uns das Atmen aufklĂ€rt – vor einer Subjekt- distanzierung gegenĂŒber einem Objekt liegen kann. Aber gerade diese Egologik kommt sofort wieder herein, wenn ich auch nur ein sterbenswörtchen zu dieser Angelegenheit denke oder jemandem anderen mitteile.

Auf der unmittelbaren Erlebnisebene widerspricht eine Erfahrung der anderen, ohne dass sich rationale Kri- terien fĂŒrs Urteilen ausbilden könnten. Bleibt die intuitive Orientierung an Übungen in solcher Reflexions- losigkeit belassen, kann man die aufgeworfenen Fragen nur abwehren. Die andere Möglichkeit ist, man zerrt das unhinterfragte VorverstĂ€ndnis, das jeder Wertung durch Erfahrung zugrunde liegt, zum Tanz auf die BĂŒhne.

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   Inhaltsverzeichnis

 


 

Dazwischen
Maria Höller-Zangenfeind hat seit den achtziger Jahren ein Übungsfeld erschlossen, das viele Arbeitsweisen aus dem middendorfschen Ensemble in eine Arbeitsweise transformiert, wodurch jedoch auch das Grundanliegen des Erfahrbaren Atems entkernt wird: Eine gesammelte Atemweise zu sein, in welcher die in der Atembewegung geborgenen Unterscheidungen nicht nur fĂŒr den Kunstgesang zum Tragen kommen. Stattdessem fĂŒhrt sie isometrische, sprich mit gegenpolaren Spannungssetzungen gepaarte Arbeitsweisen ein, welche die LogopĂ€die, aber auch manch anderer technische Umgang mit dem Atem, der in den neunziger Jahren noch Konjunktur hatte, schon lange kennt.

Die middendorfsche Atemlehre ist noch daraufhin ausgelegt, alle hinter einer bewussten Absicht stattfinden- de Einflussnahme auf die Atembewegung zu neutralisieren und die Atembewegung nicht erneut durch die bloße Selbstzuwendung zu stören. Diese Frage der Störbarkeit der Atembewegung, die nur die andere Seite der Medaille ist, dass die Atembewegung auf alles empfindsam reagiert, stellt sich in der Herangehensweise von Atem-Tonus-Ton gar nicht mehr, weil mit dem reflektorischen Einatem gearbeitet wird. Dieser Methode umgeht die Selbststörungsthematik der Atembewegung, weil sich zwangslĂ€ufig vollzieht, was reflexhaft geschieht.

Nicht das bei Middendorf ĂŒbliche geduldige Belauschen, welches die Person durch den Sammlungsakt ĂŒber den frei werdenden Eigenrhythmus zu sich kommen lĂ€sst, trĂ€gt die Grundausrichtung der von Maria Höller- Zangenfeind kreierten Methode. Sie hat vielmehr einfache Übungen aus der von Ilse Middendorf geschaf- fenen Bewegungsarbeit und Vokalraumarbeit hin zu einer psychotonischen Dimension umgestaltet, die von einer wachen PrĂ€senz des Ichs, das Bewegungen ausfĂŒhrt, gegenĂŒber dem Boden und dem Partner lebt. Diese Vorgehensweise ist pointiert aus Volkmar Glasers Atemschule bekannt. Der middendorfsche Kanon kennt einen dementsprechenden, jedoch nur singulĂ€ren Übungseinsatz als Spannungsatem.

In Maria Höller-Zangenfeinds Arbeit erscheint jedoch auch die Herangehensweise von zwei hergebrachten Atemschulen verschrĂ€nkt, die gegensĂ€tzlicher nicht sein könnten: WĂ€hrend Ilse Middendorf die Sammlung nach innen auf die Spannungsempfindungen lenkt, die durch die Bewegung beim Atmen hervorgerufen wer- den, richtet Glaser die Sinne nach außen, auf den Boden, aber vor allem den anderen aus oder gebietet im Falle des Singens das Publikum sensorisch in den eigenen Raum zu nehmen. Eine Ausfaltung der Sinne im Raum ist also gemeint. Glaser spricht in Anlehnung an Ludwig Binswanger, den BegrĂŒnder einer Anthropo- logischen Psychiatrie, vom sensorischen „Über-sich-hinaus-sein“, das sich auf der Grundlage einer wachen Bereitschaftshaltung verwirklicht.

Keine Selbstempfindung wie im Erfahrbaren Atem liegt also der glaserschen Psychotonik zugrunde. Eine verbesserte Tonisierung wird stattdessen dadurch hervorgerufen, indem mit dem eigenen Leib zum anderen hingespĂŒrt und dieser sogar in den eigenen sensorisches Ausdehnungsraum hereingenommen wird. „Trans- sensus“ ist der Grundbegriff fĂŒr diesen eine SphĂ€re schaffenden Vorgang, .Das was also AtmosphĂ€re ge- nannt wird, lebt von der sensorischen AktivitĂ€t der Teilnehmer zueinander, der gegenseitigen Resonanz von darstellendem KĂŒnstlers mit dem Publikum, des vortragenden Redners mit der Hörerschaft.

Glaser macht in seiner auf den Transsensus angelegten Psychotonik bewusst, was den Körper zum Leib macht. Denn Leib ist keine Substanz, die wie der Körper vermessen, manipuliert und zweckmĂ€ĂŸig bis hin zur Auslösung selbstĂ€ndiger ReflexablĂ€ufe gehandhabt werden kann. Der Leib ĂŒbersteigt das physikalische Volumen des Körpers, dem das klassische Denken die Substanz, den Geist, den Inhalt absolut entgegengesetzt hat. Mit Leib ist vielmehr der Niederschlag einer sensorischen Relation zwischen Innen- raum und Außenraum in uns selbst gemeint, durch die sich die strukturgesetzlichkeiten der Atembewegung entfalten.oder nicht. Die energetischen Gliederungen, die der Leiblichkeit zugehörig sind, haben dann auch nicht jenen physikalischen Dingcharakter, wie er allen Kausalbeziehungen zukommt.

Leib ist Bezugspunkt aller Existenzphilosophie und Lebensphilosophie sowie der Anthropologischen Philosophie und Anhtropologischen MedizinverstĂ€ndnisse. Der Leib ist das “In-der-Welt-sein” (Martin Heidegger) der Fundamentalontologie. Da der Leib dem Befinden im Raum zugehörig ist, spricht Heidegger vom „Sein im Raum“. Dagegen ist die Bewegung zunĂ€chst ein körperlicher Akt, der darin leiblich wird, als sich in dessen Vollzug ein Aussehen zeigt, das dem Befinden entspricht. Denn der Leib gewinnt darin seine Bedeutung, dass er prĂ€kognitiv und prĂ€verbal wertet, was sich dann im Ausdruck, der beseelten Stimme, der Mimik und Geste sowie dem freien Tanz zeigt. Das Werten des Leibes aber kommt durch Informationsaustausch zwischen Innenwelt und Außenwelt zustande. Zum Energetischen gesellt sich das Informatorische.

Befinden ist also mehr als Empfinden. Denn das Befinden meint immer eine vital-sensorische Raumbezie- hung. Doch wir sind nur bĂŒndig in der Welt und können entsprechend unserer Möglichkeiten singen, indem wir zugleich ĂŒber uns hinaus sind. Und wir können nur ĂŒber uns hinaus sein, wenn wir in der Schwerkraft verankert sind. Dies sind die sensorisch-tonischen Grundlagen, aus denen die der Ichbildung vorher gehende Person seine Außenwelt nach dem Modus der „exzentrischen PositionalitĂ€t“ (Helmuth Plessner) zur Mitwelt werden lĂ€sst.

Bei guter Gespanntheit, im guten Kontakt werfen wir unser sensorisches Kleid ĂŒber den anderen. Diese sensorische Bindung gelingt weder dem In-sich-gekehrten noch dem Ă€ngstlich-neurotisch Angespannten, weil sie in ihrem Dasein nicht situiert sind. Beide sind unfĂ€hig, ihrer eigene Innenwelt zu erfassen, indem sie die Welt erleben. Dem ersteren fehlt primĂ€r die sensorische Ausdehnung im Raum, dem letzteren die sensorische Positionierung in ihm. Die exzentrische FĂ€higkeit, die sensorische Leibgrenze ĂŒber sich hinaus zu verschieben, findet ihre Maßsetzung in der FĂ€higkeit, sich der Schwerkraft anzuvertrauen und damit gegen den Boden aufgerichtet zu sein. Durch dieses Zusammenspiel werden wir als Person fĂ€hig, eine geistige SphĂ€re als „In-der-Welt-sein“ zu leben.

Die Psychotonik ist vor allem auf diesen sphĂ€rischen Verbindungsaspekt des menschlichen Zusammen- seins, nĂ€mlich der ausgedehnten Leibgrenze angelegt, das der Arzt und Atemlehrer Volkmar Glaser beson- ders beim Kranken verletzt sieht. Er steht mit seinen Beobachtungen, dass dadurch die Person ihre Mitwelt verliert, im Einklang mit der Klinik der Anthropologischen Medizin, die durch die Philosophie Martin Heideg- gers ĂŒber den Psychiater Ludwig Binswanger sowie durch die Gestalttheorie Viktor von WeizsĂ€ckers angestoßen worden war.

Dagegen sucht der Erfahrbare Atem von Ilse Middendorf zunĂ€chst die andere Grundbestimmung der menschlichen Existenz auf: Die Unterscheidung, weil im reifenden Gang der wachsenden Atembewegung und sich dadurch differenzierenden Selbstempfindung all das aus der geistigen SphĂ€re des „Wir“ klar und gewiss wird, was von außen herein kommt, beengt und die AuthentizitĂ€t einer Person vernichtet. Aber nicht das Innewerden seelischer Inhalte, das Durchleben der seelischen Existenz also, ist Gegenstand des Erfahrbaren Atems. Vielmehr zielt er auf jene sinnliche Existenz des Menschen ab, wo er die natĂŒrliche Mitte zwischen seinem atembewegten Innenraum und der Außenraum einnimmt, die als VerhĂ€ltnis von Ausdehnung und Positionierung durch die soziale Mitwelt, die zu schaffen der Person aufgegeben ist, relativiert wird.

Die einfachste Grundform des „Transsensus“, von der alle muskeltonische Regulation lebt, ist die gutge- spannte Vertikalbeziehung, durch die wir uns von der Erde tragen lassen. Sie gestattet jene geschmeidige Anpassungsleistungen in einer sozialen Situation, durch die wir auch auf die andere muskeltonische Dimension verwiesen sind: die HorizontalitĂ€t. Im vital-sensorischen Raum sind wir sowohl gegenĂŒber der Schwerkraft positioniert als auch gegenĂŒber der Fliehkraft ausgedehnt. Anthropologisch gesehen sind wir dadurch ĂŒberhaupt erst zu etwas „in der Lage“. Die Physiologie spricht bezeichnenderweise vom „Lage- tonus“, der phasisch wiederum durch spezifische Aufmerksamkeits- und auf den anderen bezogene Hand- lungsaktionen differenzierbar ist: Unsere Existenz ist situiert, wenn sie fĂŒr diesen emphatischen Vorgang auf eine im Außenraum geschaffene stabile SozialitĂ€t rĂŒckgreifen kann.

Positionierung im Raum verhilft uns zur Zentrierung unseres Verhaltens. Wir verlieren uns nicht im zufĂ€llig Äußeren, weil diese den Gegenhalt zur Reaktion auf die Reize aus der Welt leistet. GrĂŒndet unser Ver- halten in einem atembewegten Hintergrund, so wird durch ihn die ExzentrizitĂ€t eine grundlegende Formung erfahren. Erst die Art und Weise der Horizontbildung durch die sensorische Ausdehnung im Raum ent- scheidet, ob wir jene SelbstverstĂ€ndlichkeit im sozialen Handeln gewinnen, durch die wir auf den anderen gelassen reagieren. Durch einen sensorischen Hintergrundsraum hindurch erhalten wir unsere exzentrische Positionsform. Dem dadurch gelingenden Verhalten liegt die Tonusform des Kontaktes zugrunde, welche die Physiologie als „Gammatonus“ kennt. Dieser rĂŒckt besonders ins psychotonische Interesse der Glaserarbeit.

Glaser begrĂŒndet mit seiner Atemmassage, seinem Kommunikativen Bewegen und seinem Eutonieaufbau eine vitale Pathie des Verbundensein mit dem anderen. In ihr kommt es vor allem darauf an, dass wir den sensorischen Raum so stimmen, um ihn mit dem anderen gemeinsam zu bewohnen. Glasers psychoto- nische Atemarbeit grĂŒndet in der Lösung, die der leiblichen Resonanzbeziehung zugehörig ist. Lösung ist wegen der Personengebundenheit deshalb etwas anderes als Entspannung, weil sie innerhalb einer sen- sorischen Relation von Innenwelt und Außenwelt stattfindet und durch sie ein Sinngeschehen moduliert wird. Es ist – so die glasersche Psychotonik ausrichtende GrundĂŒberzeugung –  der Kontakt mit dem anderen, der löst.

Kontakt bedarf der transsensischen BerĂŒhrung. Ein Mit-dem-anderen-gehen verlangt, dem anderen einen sensorischen RĂŒckhalt im angebotenen Raum zu spenden. Und die menschliche Begegnung als In-begriff der Wandlung schließlich lebt von der KohĂ€renz eines gegenseitigen Transsensus, der sensorischen Ver- schrĂ€nkung der beteiligten Leiber, das Mitschwingen des einen im anderen, durch das ein Informationsaus- tausch mit positiver seelisch-geistiger Kraft stattfindet.

Der Erfahrbarer Atem von Ilse Middendorf will dagegen die Vielfalt der Ă€ußeren RĂ€ume, in die wir hinaus- leben, in dem wir diese sensorisch in uns hereinnehmen, in ihrer gestalthaften Atemdimension ausdifferen- zieren. Nicht das Befinden, wie in der glaserschen Psychotonik, sondern das Empfinden ist das Ausgangs- datum. Das unbekannte Innere soll durch die freigewordene und erlebte Atembewegung zu jener ausstrah­ lenden Kraft werden, welche die leiblich konstituierte SphĂ€re stimmt, in welche wir durch unser Tun und Lassen eintreten. An den eigenen Atemrhythmus angebunden vermag nunmehr das Eigene dem Fremden unvoreingenommen begegnen, wodurch eine Mitwelt geschaffen wird, in der das Fremde ins Eigene auf- genommen werden kann.

Den innersten Kern der Person können wir von außen nie verstehen und er kann auch nicht als psychische Existenz selbstverstanden, sondern nur gelebt werden. Keine Tiefenpsychologie vermag ihn zu erfassen und er kann nur durch eine gesammelte Atemweise gesichert werden. Wegen dieser Hermetik der Person besteht eine Unberechenbarkeit, durch die hindurch sich jene spontane Anmutung entfaltet, durch etwa ein Orchester, ein Schauspieler oder Sprecher  in Resonanz zu seinem Publikum tritt.

Den Gegensatz in der Ausrichtung der Sinne, dem wir in den beiden Atemschulen begegnen, hĂ€lt die Me- thode Atem-Tonus-Ton durch die Widerstandarbeit und die Druckarbeit in der Schwebe. Sie setzt an jenem Punkt ein, wo die weiterreichenden Ambitionen dieser beiden Atemschulen nicht mehr zur Debatte stehen. Denn der reflektorisch einfallende Einatem realisiert keinen sensorischen Raumbezug. Die Leiblichkeit fin- den wir in diesem erklĂ€rtermaßen zentralen Übungsaspekt geradezu neutralisiert. Denn der reflektorische Einatem ist ein körperlicher Atemreflex, der mit der leiblichen Dimension der sensorischen Raumbildung als Relation von Inneren und Außen ebenso wenig etwas zu tun hat, wie der willkĂŒrliche Muskeleinsatz selbst, mit dem nach Höller-Zangenfeind der Schwerkraft widerstanden werden soll.

Umgangen ist in der Methode Atem-Tonus-Ton auch der Bezug auf die einzigartige Sonderstellung der Atemfunktion bezĂŒglich des WillkĂŒrbewusstseins, die einstmals Anlass zum Streit um die besten Methode war. Beiden methodischen Möglichkeiten der Atemarbeit, dass wir einerseits mit dem Willen die Luft holen können, um den Atem technisch einzusetzen und andererseits das Atmen unwillkĂŒrlich entsprechend unseres Befindens stattfindet, begegnet die Methode Atem-Tonus-Ton in einer erstaunlichen Indifferenz. Diese ist möglich, weil die Arbeit mit dem Ton sich auf ein ReprĂ€sentationsgeschehen bezieht, das zwischen einer Handlung und dem Ausdruck liegt. Aus dem ersten Aspekt folgen willentliche Formungen, aus dem letzteren unwillkĂŒrliche, vom Atem selbst getragene. Eine die Tonformung begleitende Spannungsarbeit wirkt indirekt auf den Atem: Widerstandsarbeit oder Druckeinsatz optimiert die Ausatemspannung und deren Beendigung lĂ€sst den reflektorischen Einatem einfallen. 

Der Erfahrbare Atem transzendiert noch beide Atemweisen, die aus der DoppelschlĂ€chtigkeit der Atemfunktion hervorgehen, nĂ€mlich sowohl willkĂŒrlich als auch unwillkĂŒrlich zu sein. Er selbst ist eine dritte, nĂ€mlich gesammelte und jenseits des Gegensatzes von körperlich und seelisch angesiedelte Atemweise. Indem die Atembewegung empfunden und zugleich als Sammlung in Hingabe und Achtsamkeit erlebt wird, kann durch die Gunst der Stunde der endogen eingeschriebene Atemrhythmus frei werden, der durch keine Außenbeziehung und keine noch so versteckte Absicht mehr dirigiert wird. Durch den wandelnden Eigenrhythmus wird die Welt so „in“ der Person eingestellt, dass das Eigene dadurch zu sich selbst kommt, weil es von einem dem Ich selbst unbekannten Innern getragen wird.

Derartige Existenzfragen, welche die theoretische Durchdringung des durch die middendorfsche Atemarbeit gegebenen Erfahrungsgebietes aufschließt, interessieren Maria Höller-Zangenfeind jedoch nicht. Sie will endlich die Stimme zum Singen und auch Sprechen gebrauchen. Ihre Methode beruht vor allem auf einer durch das Ich gefĂŒhrten WillkĂŒrbewegung im Tonungstraining. Dabei geht es mitnichten darum, direkt aktiv zu atmen. Vielmehr kann durch die eingesetzte Widerstandsarbeit so die Spannung gehalten werden, wie sie fĂŒrs Atmen zweckmĂ€ĂŸig ist. Dadurch wird nicht nur die nötige Luft mobilisiert. Auch kann die Atembewegung durch den gefĂŒhrten Ton in Gang gehalten werden. Die in der Methode Atem-Tonus-Ton mitgefĂŒhrte Indirektheit gegenĂŒber dem Atem belĂ€sst insofern die UnwillkĂŒrlichkeit, als der indirekte Eingriff den Atemimpuls zwangslĂ€ufig hervorruft. Der reflexhafte Atemeinfall wird möglich, nachdem die mit dem Ton verbundene Tonusarbeit achtsam beendet, also der dem Boden widerstehenden Krafteinsatz zum richtigen Zeitpunkt aufgelöst worden ist.

Verdeutlichen wir durch eine Zuspitzung weiter: Betrachtet man die Ebene der methodischen Mittel von Atem-Tonus-Ton isoliert, scheint eine ParallelitĂ€t mit der Progressiven Muskelentspannung nach Jakobson gegeben, die aktiv anspannt und aktiv löst. Dabei werden ebenfalls WillkĂŒrkrĂ€fte zur aktiven Muskelan- spannung eingesetzt. Auch das Ich bleibt dabei am Rande der Empfindung stehen. Bei Maria Höller-Zangen- feind wird der gefĂŒhrte Muskeleinsatz „begleitet von innerer Anwesenheit, um diesen erzeugten Tonus auch wieder bewusst loszulassen“. Diese kontrollierte AktivitĂ€t muss, wenn sie auch nur etwas das subtile Atemgeschehen mitverpflichten will, Maße finden, die sie nicht aus sich selbst, sondern sensorisch schöpft, wodurch sie dennoch in den Bereich der einfachen Tonusmodulation durch Lösung gerĂŒckt wĂ€re.

Wir monierten bereits den Tonusbegriff, welche der Methode Atem-Tonus-Ton zugrunde liegt. Seine klassische Bedeutung dĂŒrfte bei Maria Höller-Zangenfeinds Krafteinsatz jedenfalls ebenso wenig erfasst sein, wie bei der an ihn gebundenen Lösung. Denn Tonus definiert sich gerade durch den Gegensatz zu einer willkĂŒrlichen Setzung. Mit Muskeltonus ist jene Spannung gemeint, welche der passiv gedehnte Muskel dem ihm gegenĂŒberliegenden aktiv angespannten Muskel entgegensetzt. Ist dieser Widerstand zu gering und auf den Gesamtorganismus verteilt, entsteht eine lasche Haltung und umgekehrt eine angespannte. Man widersteht der Schwerkraft sehr wohl durch einen dem jeweiligen Tun angemessenen Tonus. Dieser folgt aber keinem willkĂŒrlichen Krafteinsatz, sondern resultiert aus dem in einer Handlung oder Bewegung optimal verteilten Widerstand aller passiv gedehnten Muskulatur gegenĂŒber der willkĂŒrlich betĂ€tigten.

Aber auch die zentralen Termini Widerstand und Druck, die ebenfalls aus der middendorfschen Atemarbeit bekannt aber ebenso wenig durch sie reflektiert sind, werden von der Erfinderin der Atem-Tonus-Ton-Methode in einen eigenen Kontext gestellt. Druck ist in der sensitiven Bewegungsarbeit ein einfaches BetÀtigen von Atemreflexen, wodurch der Atem mobilisiert werden kann. In der Atembehandlung wird durch Druck in den Einatemimpuls die Person zu einer Stellungsnahme aufgefordert. Und der dosierte Druck einer in die Einatemphase eingeschmiegten Hand, soll die Atembewegung gegen diesen Widerstand wachsen lassen. Bei Maria Höller nun wird der Widerstandsbegriff hin zu einer allgemeinen Beziehung der vertikal wirkenden Schwerkraft verschoben. Druck firmiert bei ihr als generelle Einwirkungsbeziehung, bei welcher die horizontale Dimension der Schwerkraft angesprochen ist: die Fliehkraft.

Der enge Zusammenhang zwischen Gravitation und Atembewegung zeigt sich bei einer Vollatembewegung darin, dass der körperliche Schwerpunkt mit dem Atemimpulspunkt im Becken zusammenfĂ€llt. Nur kann man darin allein nicht ruhen. Denn wir sind als Menschen durch die Aufrichtung zugleich in einzigartiger Weise der Fliehkraft ausgesetzt, wodurch das Außen von der HorizontalitĂ€t her vor allem dort oberhalb des Zwerchfells beeinflusst, zerrt und drĂŒckt, wo die enge Gravitationsbindung wie beim Atemimpuls unterhalb dieses Hauptatemmuskels nicht mehr besteht. Deshalb mĂŒssen die von unten auftreibenden und aufrich- tenden Antriebe im Fluss durch den Atemleib einer persönlichen PrĂ€gung unterworfen werden. Wir wissen bereits mit der Erörterung des Legato, weshalb das Geschehen oberhalb des Zwerchfells entscheidend ist: Die Zwischenrippenmuskulatur tritt mit dynamischen Impulsen in das sensorische Konzert ein.

Die Aufrichtung kann nur als eine persönliche Haltungsleistung behauptet werden. Der persönliche Schwerpunkt liegt ĂŒber dem Körperlichen, der im Becken mit dem Atemimpulspunkt zusammenfĂ€llt. Auch er hat einen direkten Atemzusammenhang. Er liegt nĂ€mlich im Atemintegral vertikaler und horizontaler Ausatemrichtungen im Zentrum des mittleren Atemraums zwischen Brustbein und Bauchnabel. Dieses Atemintegral bildet sich um das sich absenkende Zwerchfell, wenn dessen Absenkungsbewegung im Einklang mit der gleichzeitigen Aufdehnung der Zwischenrippenmuskulatur steht. Dann entsteht ja eine Vollatembewegung, die sich energetisch ĂŒber die eigentliche Atemmuskulatur hinaus bis in den Scheitel des Kopfes, die Fingerspitzen sowie die Fußzehen hinein fortpflanzt

Alle Atemstörungen zeigen sich im fehlerhaften Zusammenspiel der Bewegung des Zwerchfells und der Rippen. Der Körperraum oberhalb und unterhalb des Zwerchfells wird durch diese beiden antagonistisch zueinander verlaufenden Bewegungen verbunden, bleibt jedoch bei einer akuten oder habituellen Hoch- oder Tiefstellung des Zwerchfells getrennt. Die Verbindung der beiden KörperrĂ€ume erfolgt durch einen muskeltonischen Mechanismus, der von einer prĂ€senten Haltung abhĂ€ngig ist, was ĂŒberhaupt die Grundbedingung fĂŒr eine Vollatembewegung ist. Eine gute Gesamtspannung ist engstens mit einer wachen Bereitschaftshaltung verbunden, die als intentionale Sinnesbeziehung im japanischen Zen und chinesischen Tai Ch’i geĂŒbt wird.

Die Brustbeinbewegung, an dem die Rippen eingehĂ€ngt und die Zwischenrippenmuskulatur ansetzt, ist dabei ausschlaggebend. Nur bei Eutonie ist das Brustbein beweglich und kann eine optimale Einatemstellung einnehmen, die entscheidend fĂŒr den gesamten Atemverlauf ist. Bei guter Spannung kann es etwas nach vorne geschoben werden, wodurch die untere Zwischenrippenmuskulatur so eingespannt wird, dass diese in einen tonischen Gegenhalt zum sich absenkenden Zwerchfellmuskel gebracht ist. Diese muskeltonische Arretierung ist von einer Festhaltung zu unterscheiden. Wegen ihr vermag sich die Zwischenrippenmuskulatur aufzudehnen, wĂ€hrend sich das Zwerchfell absenkt. Dadurch wird die biologische Tendenz zu einer Vollatembewegung realisiert.

Nochmals: Diese Einspannung der Atemmuskulatur folgt der Eutonie und ist einer wachen PrĂ€senz zugehörig, zu der wir uns auch in gewissem Maße aufraffen können. Dagegen wird bei einer zu hoher Gesamt- spannung bzw. zwanghafter Konzentration der Brustkorb ausgestellt und bei Unterspannung bzw. lascher Haltung bleibt er eingesunken. Aber auch in die Gesamtspannung sich einfĂ€delnde lokale Muskelblockaden zerbrechen diesen zentralen Mechanismus der Sinnesausrichtung, den die Atembewegung als TonusphĂ€nomen birgt. Kurzum: Die IntentionalitĂ€t als Grundbeziehung der phĂ€nomonologischen Leibphilosophie in der Tradition von Edmund Husserl hat einen Atemgrund.

Nicht nur Fehlatmungen können bei der Verletzung des intentionalen Atemmechanismus entstehen. Von der guten Einatemspannung hĂ€ngen vor allem alle geweblichen Lösungsprozesse ab, die durch die schwingende Atembewegung getragen werden. Nur in begrenztem Maße kann man an ihr auch technisch manipulativ arbeiten, ohne aber die innere beseelende Atemtranszendenz freisetzen zu können. Tonus ist nicht nur körperlich zweckmĂ€ĂŸig fĂŒr den Stimmgebrauch. Er hat im Sinn der westlichen Atemlehren auch eine personenbezogene Seite, in der sich die Empfindung und das Sensorische manifestieren, denen die Sinnlichkeit und der Sinn folgen.

Durch die Entfaltung der biologisch angelegten Tendenzen zur Vollatembewegung wird die zweiteilige durch das Zwerchfell unterschiedene körperliche Raumsubstanz zu einer leiblich-sensorischen Raumbeziehung. Diese ist nunmehr dreifach gegliedert und dementsprechend durch prĂ€gnante Empfindungen unterscheidbar. Wir haben bereits vom mittleren Atemraum zwischen Brustbein und Bauchnabel gesprochen, der sich von einem oberen (SchultergĂŒrtel, Kopf, Arme) sowie unteren (Becken, Beine) unterscheidet.

Aus der physikalisch erfassbaren RĂ€umlichkeit, die das Zwerchfell zweiteilt, wird durch ein voll schwingendes Zwerchfell eine sensorisch erlebbare. In diesem Fall wird der mittlere Atemraum um das Zwerchfell erst erschaffen. Die Grenze aller sensorisch unterschiedlich gestimmten AtemrĂ€ume bestimmt sich durch die Außenbeziehung. Deshalb unterschieden wir bereits die Leibgrenze von der Körperkontur. Die sensorische Grenze ist in den Körper hinein und ĂŒber ihn hinaus verschiebbar sowie an ihn heranziehbar. Deshalb sind an der erscheinenden Atembewegung alle Momente des Lebendigen ablesbar. 

Der sensorischen Ausrichtung der Sinne folgt die Verschiebung der beweglichen Leibgrenze und umgekehrt. Nur bei Eutonie, sind wir sensorisch ĂŒber uns hinaus. Den beiden Tonusformen der Flucht und der Abwehr, denen die beiden Grundformen der Affekte, der RĂŒckzug und der Kampf entsprechen, ist kein Transsensus zugehörig. Beim Überempfindlichen bzw. bei dem mit geringer Abwehrkraft ausgestatteten In-sich-gekehrten ist die sensorische Leibgrenze hinter die eigene physikalische Körperkontur zurĂŒckgenommen. Und bei dem Unempfindlichen bzw. bei dem mit muskelhartem Abwehrtonus Ausgestatteten ist die Grenze der verschiebbaren Raumsensorik an den Körper angelegt. Dem einen fehlt das Sensorium fĂŒr den anderen, weil er vom Fremden ĂŒberwĂ€ltigt wird, und sich dadurch nur selbst spĂŒrt. Bei dem anderen fĂŒhrt das Zusammenfallen von Körperkontur und Leibgrenze zu dem Manko, weder sich selbst zu empfinden, noch den anderen zu spĂŒren.

Der mittlere Atemraum ist der „körperliche Marker“ (Antonio Damasio) fĂŒr das klare Ja und Nein. Seine AtemfĂŒllung erlaubt Ruhe und spendet Gelassenheit. Er beheimatet die Atemgestalt der Ichkraft, durch die sich das Handeln einer Person zentriert. Bereits bei einem Entscheidungskonflikt fehlt das Atemintegral der horizontalen und vertikalen Ausrichtung. Der mittlere Atemraum ist dann ĂŒberhaupt zerrissen und es fehlt der eigenstĂ€ndige Atemimpuls in diesem. Und schließlich spielt dieser mittlere Atemraum die Hauptrolle bei der Entfaltung der Atemgestalt Atemmitte, bei der sich Innenraum und Außenraum zueinander im sensorischen Gleich­gewicht befinden. Die gestalthaft gegliederten Raumdimensionen des Atemleibes, zu denen außer der Grenze, auch die Zentrierung und die Richtung als anthropologische Formen gehören, differenziert Atem-Tonus-Ton nicht.

Die EmpfindungsprĂ€gnanz, die der unterscheidenden Bildung von Atemgestalten dient, und dadurch diese hervorruft und die Person erfĂŒllt, hat in Atem-Tonus-Ton keinen besonderen Stellenwert gegenĂŒber der SammlungsprĂ€senz mehr und ist in den Status der Körperempfindung zurĂŒckgenommen. Denn bei der Körperempfindung bleibt das Ich mit seiner Bewusstseinsorientierung am Rande der Empfindung stehen. In der middendorfschen Sammlung geht dagegen das Ich zugunsten des Erlebens unter. Das Ich ist dann nicht mehr wie in der Körperempfindung dem eigenen Leib entgegengestellt. Die erlebnismĂ€ĂŸige VerschrĂ€nkung von Empfindung und Sammlung ist jedoch fĂŒr den Erfahrbarer Atem als gesammelte Atemweise konstitutiv.

SelbstverstĂ€ndlich gibt es auch in dem, was wir zur Verdeutlichung unterscheiden, Vermittlungen. Ansonsten könnten die Angelegenheiten der middendorfschen und glaserschen Atemschule gar nicht aufeinander bezogen werden. Doch vorerst soll das Unterscheidende nochmals in der Beziehung von Raum und Zeit benannt werden. Denn wie sich im Raum der Personenbezug konstituiert, offenbart sich in der Zeitlichkeit – wie wir auch noch weiter unten ausfĂŒhrlich zu besprechen haben – erst der Sinn. Dem vital-sensorischen Bezug auf den Innenraum bei Middendorf steht der auf den Außenraum bei Glaser gegenĂŒber. Zu diesen Raumdifferenzierungen verhĂ€lt sich Atem-Tonus-Ton indifferent. Indem alle drei Atemmethoden mit unterschiedlichen RaumbezĂŒgen arbeiten, differenzieren sie sich auch in ihrer Bezugnahme auf die zeitlichen Atemformen, die als Atemfrequenzen aufgezeichnet werden.

Middendorfs Innenraumarbeit zielt zunĂ€chst auf eine Zeitlichkeit ab, in welcher die Atembewegung zur Ruhe kommt, wodurch eine Distanznahme eintritt, welche die Gefangennahme durch das Äußere beendet. Glasers Außenraum-Atemarbeit zielt auf das direkte Erarbeiten einer Bereitschaftshaltung, die der Welt offen begegnet und sich primĂ€r dem anderen zuneigt, wodurch eine Zeitlichkeit konsituiert, in der Verbindung geschieht. Sowenig Maria Höller-Zangenfeind weder den Innenraum noch den Außenraum zeitlich durch die Atembewegung gliedert, so wenig legt sie Differenzen in der Zeitlichkeit ein. Indem sie mit dem reflektorischen Einatem arbeitet, bleibt diese als Atemweise eintönig unbestimmt. Dadurch trainiert sie allerdings so den Atemkörper, dass dieser wieder einer verbesserten Raum-Zeit-Bildung beim Singen zur VerfĂŒgung steht.

Offensichtlich setzt die Methode Atem-Tonus-Ton zunĂ€chst gar nicht an der Leiblichkeit an, deren Ansprache wir in den beiden bedeutenden Atemschulen angelegt sehen. Vielmehr biegt sie middendorfsche Übungen in die Körperlichkeit ein. Mit ihrer Reflexmechanismen aktivierenden Tonusarbeit legt sie dabei die gesamte Konflikthaftigkeit still, mit welcher die innere Natur des Menschen ausgestattet ist und auf deren BewĂ€ltigung die beiden klassisch gewordenen Atemschulen angelegt sind. Insofern spricht Maria Höller- Zangenfeind zurecht vom Training, ja der Automatisierung des Muskeltonus und der UnterstĂŒtzung des Tons durch die Muskelkraft der Beine. Bei ihr spielen das Ich und das Bewusstsein eine zentrale Rolle. Man könnte zugespitzt sogar von einer IchstĂ€hlung der StimmfĂŒhrung durch einen funktionierenden Atemleib sprechen.

Was bei einem guten Tonus ansonsten von alleine geht, wenn sich die leibliche Dimension des Verhaltens durch ein sensorisch bĂŒndiges Eingepasstsein in die Welt entfalten kann, will Atem-Tonus-Ton erzeugen. Das Setzen einer Spannung und auch eines Drucks sind die technischen Mittel, welche Maria Höller- Zangenfeind einfĂŒhrt, um etwas herbei zu fĂŒhren, was an sich nicht gemacht werden kann, aber nun doch möglich sein soll und offenbar nicht nur nötig ist, sondern auch gelingt.

Will man den inneren Zusammenhang der drei Methoden ausloten, gilt es dem gravierenden Mangel zu begegnen, dass die Ausbildung bei Ilse Middendorf pur auf die Erfahrung setzt, welche die nur beschrĂ€nkt dem Wort zugĂ€ngliche, aber prĂ€gnant unterscheidende und darin wertende Empfindung erleben soll. Die vortheoretische Herangehensweise beruht auf unausgewiesenen VorverstĂ€ndnissen, die aus den letzten RestbestĂ€nden der leibmythologischen Ideologie der deutschen Jugendbewegung zehren und im individuell Beliebigen mitgemurmelt werden. Insofern ist es keineswegs zufĂ€llig, dass Maria Höller-Zangenfeind allseits mitgesprochene Begriffe wenig durchdacht mit einer eigensinnigen Bedeutung auffĂŒllt.

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Muskelsinne und Tonusregulation
Besprechen wir den fundamentalen Gravitationsbezug der Atembewegung, der in der Tat der Ausgang von Maria Höller-Zangenfeinds Arbeitsweise ist. Unsere Muskelreflexe sind physiologisch gesehen in der Tat eine selbstregulative Funktion der Schwerkraft. Sie dienen dazu, dass wir ohne Beteiligung des Bewusst- seins unsere Aufrichtung gegenĂŒber der Schwerkraft behaupten können. Doch diese an sich animalische Leistung, kann nicht mehr dasselbe wie etwa beim Primaten sein, nachdem das Bewusstsein des Men- schen zwischen den automatischen Reflexvollzug und die willkĂŒrliche MuskelbetĂ€tigung treten kann.

Die fĂŒr den automatischen Reflexvollzug verfĂŒgbaren nervalen Organe sind Dehnungsrezeptoren (Muskel- spindeln) in den Muskelabschnitten und Spannungsrezeptoren (Golgi-Organe) in den Sehnen. Auch hier sind wir auf eine enge Atembeziehung verwiesen, die in den meisten sensitiven Körper- und Atemarbeiten genutzt wird: passive Dehnung und deren Abart, der Druck, rufen Atem hervor. Die auf passive Dehnung und Druck reagierenden Reflexe sind zwangslĂ€ufige, ohne unsere Absicht und unseren Willen ablaufende Vor- gĂ€nge. Deshalb können an sie gebundene Lösungen keine eine Angelegenheit des Ichs sein. Westliche Atemkunst bewĂ€hrt sich darin, diese jenseits des Ichs liegende Dimension der Tonusregulation anzu- sprechen.

Wir wiesen bereits bei unserem Hinweis auf das SelbstverstĂ€ndnis der westlichen Atemarbeit in der Unter- scheidung von Entspannung und Lösung als auch in einer ersten Erörterung des Tonusbegriffs darauf hin: Die Tonusregulation findet auf der RĂŒckseite von willkĂŒrlich gesetzten Kontraktionen statt. Indem der dem zusammengezogenen Agonisten gegenĂŒberliegende Antagonist passiv gedehnt wird, kann bei optimaler Gegenspannung beim letzteren die Atembewegung durchfließen. Lösung durch die passive Dehnung kann deshalb der Bewegung innewohnen.

Die durch eine passive Dehnung angestoßene Lösung geschieht aber nur bei einer prĂ€senten Gesamthal- tung, deren Aufbau nur soweit durch eine bewusste Haltung des Ichs befördert werden kann, wie ĂŒber eine Sinnesausrichtung die eigene Leiblichkeit durch die Person in einer AktivitĂ€t eingeholt ist. Als Atemsignum einer Eutonie stellten wir bereits das nach vorne bewegliche Brustbein vor, das ein Zusammenklingen der antagonistischen und synergetischen Bewegungs- und ZugkrĂ€fte beim Atmen einleitet. Nerval ist dabei die Tonus-Atem-Regulation durch die Formatio retikularis im Stammhirn angesprochen. Endlich völlig unab- hĂ€ngig von aller direkter BewusstseinstĂ€tigkeit jedoch ist die periphere Regulation in den Muskeln selbst. Beim Menschen nĂ€mlich sind die Dehnungsrezeptionen zu einem besonderen Muskelsinn entwickelt, wes- halb dessen Verhalten umweltoffen und dessen Eigennatur plastisch formbar wird.

Zwar verfĂŒgen alle Landtiere ĂŒber Dehnungsrezeptoren, aber nur die des Menschen sind mit sogenannten Gammanervenfasern ausgestattet. Über diese wird die Funktionsweise der Dehnungsrezeptionen selbst eingerichtet. Durch diese periphere Gammaregulation in den spindelförmigen Dehnungsrezeptoren kann die Empfindung zu einer Variablen der Spannung werden wie umgekehrt die Spannungsgrade den Empfindungs- maßen entsprechen. Je höher die Spannung desto geringer ist die Empfindlichkeit, was im Exrem des ab- wehrenden Muskelpanzers sprichwörtlich geworden ist. Einer hohen Empfindlichkeit liegt eine wenig robuste Muskulatur zugrunde. Wegen dieser dezentralen Nervenregulation in den eigenen Muskelspindeln ist dann nicht mehr nur der sogenannte Reflexbogen zwischen Rezeptor und RĂŒckenmark das Entscheidende. Die variable Empfindung gewinnt einen ErfĂŒllungscharakter, wodurch automatischer Reflexvollzug und zentraler Bewegungsbefehl eine Erlebniseinheit bilden. Dazwischen kann nun die BewusstseinstĂ€tigkeit des Men- schen treten.

Das Seelisch-Geistige wie wir es als Mitwelt innerhalb der sensorischen Beziehung von Innen- und Außen- raum schaffen, bekommt wegen der eigenstĂ€ndigen Regulation der Muskelsinne einen Atemort. Ohne dass wir mit dem Willen kontrollieren und mit dem Kopf beiwohnen, können in einzelnen Muskelgruppen die ent- sprechenden Resonanzbeziehungen dieses leiblichen VerhĂ€ltnisses durchschlagen. Die in die Schwerkraft- beziehung eingebundene Atembewegung wird nun endgĂŒltig zum Integral der Muskelsinne sowie Mit- oder Gegenspieler des Bewusstseins, das demnach nicht mehr und nicht weniger das personal geformte Ver- hĂ€ltnis des Gesamtorganismus zu seiner Umwelt ist, aktiv-passiv, sensorisch-informatorisch.

Nicht zuletzt auch wegen diesem bewusstseinstheoretischen Aspekt der Atembewegung ist die Lösung durch passive Dehnungen und Druck von der Lösung durch die durchfließende Atembewegung zu unter- scheiden. Das Fluidum des Atems in seinem Transzendenzcharakter ist mit dem letzteren gemeint. Das feine Durchströmen schafft nĂ€mlich durch die middendorfsche Übungsanlage vorbereitete Atemgestalten, die in der biologischen Tendenz zur Vollatembewegung angelegt sind und die den Menschen in eine existen- tielle Situation stellen. Die Ansprache der Reflexe in der sensitiven Bewegungsarbeit schafft nur Raum fĂŒr die Atembewegung, die sich durch eigene Impulse ankĂŒndigt, die frei zu geben sind. Ilse Middendorf spricht von der „Bewegung aus dem Atem“, was das menschenkundliche Ziel ihrer Arbeit ist.

Durch die Gammaregulation der Dehnungsrezeptoren und ĂŒber die Muskelsinne begrĂŒndet sich ein eigenes vom Ich unabhĂ€ngiges und in der Animalogie der Atembewegung aufgehobenes Wertungssystem der Per- son. Dieses ist leiblicher Natur und verknĂŒpft uns mit der Geselligkeit. Es soll von der middendorfschen Atemarbeit durchgeklĂ€rt und in der glaserschen Psychotonik als Intention zum Sach- und Personenbezug sowie zur Wesensfindung durchstrukturiert werden. Diese leibliche Wertung der Person ist dadurch bio- grafisch gewachsen, indem das Ich durch Entwicklungskonflikte hindurch gegangen ist, was sich zunĂ€chst in muskeltonischen Reizmustern niedergeschlagen hat, wodurch nach den Kriterien wichtig und unwichtig sowie bekannt und unbekannt muskeltonische Determinationen des Verhaltens eingerichtet werden. Über diesen körperpsychotherapeutischen Sachverhalt hinaus ist die Biografie in einer dem Ich unverfĂŒgbaren Animalogie der Atembewegung aufgehoben. Dieses differenziertere WertungsgefĂŒge wird nach dem Reso- nanzprinzip des seelisch-geistigen Informationsaustausches aktiviert. BegrĂŒndet sich im VerhĂ€ltnis von Psychoanalyse und Muskeltonus die Körperpsychotherapie, so konstituiert sich der Gegenstand einer Atempsychologie im VerhĂ€ltnis von Atembewegung und Information.

Umweltoffenheit und PlastizitĂ€t des menschlichen Organismus sind die anthropologischen Stichworte, deren Bedeutung in unseren Überlegungen mitverpflichtet ist und die ĂŒberhaupt ihre gebĂŒhrliche PrĂ€zision im Atemstoff erhalten. Demnach verhalten wir uns nicht nur sensorisch nach außen. Über die physikalischen Kriterien des Resonanzaustausches der AffinitĂ€t und Selektion kehrt außerdem die fremde Außenwelt in die eigene Innenwelt ein. Durch dieses „In-sein“ (Martin Heidegger) kann sich die Innenwelt erst formen, indem sich der Widerspruch zwischen der hereingenommenen Außenwelt zu einem unbekannten Innern entfaltet. Aus dieser unaufhebbaren Konflikthaftigkeit entstehen „alle Probleme der Seele“ wie Arnold Gehlen, einer der BegrĂŒnder der Anthropologischen Philosophie, betont.

Man könnte auch mit dem FrĂŒhromantiker Novalis sagen, dass der Sitz der Seele immer an jenem „Punkt“ ist, wo das Innen und das Außen sensorisch aneinander geraten. Es ist zu vermuten, dass dieser Informa- tionsaustausch an den  Akupunkturpunkten stattfindet, die durch ihre eigene Morphologie der Zylinderform ĂŒber eine besondere thermische und elektrische LeitfĂ€higkeit verfĂŒgen.

Das Wesen der Seele ist in der Animalogie der Atembewegung zu suchen. Einmal beherbergt diese das Kardinalthema der Innerlichkeit: das Beseeltsein gepflegter Ausdrucksgestaltung. Wegen der peripheren Atemsteuerung kann nicht nur, was unser Ich mit dem Körper beabsichtigt, im Leib widerhallen und dort auch einen RĂŒckhalt finden. Umgekehrt kann die atemgelöste Leiblichkeit mit ihren eigenen BedĂŒrfnissen an das wahrnehmende und beabsichtigende Ich appellieren. Folgt das Ich nicht dieser personalen Wertung durch den Leib, kann sich dieser versteifen und schließlich gar an dem Punkt drastisch melden, wo der zweckhafte Körpereinsatz zerfĂ€llt und kein Pieps mehr geht.

Damit deutet sich auch die Unbarmherzigkeit des in der menschlichen Natur selbst begrĂŒndeten und durch keine bessere sozial-kulturelle Außenwelt unaufhebbaren Fundamentalkonfliktes an. Die Gesellschaft klingt sich in die vital-sensorischen Atemgestalten nur ein, um ĂŒber sie wird das natĂŒrliche und das soziale Band des Lebens miteinander zu verknĂŒpfen. Dieser VerknĂŒpfung nĂ€heren sich die middendorfsche und glasersche Atemschule von der durch ihre Arbeit jeweilig prĂ€ferierten Raumdimension.

Wegen der anthropologischen Annahme einer unaufhebbaren Konflikthaftigkeit der menschlichen Natur ist jeder optimistischen Anthropologie zu widersprechen. Es gilt hierzu die enge Verflechtung von Person und Leib von der Beziehung Ich und Körper zu unterscheiden. Das Ich vermag sich so lange opportun nach so- zial-kulturellen Werten auszurichten und bei gelungener Einsozialisation in eine gesicherte Lebenswelt so lange im Einklang mit dem Leib befinden, als nicht unauflösbare ethische und moralische Konflikte ent- stehen, die es sind, welche das VerhÀltnis von Ich und Person ins Zerreisen bringen. Das Gewissen ist dabei nichts anderes als die leibliche Stimme, die dem Ich mitteilt und zu folgen befiehlt.

Das Gewissen kann aber nur in dem Maße zu einer mĂ€chtigen Stimme werden, wie die Person ĂŒber einen in der Welt gesĂ€ttigten Wertehorizont verfĂŒgt, der ĂŒber die individuelle Empfindlichkeit hinausweist und ihm einen „großen Atem“ verleiht. Ansonsten legt sich die Empfindung als weibliche RationalitĂ€t doch nur das zurecht, was in einer kleinteiligen Welt stimmig ist. Nur wer den Appell seiner inneren Stimme gegen Ă€ußere WiderstĂ€nde auszufechten vermag, hat Charakter.

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Antwort auf dentale Kunststoffbelastungen
Die aus einem praktischen BedĂŒrfnis entstandene Methode Atem-Tonus-Ton bietet sich zunĂ€chst als sinnvolle Pragmatik an, die Körpertechniken mit dem reflektorischen Einatem verbindet, wodurch der Atem der Spannung genĂŒgen kann, die durch den Ton angefordert wird. Aber weshalb erscheint die Umformung von middendorfschen Arbeitsweisen gerade auch fĂŒr solche geeignet, die mit dem Erfahrbaren Atem vertraut sind. Was wirkt fĂŒr Middendorf-Atemlehrerinnen so positiv, obwohl auf die im Erfahrbaren Atem erarbeiteten Differenzierungen mit ihren weitreichenden anthropologischen Bedeutungen verzichtet wird, die fĂŒr den beseelten Stimmausdruck grundlegend sind?

Wenn wir so fragen, haben wir eine Antwort im Hinterkopf, deren Grundlegung zunĂ€chst nicht aus dem Atemgebiet selbst, sondern aus dem Erfahrungsbereich der Alternativmedizin stammt und durch die Atem- arbeit bestĂ€tigt werden konnte. Wir meinen die Störung der Atembewegung durch kunststoffhaltige Zahn- werkstoffe. Diese werden zunehmend seit Mitte der achtziger Jahre, nachdem das Amalgam verrufen wor- den war, und inzwischen auch wegen kassenrechtlicher Regelung flĂ€chendeckend eingesetzt. Maria Höllers Arbeitsweise ist eine ĂŒbende Antwort darauf, dass wegen dentaler Belastungen nicht nur viele SubtilitĂ€ten der middendorfschen Atemlehre uneinlösbar sind, sondern mitunter bereits einfache Einsatzmöglichkeiten zum Tonusaufbau versagen, weil die Kunststoffbelastung eine optimale Einatemspannung des Brustbeins gravierend stört.

Dentale Kunststoffbelastungen zeigen sich direkt als eigenartige Spannungen im Kopf-Schulter-Bereich, welche die gesamten geweblichen SpannungsverhĂ€ltnisse verzerren, was durch langjĂ€hrige Atemerfahrung nur kompensiert, nie jedoch aufgehoben werden kann. Dieser Tonusverzerrung folgen RigiditĂ€ten des Zwerchfells und der Zwischenrippenmuskulatur, weshalb die antreibenden, energetischen und dynami- schen Atemdifferenzierungen der Stimme, keinem außerordentlich beseelten Ausdruck mehr zur VerfĂŒgung stehen. Der Ausatem wird verkĂŒrzt, wodurch sich im Singen selbst noch einmal die dentalen Belastungen als Spannungsverzerrung festschreiben können, weil die subtileren Lösungsprozesse durch die Atembe- wegung selbst behindert sind.

Besonders bei durchlĂ€ssigeren Menschen geht die tonische ReagibilitĂ€t der Atembewegung durch dentale Kunststoffbelastungen verlustig. Und ĂŒberhaupt werden die selbsttĂ€tigen Lösungsprozesse durch die Atem- bewegung selbst eingeschrĂ€nkt, die im jeweiligen Tun mitlaufen, wenn ihm die geweblichen Spannungs- verhĂ€ltnisse elastisch angemessen werden können. Beim Gesang leidet die IntensitĂ€t des Legato, wenn die VariabilitĂ€t der Zwischenrippenmuskulatur eingeschrĂ€nkt ist. Deshalb fehlt bei dentalen Kunststoffbelas- tungen diese innere Linie, die das Geheimnis einer hohen kĂŒnstlerischen Leistung ist, die sowohl hinreißt, weil sie ĂŒberschwingt, als auch gefĂ€llt, weil sie im Maß ist. Überschwang zeigt sich im Atem als Brust- betonung und das Maß, durch die Bindung der HorizontalitĂ€t der Atembewegung in der VertikalitĂ€t.

Uns genĂŒgt also nicht nur die klare kehlfreie Aussprache und ein schöner resonanzreicher Klang, die eben- falls durch dentale Belastungen leiden. Unsere Frage fĂŒhrt uns auf eine Dramatik, die auch noch gar nicht voll erfasst ist durch eine diesbezĂŒgliche Bemerkung der großen Liedinterpretin des vergangenen Jahr- hunderts. Elisabeth Schwarzkopf hört an den versteiften Vokalen, ob ein SĂ€nger gegenwĂ€rtig eine Zahn- spange trage oder – damit nicht genug – frĂŒher die ZĂ€hne habe regulieren lassen. Usus war es schon lange, dass an den Kunsthochschulen auch die Adressen von ZahnĂ€rzten weitergegeben worden sind, welche mit Resonanzmethoden die BiokompatibilitĂ€t abglichen. Kritisiert wird, dass in den energetischen Messkonven- tionen das ganze Ausmaß der Problematik noch nicht erfasst wird.

Wer es versteht, kann heutzutage diese dentalen Belastungen als Massenerscheinung erkennen. Sie sind an den weitverbreiteten Plastiggesichtern zu erkennen, denen eine ausdrucksvolle Gesichtsmimik fehlt. Die Mitbewegungen unter den Augen, neben der Nase und ĂŒber dem Mund erscheinen außerordentlich verarmt. Oftmals seltsam festgehaltene Kiefer sind zu besichtigen. Man sieht im Fernsehen zwar bei langweiligem Ausdruck ausgeleuchtete, aber selten ausstrahlende Gesichter. Das vielstimmige Mienenspiel, bei sich der Ablauf eines inneren Filmes in den muskulĂ€ren Schwingungen des Gesichts zeigt, ist bei kunststoffbelas- teten Dentalmaterialien unmöglich geworden.

Der Kunstgesang oder der rhetorisch gekonnte Vortrag oder auch die einfache Rede und Ansprache voll- endet den Stimmgebrauch, wenn die Mimik ihm zugehört. Auch dies ist ein innerster Zusammenhang, den die middendorfsche Vokalraum-Arbeit ausweist. Die Mundformung und die Zungenstellung korrespondieren mit strukturgesetzlichen Atemformen, weshalb es aufgrund der Atemenergetik keine gemachte Mimik gibt, die auf den Ton zu setzen ist, sondern die Gesichtsmimik wie die freigewordene GebĂ€rde lediglich die Lautierung in ihrer Beseeltheit sichtbar werden lĂ€sst. Weil aber all das nun meist fehlt, hat man flĂ€chen- deckend eine Pantomimik der Gestikschulung eingerichtet. Das Fernsehen ist inzwischen so weit, dass außerhalb des Gesichtsfeldes der Kamera, sich im Raum Vorgestikulierer aufhalten, denen nun der Redner nacheifern soll. Anmut kommt kaum zu Ausdruck, gemachte GeschĂ€ftigkeit sehr wohll. Die gemachten Mitbewegungen sollen den leerlaufenden Nichtsnutz vieler Reden verbergen.

Das Gesicht spiegelt die Gesamtspannung wider, weshalb fĂŒr den kundigen Atemlehrer an ihm zerbrochene Atemintegrationen ablesbar sind. Keine Belastung ist in ihrer LokalitĂ€t isoliert. Der Organismus realisiert das holistisches Prinzip, wonach in jedem Punkte das Gesamt drinne steckt. Dies verdankt sich der ener- getischen Natur der Atembewegung, wegen der eine lokale Belastung zu eigenstĂ€ndigen Störfelder in ande- ren Körperbereichen auswachsen können. Die Stirn korrespondiert energetisch mit dem Kopf, dem Schulter- gĂŒrtel und den Armen (oberer Atemraum). Der mittlere Gesichtsbereich mitsamt den Ohren entspricht dem SpannungsgefĂŒge zwischen Brustbein und Bauchnabel (mittlerer Atemraum). Und der Mund-Kieferbereich kommt der Tonusbeschaffenheit im Becken und den Beinen (unterer Atemraum) gleich.

Was oben wegen der dentalen Kunststoffbelastung zuviel an Spannung ist, wird von unten abgezogen. So wird durch dentale Kunststoffbelastungen die Spannung im LendenwirbelsĂ€ulen-Bereich geschwĂ€cht, wes- halb auch die Integration von tönender Ausatemspannung und Einatemreflexen beschĂ€digt ist. Manchmal ist durch dentale Kunststoffbelastungen sogar völlig die energetische Verbindung zwischen Becken und Wir- belsĂ€ule unterbrochen, wodurch der Atemantrieb von unten fehlt, was ein Signum der Depression ist. In der Atemarbeit zeigt sich diese BeeintrĂ€chtigung, wenn vitalisierende Übungen (Beckenkreis oder Wirbelbeuge) an der unteren WirbelsĂ€ule Schwierigkeiten hervorrufen können. Eine Kollegin musste gar erleben, wie des- halb ein Bandscheibenvorfall ausgelöst wurde.

Zwar kann vieles Üben am Atem abschleifen, aber stabil bleibt dies nicht, geschweige denn, dass ein un- willkĂŒrlicher Atemfluss auch eingelebt werden kann, wenn er schon frei geworden sein sollte. Die midden- dorfsche Raumbildungsarbeit ist von vornherein durch Kunststoffbelastungen beeintrĂ€chtigt, weil die Aus- atembewegung gar nicht mehr voll ausschwingt, weshalb diese oftmals wegen zu geringer AktivitĂ€t der Zwischenrippenmuskulatur gar nicht mehr empfunden wird oder die Einatembewegung sich im Becken aufstaut. Auch andere sensitive Körper- und Atempraktiken bis hin zum Yoga und Tai Ch’i laufen wegen dentaler Belastungen nach anfĂ€nglichen Erfolgen oftmals nicht nur ins Leere, sondern können auch aus- gesprochen kontraproduktiv sein.

Mit der Zeit entwickelt sich zwar durch all diese Praktiken eine höhere DurchlĂ€ssigkeit, aber keine muskel- elastische Atemkraft, die dieser DurchlĂ€ssigkeit entspricht. Deshalb verstĂ€rkt sich nicht nur die beschrie- bene Dysharmonie in der gesamtmuskulĂ€ren Tonusverteilung. Der Atembewegung droht schließlich gar, die tonische ReagibilitĂ€t zu verlieren, was bei zu hoher DurchlĂ€ssigkeit Standpunktverlust und Kontaktarmut hervorruft.

Wenn durch Kunststoffbelastungen bei dĂŒnnhĂ€utigeren Menschen der Atem nur noch vegetativ verlĂ€uft, weil die tonische ElastizitĂ€t verringert, ja erstarrt ist, so schlĂ€gt dies selbstredend bis in den eigentlichen Kern der middendorfschen Atemerfahrung durch. Gedankenrauschen durchbricht die Sammlung auf die Empfin- dungen. Das unmittelbare Aufgehen in die Situation des Übens und der Atembehandlung fĂ€llt wegen dieser dentalen Belastung bei vorhandener hoher DurchlĂ€ssigkeit besonders schwer. Das Ich kann es gar nicht lassen, sich dem eigenen Leib beobachtend entgegen zu stellen. Auch das Üben mit dehnenden Bewe- gungen ruft eher weiterschwingende Unruhe hervor als dass sich etwas wirklich reguliert.

Wenn in der Atembehandlung wegen dentaler Kunststoffbelastungen besonders nicht oder nur schlecht jene Empfindungen mehr erlebt werden können, die beim Ausatmen entstehen, entsteht eine selbstbeobach- tende Achtsamkeit, die in ihrem Mangel an Hingabe ĂŒberanstrengt und deshalb schnell ins Auftreiben des Unbewussten umkippt. Gedankenrauschen entsteht. Wenn dann statt des Einlassens in den eigenen Atemfluss, sich etwa an die Beziehung zum eigenen Vater erinnert wird, zeigt sich die Sammlungs- schwĂ€che als ZerrĂŒttung der sensorischen Leiblichkeit - als Kontaktsperre.

Entstehen derartige Übertragungssituationen, die sich auch bei Kunststoffbelastungen vermehrt im kom- munikativen Alltagsverhalten breit machen, ist ein effektives Behandeln, das mehr als Austeilung von Wohl- fĂŒhlstreicheleinheiten sein will, nur in eingeschrĂ€nkten Maße möglich. Eine derartige Übertragung ist jedoch nicht primĂ€r dem Sachverhalt geschuldet, dass etwa der Atembehandler den nur in Distanz erlebten Vater vertritt und sich dadurch ein Projektionsgewitter entlĂ€dt. Vielmehr ist es nach der Erfahrung des Autors durchgĂ€ngig die ZerrĂŒttung des Muskeltonus durch Kunststoffe, das jene seelische RigiditĂ€ten erst hervorruft, die vermehrt zu Übertragungen in der Atembehandlung fĂŒhren.

Den heutigen Kunststoffbelastungen kann selbstredend nicht durch Psychologisierung der Atemarbeit abgeholfen werden, die das verstehende Ich einsetzt und die Atemarbeit zu einer weniger effektiven Variante der Körperpsychotherapie werden lĂ€sst. Man hintergeht bei dieser Absicht endgĂŒltig das, was der eigent- liche Gewinn der westlichen Atemschulen ist: NĂ€mlich den Menschen in der Immanenz der „phĂ€nomenalen Situation“ (Edmund Husserl) anzutreffen. Diese zeichnet sich darin aus, dass in ihr nicht mit dem trans- zendentalen Ich dem eigenen Leib gegenĂŒbergetreten wird. Das volle Aufgehen von Atembehandler und AtemschĂŒler in der vital-pathischen SphĂ€re der Behandlungssituation ist das Besondere, das kein Sinn- verstehen der klassischen Tiefenpsychologien einzuholen vermag.

Nicht die Empathie oder das Versehen ist der eigentliche Kern der westlichen Atemschulen, besonders der middendorfschen Atemerfahrung. Diesen nachhaltig in einem pÀdagogisch-therapeutischen Prozess zu realisieren, wird bei dentalen Kunststoffbelastungen (meist) misslingen. Nur höchst versierte Atembehandler vermögen unter diesen Bedingungen noch gelegentlich die Person im Atem aufzurufen, jedoch selbst dies leidet unter dem Manko, dass dadurch selten bestÀndige Wandlungen eingeleitet werden können.

Die Auswirkungen von dentalen Kunststoffbelastungen auf die Atembewegung sind in den Kreisen der Atemlehrer zwar bereits bemerkt, aber doch nur vordergrĂŒndig psychologisch aufgefasst worden und die Atemarbeit darin kritisiert worden, dass sie gar nicht wirksam sei, wenn nicht die Psychologie hinzukĂ€me. Doch damit hintergeht man nicht nur das leibtheoretische Anliegen der Atemarbeit, sondern macht man nur ein neues, bodenloses Fass auf. Bedeutendes entdeckt und mitgeteilt wurde bislang auch deshalb nichts, weil es gar keine kurze Wege zwischen Psychotherapie und Atemarbeit gibt.

Vielmehr gilt es dieselben zahnmedizinkritischen Fragen auch gegenĂŒber der Wirksamkeit der Psycho- therapie zu stellen. Wenn psychische Konflikte gar nicht mehr optimal verarbeitet werden können, weil dentale Belastungen vorliegen, sind berechtigte Zweifel darum angebracht, wie weit Kopfgeburten tragen und letzten Endes nur tiefsinnige Nacherziehungsprogramme im behavioristischen Geist ohne leibliche Tiefenwirkung darstellen. Ein Erfolg der Psychotherapie, der sich auch in einem dauerhaften Wandel der tonischen Grundstruktur zeigt, dĂŒrfte kaum bei gravierenden Dentalbelastungen festzustellen sein. Zwar haben sich lĂ€ngst die geschichtlichen Inspirationen der großen Tiefenpsychologien erschöpft, die das Seelische in einer kultur-, zivilisations- und gesell- schaftskritischen ErzĂ€hlung zurĂŒckbanden, aber ein schleichendes Entleertwerden erfahren die ihnen folgenden und in ihrer Methode ausgereiften Therapien lĂ€ngst durch die Zahnmedizin.

Das ResonanzphĂ€nomen im Atem jedoch fĂŒhrt uns dagegen zu Belastungen durch seelisch-geistige In- formationen, die es im konkreten Atemverlauf zu identifizieren gilt. Was uns ein Resonanzabgleich nach den Stimmigkeitskriterien des Zutreffens, des Zusammenpassens und Entsprechens offenbart, fĂŒhrt uns an den leiblich-sensorischen Wertungspol der Seele, welcher dem kulturellen gegenĂŒberliegt. Zwischen beiden spannt sich die Atembewegung als lebendiger SphĂ€renbildner aus. Was wir in unserem Leib als Zusam- menbruch der Ichkraft oder der Zerfall des Hintergrundraumes erleben, wird deshalb als hochindividuelle Ereignisse zugleich zu einer „sozialen Tatsache“ (Emilie Durkheim).

Es sind nie Bakterien allein, die etwa Karies hervorrufen, oder eine Demineralisierung erzeugen, die plötzlich eine Zahnkrone absprengt. Belastungen durch seelisch-geistige Informationen sind es, die ein Milieu mit- schaffen, wodurch entzĂŒndliche oder degenerative Zahnerkrankungen möglich werden. Das haben nicht zu- letzt zwei Jahrzehnte Forschungsarbeit durch den Karlsruher Heilpraktiker Friedrich Ochsenreither offen- gelegt. Seelischer Konflikt und dentale Belastung sowie Kopfherde und Störfelder gehen ineinander ĂŒber. Was fĂŒhrt aber in der Tiefenpsychologie noch weiter, wenn doch nicht tief genug bohrt und eine Zahn- sanierung oftmals jene leiblichen Symptome beseitigt, die einer seelischen Störung oder gar geistigen Erkrankung zugrunde liegen?

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Das Problem der Heilhindernisse
Wenn man das Thema „Atem-Tonus-Ton“ auf die Tonusverzerrung durch Zahnwerkstoffe focusiert, bekommt man in den Blick, wie vielfĂ€ltig diese als Heilhindernis wirken. Vor allem die Elektroakupunktur nach Voll hat seit den fĂŒnfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts besonderes Augenmerk auf diese Frage gelegt. Nicht nur das Amalgam, sondern sĂ€mtliche zahnĂ€rztliche Wertstoffe wurden von ihr auf den PrĂŒfstand ge- stellt. Außerdem wurde von ihr die Belastung durch devitalisierte und entzĂŒndete ZĂ€hne an den hierfĂŒr ausgezeichneten Messpunkten eruiert, die sie ebenfalls als Risikofaktoren fĂŒr die Gesundheit und Auslöser von Funktionsstörungen und Erkrankungen erkannte.

Die Elektroakupunktur zog einen weiten regulationstherapeutischen Rahmen und integrierte die verschieden- sten regulationstherapeutischen AnsĂ€tze der Homöopathie und die Naturheilkunde. Sie belebte die Isopathie und entdeckte die Wirkung von Mineralien, SchĂŒsslersalzen, Vitaminen und Enzymen. Auch geopathische Belastungen lernte sie durch die Entwicklung ihrer elektrophysiologischen Messkunst auszutesten. Getes- tet wurde der Spannungsverlauf von auf Akupunkturpunkte gesetzten elektrischen Impulsen, wobei auch die ausgewĂ€hlten Medikamente in den Resonanzkreis eingegeben und durch einen Resonanzabgleich bestĂ€tigt werden.

Dabei ist die Elektroakupunktur zunĂ€chst deshalb fĂŒr unsere Atem-Tonus-Ton-Fragestellung interessant, weil sie in ihrem Verfahren zwei Wandlungslehren von Information in Energie, nĂ€mlich die Homöopathie und das Tao, miteinander vermĂ€hlte. Dadurch wurde die klassische Homöopathie in eine Testhomöopathie ĂŒber- fĂŒhrt. Diese geht nun nicht mehr repetitorisch im komplizierten Bestimmen des Arzneimittelbildes vor, son- dern bekommt nach dem Resonanzprinzip durch den besseren Fluss des Ch’i bestĂ€tigt, was das geeignete Medikament ist. Die Messkunst der Elektroakupunktur hat die neuere Entwicklung des einfachen Austes- tens nach dem Resonanzprinzip angestoßen, die inzwischen vielfĂ€ltige Ausfaltungen (Biotensor, Lecher- antenne, Kinesiologie, Vegatestung, Blut- und Haaranalysen) erfahren hat.

Indem die Elektroakupunktur die informatorische Wirkung des homöopathischen Medikaments auf das Ener- getische nutzt, hat sie darĂŒber hinaus das Atemherz einer modernen Alternativmedizin begrĂŒndet. Das fließende Ch’i symbolisiert Atembewegung. Man darf sich gut auf der Zunge vergehen lassen, was uns die Ch’i-Beeinflussung der Kur der Elektroakupunktur nahe legt und auch die Erfahrung des Atemlehrers be- stĂ€tigt. Homöopathische Medikamente wirken unĂŒbersehbar auf die Atembewegung, falls der Organismus genĂŒgend resonanzfĂ€hig ist.

Folgende Ordnung gilt dabei. Die LM- oder Q-Potenzen in ihrer 50.0000-fachen VerdĂŒnnung wirken sichtbar auf biografisch eingeschliffene ZwerchfellrigiditĂ€ten und Fehlstellungen dieses Hauptatemmuskels. Die 100-fach verdĂŒnnten C-Potenzen wirken auf den Atem bei aktualisierten Konflikten, und Fehlverhaltens- weisen sowie akuten Infekten. Sie schaffen Integrationen zwischen der VertikalitĂ€t und HorizontalitĂ€t. Und die in 10ner-Schritten verdĂŒnnten D-Potenzen wirken auf die Formbildungen, die als Atemgestalten in strukturgesetzlicher Natur die Atembewegung gliedern.

Unsere weitgedehnte Frage um die Bedeutung der Methode Atem-Tonus-Ton berĂŒhrt demnach das Atem- herz der Alternativmedizin. Es liegt auf der Hand. Dentale Kunststoffbelastungen vermindern oder zerstören die ResonanzfĂ€higkeit der Atembewegung fĂŒr das homöopathische Medikament und lassen auch dieses oftmals kontraproduktiv wirken. So gesehen wundert es nicht, dass auch eine neuere, nunmehr 5 000 Patienten einbeziehende Studie zur Wirkung der Homöopathie verheerend ausfiel, nachdem eine noch in den spĂ€ten neunziger Jahren von der Boschstiftung finanzierte Untersuchung zu Kopfschmerzpatienten ebenso wenig der Homöopathie schmeichelte: Damals wurde sogar aus der Gruppe derjenigen, die das homöopathische Mittel in der Doppelt-Blind-Studie, also nicht das Placebo erhielten, statistisch relevant von einer Zunahme des Leidens berichtet.

Der berichtete Sachverhalt, wonach das verabreichte Homöopathika sogar das Leiden verstĂ€rkte, sollte hell- hörig machen. Indem der Atemlehrer fragt, stĂ¶ĂŸt er von seiner Sichtweise auf den heilkundlichen Erfahrungs- horizont der Elektroakupunktur. Auch von da aus wird durch Kunststoffbelastungen etwas defizient. Ebenso wie in der Atemarbeit können durch die Homöopahtie die weitreichenden Möglichkeiten nicht mehr eingelöst werden. Außerdem ist auch wegen Kunststoffbelastungen eine KontraproduktivitĂ€t der Mitteleinnahme festzustellen.

Der aufmerksame Atemlehrer beobachtet seit langem das PhÀnomen, dass Informationsimpulse der verord- neten Mittel sichtbar gegen die Verspannungen im Hals-Kopf-Schulterbereich anrennen und sich diese gegen den Ansturm verfestigten, weil sie unterhalb der belasteten Körperpartie nur eine momentan höhere DurchlÀssigkeit hervorriefen. Wegen der dentalen Blockade wird deshalb durch die Mitteleinnahme nur eine unspezifische Unruhe erzeugt, die zwar ein zeitweilig verÀndertes Befinden hervorruft, letzten Endes aber doch nur die psychologisierende Illusion nÀhrt, dass sich etwas tÀte.

Die Wirksamkeit eines homöopathischen Mittels auf die Atembewegung kann bereits beobachtet werden, wenn es treffsicher ausgetestet nur in die Hand des Behandelten gegeben wird. Denn das homöopathische Mittel wirkt – wie uns die Testhomöopathie lehrt – informatorisch in einer Resonanzbeziehung und muss nicht erst eingenommen werden. Damit ist fĂŒr den Atemlehrer auch die Möglichkeit einer Diagnostik mit Hilfe von Atemresonanz gegeben. Sie ĂŒbersteigt weit die Möglichkeiten der herkömmlichen Methoden der Testhomöopathie, die mit Hilfe von GerĂ€ten, Instrumenten oder auch des kinesiologischen Muskeltest bzw. des eigenen Leibes einen Resonanzabgleich vornehmen. FĂŒr die letztgenannte Möglichkeit spielt die jahre- lang geschulte Sammlungsklarheit und EmpfindungsprĂ€gnanz des Atemlehrers eine entscheidende Rolle. Auch dessen Freiheit von dentalen Belastungen ist vorausgesetzt, damit sich eine pĂ€dagogisch-therapeuti- sche SphĂ€re entwickeln kann, in der die atemanregenden Informationsimpulse wĂ€hrend der Arbeit mit der Hand ĂŒberspringen können – es also zu einem wirklichen AtemgesprĂ€ch kommt.

Selbst ein therapeutischer Übergang steckt in derartiger Diagnose, wenn zum Beispiel die in der Elektro- akupunktur und der alternativmedizinischen Heilpraxis genutzte Nosode fĂŒr einen devitalen und wurzelbe- handelten Zahn einer depressiven Patientin in die Hand gegeben wird. Das konnte sich in einem besonderen Fall deshalb als ein außergewöhnlicher Volltreffer erweisen, nachdem das Eingewickeltsein dieses Kopf- herdes in Belastungen durch seelisch geistige Information mitsamt seinem energetischen Störfeld-Nieder- schlag ausgetestet werden konnte. Die Dentalbelastung im ersten rechten oberen Schneidezahn war in typischer Weise mit einem Vaterkonflikt verwickelt, der das Atemzentrum betraf, das ĂŒber dem Becken- boden auf der Höhe der Wirbelgelenke zwischen den Leisten lag und ebenfalls in systematischem Sinn aus der indischen Lehre als Wurzelchakra bekannt ist. Die bloße Mitteilung der ausgetesteten Information „unerbittlicher Vater“ durch mich stieß bereits die Regulation an. Bei dieser hoch depressiven Patientin konnte sich im Verlauf dieser Behandlungsstunde eine Vollatembewegung entwickeln. Das wĂ€re allerdings nie möglich gewesen, hĂ€tte der Therapeut selbst einen devitalen Zahn im Mund gehabt.

Sind Kunststoffe im Mund und gibt man ein fĂŒr die Person angezeigtes homöopathisches Konstitutions- mittel in die Hand des AtemschĂŒlers, so ist in der Atembehandlung durchgĂ€ngig nur eine kleine Wirkung festzustellen, die kaum durchschlagskrĂ€ftig genug ist. Die Tonisierung verbessert sich leise, wodurch das Brustbein etwas beweglicher wird, ohne dass eine etwas vorhandene ZwerchfellrigiditĂ€t dadurch angegriffen wer- den könnte. Eine gesteigerte Atemwirkung wird dagegen erzeugt, gibt man ein dynamisch potenziertes Mittel hinzu, das die Kunststoffbelastung auszugleichen vermag. Dadurch verbessert sich regelmĂ€ĂŸig der Gesamttonus und die unteren Rippen beginnen sich oftmals, wenn auch nur sachte aufzudehnen.

Reduzieren dentale Belastungen nicht die ResonanzfĂ€higkeit des Atemleibes auf ein Minimum oder sind solche durch eine Zahnnosode ausgleichbar, so kann eine erstaunliche Atemwirkung eines zutreffenden homöopathischen Medikaments erlebt werden. Ist es nur in die Hand des zu Behandelnden gegeben, wird die Ansprache durch die Hand und die Person des Atembehandlers unterstĂŒtzt. Vor der Zahnsanierung noch gar nicht sichtbare Spannungen können in der Kombination Atembehandlung und Homöopathie erstaunlich schnell weichen.

Und nicht zuletzt sind wir auch auf diese schlummernden Potenzen einer energetischen Alternativmedizin, die ihren Auftakt durch die Elektroakupunktur gefunden hat, durch den Arzt und Atemlehrer Volkmar Glaser verwiesen. Glaser hat seine Psychotonik so eng an die Meridianlehre gebunden, dass auf dem Atemsektor selbst schon lÀngst ein Beitrag vorliegt, der in seiner weitreichenden Bedeutung nicht unterschÀtzt werden kann. Er stellt die Strukturprinzipien der Meridianlehre in einem feldtheoretischen Kontinuum von Körper und Seele dar, indem er deren Leiblichkeit offen legt.

Haupt- bzw. Organmeridiane liegen auf gelenkĂŒbergreifenden Muskelketten. Glaser hat deshalb in den Meri- dianen Sinnhaftes entdeckt, weil sich diese in Haltungen umsetzen lassen, die sechs motorische Prinzipien der Ichbildung fundieren. In dieser Klarheit und Eindeutigkeit die IchqualitĂ€ten der Motorik zu formulieren, ist bislang keiner bekannten Bewegungs- und an ihr orientierten Entwicklungslehre gelungen. Es existiert keine Partialbewegung, die nicht der Struktur dieser durch die HauptmeridianverlĂ€ufe charakterisierbaren Bewe- gungen zugehörig ist. Hauptmeridiane stellen TrĂ€ger gestischer Handlungen dar, die mit YangqualitĂ€t aktiv oder YinqualitĂ€t passiv VerĂ€nderungen in der Umwelt veranlassen.

Über die Sondermeridiane reguliert sich das Befinden im Raum. Ihre Gliederung entspricht den Subsys- temen der muskulĂ€ren Tonussteuerung durch die Formatio retikularis: der Wachheit, der Aufmerksamkeit und der Erinnerung. Kurzum: Der Gegliedertheit des Meridiansystems ist eine dialektische Unterscheidung zwischen willkĂŒrlichen Körperhandlungen und unwillkĂŒrlichen VerhaltenszustĂ€nden inhĂ€rent. Wir wissen bereit: Wie Bewegungen aussehen geht aus der leiblich konsolidierten Dynamik der unbewussten Verhal- tensweisen, der Zustandsbefindlichkeit, hervor. Nunmehr aber kennen wir auch die in der taoistischen Meridianlehre erkannten Strukturprinzipien.

Noch immer glaubt der Großteil der Mediziner und Psychotherapeuten, dass die TĂ€tigkeit der modernen Zahnmedizin nichts mit den Funktionsstörungen und Erkrankungen ihrer Patienten zu tun habe. Auch die Psychotherapie ist mit einer außerordentlichen Zunahme von neuen narzisstischen und schizoiden Stö- rungen konfrontiert, die mit einer beunruhigenden UnfĂ€higkeit zur Selbstempfindung gepaart ist. Die zahn- medizinische Vorsorge ruft auch die Aufmerksamkeitsstörungen von Kindern oder legasthenische SchwĂ€- chen sowie Dyskalkulie hervor, die in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls rasant angestiegen sind. Denn Kunststoffe im Mund hemmen die leiblichen Integrationen der komplex zu verschrĂ€nkenden Gehirn-Körper- Seitigkeit eines Menschen, die im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren ihren ersten Abschluss findet und nach dem großen russischen Psychologen und Psychoanalytiker Sem Wygotsky zum selbstĂ€ndigen, familienunabhĂ€ngigen Denken fĂŒhrt.

Erkannt, wenn auch nicht radikal, aber immerhin kompensatorisch angegangen, werden dentale Belas- tungen in jenen physiotherapeutischen Praxen, in denen kinesiologisch gearbeitet wird. Durch das DrĂŒcken von spezifischen Punkten wird ein Ausgleich der Belastungen gesucht. Diese waren vor ihrer kinesiologi- schen Vereinnahmung aus der Mundakupunktur von Jochen Gledisch bekannt, der entdeckt hatte, dass diese ein holistisches Projektionsbild aller Körperfunktionen darstellen. Dieser naturheilkundliche Pionier betrachtete das Zahnthema nicht nur als HNO-Arzt, sondern auch als Zahnarzt, der er geworden ist, nach- dem er die schĂ€dlichen Wirkungen der Zahnmedizin erkannt hatte, mit denen er als Facharzt konfrontiert gewesen war. Gledisch war mit Volkmar Glaser eng befreundet.

Zwar sind inzwischen nahezu 5 000 Zahnmediziner in alternativmedizinischen Gesellschaften tĂ€tig, aber „ganzheitlich“ und „biologisch“ grĂŒndet meist nicht in einem heilkundlichen Tiefsinn. Man meint oftmals lediglich kein Amalgam und man bevorzugt stattdessen Kunststoffe, obgleich alle naturwissenschaftlichen GrĂŒnde ebenso gegen die Kunststoffe sprechen wie das Amalgam. Die bislang entwickelten Testmethoden sind ungenĂŒgend. Nur die Diagnostische Resonanztherapie von Friedrich Ochsenreither vermochte sich der Frage in ihrer RadikalitĂ€t zu stellen und der Blick auf die Atembewegung, zeigt nun im qualitativen Aussehen der Natur, was hier angerichtet wird.

Viele resonanztechnische Testmethoden versagen, weil die GerĂ€te selbst Kunststoffe enthalten und deshalb die entsprechenden Frequenzen blockieren. Auch der kinesiologische Muskeltest bleibt defizitĂ€r, wenn die Therapeuten selbst mit Kunststoffen belastet sind, wobei diese Methode keine Kontrolle gegenĂŒber sich beim Testen einschleichende ÜbertragungsphĂ€nomene hat. Bei der umfassenden Messkunst der Elektro- akupunktur kam hinzu, dass die Kunststoffproblematik mit den ĂŒblichen, auf die Organmeridiane bezogenen elektrophysiologischen Testmethoden nur in besonders gelagerten FĂ€llen, nicht aber allgemein nachzu- weisen ist. Die ersten kritischen Berichte des Hamburger Kopfherdforschers und Zahnarztes Joachim Thomsen aus dem Kreis der engen Mitarbeiter des Pioniers Reinhold Voll wurden deshalb zunĂ€chst nicht angenommen. Ein Durchbruch zu einer verĂ€nderten Sicht verdankt sich nicht zuletzt dem einschlĂ€gigen Buch von Markus Fußer („Ruinöse Zahnwerkstoffe. Wie Kunststoffe in der Mundhöhle die Atembewegung stören“) und dessen Zusammenarbeit mit einem prominenten Elektroakupunktur-Arzt.

Wichtig erschient der Besprechung, welche den „Ruinösen Zahnwerkstoffe“ in der Zeitschrift „Regulations- medizin“ (Heft 2, Juni 20003), dem „Organ der Internationalen Medizinischen Gesellschaft fĂŒr Elektroaku- punktur“ gewidmet wurde, der Verweis auf die Darlegung der glaserschen ErklĂ€rung des chinesischen Meridiansystems. Das „Befinden im gestimmten Raum“ wird durch Sondermeridiane reguliert. An ihnen lĂ€sst sich die besondere BelastungsqualitĂ€t von Kunststoffen als â€žĂŒbergeordnete Störung“ (Thomsen) ausweisen. Der Blick des Atemlehres ĂŒber den eigenen Zaun erwies sich fĂŒr diesen Kreis der Alternativmedizin erhellend.

Unter den Atempionieren war durchaus noch die seit den vierziger Jahren naturheilkundlich gehandhabte Dentalfrage bekannt, die spĂ€ter in der Elektroakupunktur aufgehoben sein sollte. Damals hatte die Zahn- medizin noch nicht all jene Mittel bereitgestellt, mit denen man einen Zahn retten konnte. Sie vermochte nicht das Immunsystem so zu unterdrĂŒcken und die Abstoßungsprozesse einzuschrĂ€nken, damit einge- brachtes Material geduldet wurde. In der Beherrschung der inneren Natur ist man inzwischen weiter ge- kommen. Im cartesianischen Frankreich devitalisiert man sogar routinemĂ€ĂŸig bei Überkronungen die Zahn wurzeln, deponiert nicht nur Antibiotika, sondern sogar Cortison, um jede Komplikation, die immer eine Immunreaktion ist, auszuschließen!

Die dicke Backe als Immunreaktion kommt deshalb heutzutage kaum noch vor. In der Pionierzeit der Atem- bewegung jedoch wurde aber noch regelgerecht wahrgenommen, wie durch die Atemarbeit Zahnherde auf- brachen. Auch heute kann noch nach einer gelungenen Behandlung der Weg zum Zahnarzt folgen, weil etwa ein eingesetztes Zahnmaterial herausflog. Und manchmal zeigt sich auch ein  Zusammenhang mit einem aktualisierten seelischen Konflikt. Die naturheilkundlichen und homöopathischen Therapien waren in der ersten HĂ€lfte des vergangenen Jahrhunderts noch unzureichend entwickelt. Meist blieb nur die Radikal- sanierung ĂŒbrig. Sie war lange auch eine von der UniversitĂ€tsmedizin praktizierte Methode, die damit auf ihre Weise auf den Zusammenhang zwischen einer Erkrankung der Organe und Kopfherden reagierte, ohne dass dadurch eine Systematik entwickelt worden wĂ€re, was erst spĂ€ter die Elektroakupunktur mit Hilfe der chinesischen Meridianlehre leisten sollte.

Das Problem ist noch vorhanden. Wenngleich es aus dem Sichtfeld der offiziösen Medizin gewichen ist. Es blieb in der Naturheilkunde und der Homöopathie virulent, nachdem es durch den integrativen Regulations- ansatz der Elektroakupunktur aufgehoben worden war. Im Grunde muss man auch die Entwicklung der Mög- lichkeiten der Atemarbeit und der Psychotherapie, auch das BedĂŒrfnis zu beiden sowie die neu auftauchen- den Beschwerdnisse, Funktionsstörungen und Krankheiten in einem WechselverhĂ€ltnis zur Entwicklung der Zahnmedizin sehen. Diese hat offenbar einen Kulmniationspunkt in den Möglichkeiten der technischen Ein- griffsmöglichkeiten erreicht, indem Entwicklungen ins Negative umschlagen. Aber inzwischen zeigen sich auch neue Möglichkeiten: das molekularbiologisch angereizte Nachwachsen des Zahnbeins und Zahn- schmelzes, das – sieht man die ZusammenhĂ€nge und die Zentralstellung der Zahnmedizin- ein völlig neues Terrain der Heilkunde aufschließen könnte.

Erst ein solch geschichtliches Prinzip und keine einzelwissenschaftliche Untersuchung lĂ€sst uns fragen: Ist in dentalen Belastungen der Grund zu suchen, dass die Ausbildung im Erfahrbaren Atem letzten Endes doch nur bei vierzig oder fĂŒnfzig unter mehreren Tausenden so gefruchtet hat, dass man mit Ilse Middendorf sagen kann, diese stĂŒnden wirklich in ihrem Atem, wĂ€hrend die anderen nur ĂŒber ein qualifiziertes Handwerkszeug verfĂŒgen und auf dem Weg seien? Der Umkehrschluss legt nahe, dass das differenzierte Instrumentarium des Erfahrbaren Atems nicht hĂ€tte entwickelt werden können, wenn Ilse Middendorf mit belastenden Zahnwerkstoffen, devitalisierten und wurzelbehandelten ZĂ€hnen derart belastet gewesen wĂ€re.

Vielleicht stellt die psychotonische Atemarbeit von Glaser mit ihrer Anlehnung an das chinesische Meridian- system die geheime Antwort auf dentale Belastungen dar. Er dĂŒrfte wohl wegen seiner Freundschaft mit Jochen Gledisch ĂŒber die Problematik gut unterrichtet und deshalb nicht durch Amalgam belastet gewesen sein, aber waren es die damalig noch nicht in Frage gestellten Kunststoffe, weshalb Middendorf- Übungen den hochsensiblen Atempionier depressiv machten? Es ist keine Seltenheit, wenn kurz nach dem Zahnarzt- besuch bei sehr DurchlĂ€ssigen eine lavierte Depression einsetzt, die wieder schlagartig endet, nachdem der Kunststoff sachgemĂ€ĂŸ – man darf nur zu in dieser Frage ausgewiesenen ZahnĂ€rzten gehen! – entfernt wor- den war.

Auch im Bereich etwa der Feldenkrais-Bewegung oder der Yogapraktiken sind Ă€hnliche Erscheinungen zu entdecken. Jahrelang ĂŒbte man begeistet, bis etwa RĂŒckenprobleme zur Aufgabe zwangen oder sich beim Üben die Symptome einer Krankheit manifest verschlimmerten. Und mancher konnte sich nicht erklĂ€ren, weshalb er krebskrank geworden ist, nachdem er so gesund gelebt hatte, sich nicht nur vom Naturkostladen seine SpeiseplĂ€ne aufschreiben ließ, sondern sich auch das Amalgam durch Kunststoffe hatte ersetzen lassen. Und dem nicht genug: Er hatte sich tĂ€glich seinen KörperĂŒbungen gewidmet und weder geraucht noch gesoffen.

Mit dem flĂ€chendeckenden Einsatz von kunststoffhaltigen Dentalmaterialien werden nicht nur die histori- schen Leistungen der middendorfschen Atemarbeit ins Abseits gestellt. Auch die Möglichkeiten der alter- nativen Medizin werden eingeschrĂ€nkt. Auf das Problem wird mit der Neuentwicklung und UmprĂ€gung von Methoden geantwortet. Die Zunahme der RĂŒckenschulen dĂŒrfte sich ebenfalls der dentalen Kunststoff- thematik verdanken. Auch das aufkommende Trampolinspringen ist ĂŒbrigens ein hervorragender Zwerchfellzieher und kann ein besserer Ausgleich gegen dentale Kunststoffbelastungen sein als jedwede Überei mit dem Körper und dem Atem. Auch eine langwierige psychotherapeutische Behandlung kann durch den Besuch eines in dieser Frage versierten Zahnarztes ersetzt werden.

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Umpolarisation durch Gegensatzspannungen
Weiß man um die spezifische Tonusverzerrung und eigenartige Atemstörung durch die kunststoffhaltigen Dentalmaterialien, so lĂ€st sich Atem-Tonus-Ton als zweckmĂ€ĂŸige Antwort auf die Belastung durch kunst- stoffhaltige Zahnwerkstoffe ausweisen. Maria Höller-Zangenfeinds Methode schafft zunĂ€chst auch den middendorfschen Übungsmöglichkeiten wieder etwas mehr Raum, weil es mit ihrer Hilfe gelingt, die Wirkung bioinkompatibler Zahnwerkstoffe weitaus besser als mit den middendorfschen Übungsmöglichkeiten zu kompensieren. Uns soll nun die Beeinflussungsstruktur interessieren, ĂŒber die durch die Methode Atem-Tonus-Ton das durch die Zahnmedizin stillgestellte Lebendige wieder in Gang gesetzt werden kann.

Vor allem fĂŒr Atemlehrerinnen, die – ohne darum zu wissen – eigentlich vor allem gegen ihre kunststoffhaltigen Dentalbelastungen jahrelang anĂŒbten, kann es zu einem sensationellen Befreiungserlebnis werden, wenn sie die Methode Atem-Tonus-Ton vom Fuß her einsetzen. Denn mit den in Refleximpulse eingebetteten Übungen können kinetische Ketten – und damit gelenkĂŒbergreifende Muskelketten auf denen die chinesischen Meridiane liegen – aktiviert werden, die bei dentalen Kunststoffbelastungen durch die Middendorf-Arbeit nicht mehr so ohne weiteres in eine durchgĂ€ngige Spannung kommen. Das Stichwort fĂŒr diese Wirkung von Atem-Tonus-Ton heißt energetische Umpolarisation durch Gegensatzspannung. 

Wir verstehen die willkĂŒrlich betriebene Widerstandsarbeit gegen den Boden, die Maria Höller-Zangenfeind anbietet, allererst als das Setzen einer Gegenspannung zu jenen Anspannungen, die durch dentale Kunststoffbelastungen im SchultergĂŒrtel-Kopf-Bereich hervorgerufen werden. Diese sind letztendlich unaufhebbar und nur kompensierbar, weil sich mit ihnen der Organismus gegen die ihm evolutionĂ€r fremden Zahnwerkstoffe wehrt. Deshalb bedarf es ab einer erarbeiteten oder auch bei einer vorhandenen höheren DurchlĂ€ssigkeit systematisch aufgebauter Antipoden, damit die Atembewegung noch ins ausgerichtete Fließen kommt oder ĂŒberhaupt noch das Üben Wohlbefinden erzeugt und nicht nur Unruhe hervorruft.

Die Atembewegung als Inbegriff des Energetischen ist der Umpolarisation zugĂ€nglich. Polar sind die Vertikalbeziehungen von unten nach oben sowie die horizon4ale Ausspannung im Weit- und Schmalwerden. PolaritĂ€ten sind vielfach bildbar, wobei in dieser UrsprĂŒnglichkeit ein Pol innerhalb des Körpers ist, wĂ€hrend der andere im leiblichen Sinne ĂŒber ihn hinausgeht. Der aus dem Becken aufsteigende Ausatem, geht als sensorisches Richtungselement ĂŒber den Kopf hinaus. Die Arbeit mit dem Vokal „A“ etwa schließt alle potentiellen Polarisationsmöglichkeiten ein, die in jedem Punkt vor und hinter, unter und ĂŒber sowie seitlich zu dem Körper ihren Antipoden zu jenem Punkt in der Rumpfmitte finden kann, aus dem das „A“ entspricht und zu dem es beim Ausatmen zurĂŒcklĂ€uft.

Vor allem die Statik in der Tonusregulation – sie wird durch die Aktion besonderer Muskelspindeln verantwortet – kann durch eine Gegensatzspannung ins bessere Gleichgewicht gebracht werden. Dies ist der eigentliche Wirkungsaspekt der aktiven Widerstandsarbeit gegen den Boden durch Krafteinsatz. Aber auch der dynamische Charakter in der PolaritĂ€t der Atembewegung ist durch dentale Kunststoffe gestört. Wir wissen bereits um die dynamische Funktion der Zwischenrippenmuskulatur. Dynamische Muskelspindeln mit Atemwirkung existieren auch in den Vorderzehballen und dem Beckenboden. Der Störung des dynami- schen Aspektes durch dentale Kunststoffbelastungen vermag der Aufbau einer transsensische Haltung oder auch der Spannungsatem entgegen zu arbeiten.

Indem an den Körperextremen, dem Fuß oder der Hand willkĂŒrlich Spannungen aktiviert werden, entsteht ein Spannungsgegenpol zur gestauten Energie im SchultergĂŒrtel-Kopf-Bereich, wodurch die Atembewegung wieder besser ins Fließen kommt. Durch diese Umpolarisation werden erst wieder die gegensinnigen Bewegungen möglich, die vor allem als aufsteigende und absteigende sowie horizontale Ausatemrichtungen in ihrer anthropologisch Bedeutsamkeit durch den middendorfschen Erfahrbaren Atem freigesetzt werden. Vor allem kann durch diese Umpolarisation die Blockierung des oberen Atemraums kompensiert werden, was durch ein direktes Aufdehnen des betroffenen Gewebes nicht mehr so ohne weiteres möglich ist oder gar nur noch das vorhandene Ungleichgewicht verstĂ€rkt.

Je mehr die ĂŒbliche Middendorfpraxis eine gesteigerte DurchlĂ€ssigkeit fĂŒr die Atembewegung zu erarbeiten vermochte, desto mehr ĂŒberspielt sie schließlich vorhandene Spannungsungleichgewichte, wenn dentale Kunststoffbelastungen vorliegen. Es kommt zu keiner stabilen Ausfaltung einer Vollatembewegung in Atemgestalten, die in der Middendorf-Arbeit angelegt sind. Eine gesteigerte DurchlĂ€ssigkeit ist in der Regel auch bei professionellen SĂ€ngern vorhanden. Das was aber nun fĂŒr einen darstellenden KĂŒnstler ein großer Profit sein könnte, nĂ€mlich die ausdifferenzierende Durchformung der Atembewegung und die Entfaltung von Atemsubstanz, wird durch dentale Kunststoffbelastungen blockiert.

Verdeutlichen wir die energetische Umpolarisierung, welche die Methode Atem-Tonus-Ton in der Ausatemphase gegen die ĂŒberspannte Einatemhilfsmuskulatur im SchultergĂŒrtel-Kopf-Bereich einsetzt. Die Lösung an der Schulter kann einmal durch eine Gegenspannung gestĂŒtzt werden, die an der Hand gesetzt wird. Dies wĂ€re etwa das einfache Festhalten an den Hockerbeinen oder den Seitenkanten der SitzflĂ€che sowie eine aktive Dehnspannung auf das Handgelenk durch das ZurĂŒckbiegen der Hand. Durch gespannte Antipole zu den Dentalbelastungen im SchultergĂŒrtel können dort direkt angesetzte passiven Dehnungen wieder wirksam werden. Die Gegensatzspannungen heben vor allem aber – betonen wir diesen Aspekt des Heilhindernisses nochmals - die Gefahr auf, dass bestehende Ungleichgewichte durch passive Dehnungen nur verstĂ€rkt werden. Leidigkeit und Zerfall sind das Ergebnis.

Diese KontraproduktivitĂ€t – die sich erst in spĂ€terer Übungspraxis zeigt - ist deshalb leicht möglich, weil passive Dehnungen in der sensitiven Bewegungsarbeit des Erfahrbaren Atems meist auf die Einatembewegung gelegt werden, wodurch der durch die dentale Kunststoffbelastung hochinnervierte Bereich mehr tangiert wird, als lieb sein kann. Bei ĂŒblichen Dehnarbeiten erhĂ€lt wegen eines ĂŒberzogenen Einatmens das Ausatmen nie seine umfassende Dauer. Ohne vollendete Zeitlichkeit aber bleibt die Atembewegung formlos.

Wenn das bestehende Ungleichgewicht letzten Endes bei andauernder sensitiver Bewegungsarbeit deshalb sogar verstĂ€rkt wird, so zeigt sich dies in einer Unruhe nach dem Üben, das manche fĂ€lschlicherweise so interpretieren, es tue sich etwas oder sie mĂŒssten existentielle Lebensentscheidungen vollziehen. Trennungen erscheinen abverlangt, um nicht mehr das gespĂŒrte Leid erleben zu mĂŒssen, dass in der Innenwendung so drastisch sichtbar wird. Und doch sind es oftmals nur dentale Belastungen, die nicht ĂŒber etwas hinweg kommen lassen. Hier setzt dann oftmals die Psychologie ein, die etwas durch ihre reflexive Nacherziehung einbiegt und als reflexive Einstellung vom Ich abverlangt, was sich gegen die Dentalbelastungen nicht mehr selbsttĂ€tig im Leib durchformt.

Eine in den Fuß gesetzte Spannung ist nicht nur eine umpolarisierende Gegensatzspannung zur SchultergĂŒrtelbelastung. Sie kompensiert zugleich eine dortige Unterspannung, die mit der beanstandeten Überspannung im oberen Atemraum korreliert. Mit den KrafteinsĂ€tzen des Fußes kann ebenfalls von vornherein der Überdehnungsgefahr beim Einatmen entgegengewirkt werden. Aber vor allem kann durch die Kombination von energetischer Umpolarisation und reflektorisch einfallenden Einatem auch im SchultergĂŒrtel etwas wieder in den Fluss gebracht werden, das sich durch punktuelle Ansprachen manchmal sogar verfestigt, wenn sich unten die DurchlĂ€ssigkeit bis in EmpfindungsschwĂ€chen hinein steigert.

Wenn die FĂŒĂŸe im Boden einsinken, treffen wir ein UnterspannungsphĂ€nomen an, das meist dieser Art von dentaler Belastung geschuldet ist. Denn was oben zuviel an Energie gebunden wird, fehlt dann unten an dem anderen Extrem der Körperausspannung, den HĂ€nden oder den FĂŒĂŸen, wenn die Muskulatur robust und weniger durchlĂ€ssig ist. Man kann dann jahrelang ĂŒben, ohne durchgreifend lokale Unterspannungen anzuheben und Überspannungen aufzulösen. Vor allem jedoch gelingt es nicht, die Atembewegung in ihrem Gestaltreichtum dauerhaft durchzuformen, zu fĂŒllen und zu verdichten.

Eigentlich gelingt in der Middendorfarbeit ohne eine Umpolarisierung nur noch das entlastende Entspannen, das aber auf Dauer zu einem In-sich-gekehrt-sein fĂŒhrt, das nur noch die Entwicklung als SelbsttĂ€uschung kennt. Wir gelangen hier endgĂŒltig bei der BegrĂŒndungspflichtigkeit einer Atemweise an, die in sich selbst spĂŒrt, was ja keine sensorisch bĂŒndige Beziehung  zur Außenwelt ist, sondern zu ihr zunĂ€chst die Distanz ausmisst. Wenn dentale Kunststoffbelastungen vorliegen, kann die sensorische Ausdehnungsbeziehung, durch die der Mensch ungebrochen durch das Bewusstsein in der Welt aufgeht, durch andauernde Atemarbeit selbst zerstört werden. Man wĂ€hnt sich in seiner Einsamkeit großartig gegenĂŒber den Vorkommnissen in der Außenwelt, ist jedoch nur noch grandios in seiner KontaktunfĂ€higkeit.

Sind die dental begrĂŒndeten Fehlspannungen in ein robustes Muskelfeld eingebaut, schafft ein Krafteinsatz zum Boden eine ausgleichende Energetisierung, die primĂ€r fĂŒr die AktivitĂ€t des Zwerchfells zutrĂ€glich ist. Diesem wird durch den reflektorischen Einatmen ein höheres Ausschwingen erlaubt. Damit stellt sich die Methode Atem-Tonus-Ton wiederum in die NĂ€he von Lösungsmöglichkeiten, die bei dentalen Kunststoffbelastungen den einfach dehnenden Bewegungen im großen Maße verweigert bleiben, wie man sie aus dem Middendorf-Übungsreigen kennt. Spannungen, die in jahrelanger Übung am Atem gespĂŒrt, aber nicht aufzulösen waren, scheinen plötzlich wie weggepustet, wenn der reflektorische Atem nach einer aufgebauten Gegensatzspannung einfĂ€llt, um durch eine neugewonnene Weite im Ton moduliert zu werden.

Der Druck gegen den Boden schafft eine Umpolarisierung des Bewegungsflusses, der nunmehr von unten nach oben strömen kann, was nicht möglich wÀre, wenn das Gegenextrem unterspannt bliebe. Doch auch hier ist nochmals zu unterscheiden. Es bedarf der energetischen Umpolarisation in vertikaler Beziehung vor allem bei abwehrfÀhigem Grundtonus. Bei hochempfindsamen Menschen dagegen, deren Atembewegung wegen der Kunststoffbelastungen zu einem tonischen Fluchcharakter tendiert und vornehmlich vegetativ angetrieben ist, wird jedoch die horizontale Dimension der Schwerkraftbeziehung bei der Umpolarisation bedeutsam. Besonders der Einsatz des middendorfschen Spannungsatem wirkt in der rÀumlichen Waagrechten.

Bei Tendenzen zur Überempfindlichkeit, die mit einer geringen tonischen ReagibilitĂ€t der Atembewegung einhergeht, sind in der Regel alle Gelenke ĂŒberspannt. Die dentale Belastung im SchultergĂŒrtel ist oft versteckt bzw. sie zeigt sich deutlich in dem vornehmlich vegetativ angereizten Atemfluss. Vor allem aber verharrt die Zwischenrippenmuskulatur trotz vielen Übens in einer geringen Beweglichkeit und damit reduzierten ResonanzfĂ€higkeit des Atemleibes gegenĂŒber der Außenwelt.

Aber auch gegen Überspannungen in den Gelenken bei sensibleren Naturen taugt diese Methode des drĂŒckend-widerstehenden Krafteinsatzes. Bereits wegen der geringeren TonusreagiblitĂ€t kommt es hierbei verstĂ€rkt auf die Dosierung an. Da auch die Ichdistanzen zum eigenen Leib nur schwer durch eine erlebendes Einlassen aufgehoben werden können, wird ebenfalls das Maßfinden in der Widerstands- und Druckarbeit zu einem Problem. Durch den Druck können jedoch diese GelenkĂŒberspannungen ebenso abgebaut werden wie bei geringer DuchlĂ€ssigkeit oftmals in den Gelenken vorhandene Unterspannungen, weil die Spannungsrezeptoren in den Sehnenorganen auf Druck ansprechen. Die technisch eingesetzte Widerstandsarbeit hat deshalb positive Atemwirkungen, weil mit dem selbstausgefĂŒhrten Druck – wie auch in der Middendorf-Arbeit geschĂ€tzt – Atemreflexe, ja ganze muskulĂ€re Dehnungsketten, aktiviert werden.

Ein und die selbe Übungsweise verpflichtet demnach Energetisierungen bei entgegengesetzten Tonustypen: dem zu wenig durchlĂ€ssigen Abwehrtonus sowie dem zu durchlĂ€ssigen Fluchttonus. Bleibt die sensorische Maßsetzung in Atem-Tonus-Ton zu besprechen, durch die erst die eigentliche psychotonische Dimension eingeholt wird.

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Transsensischen Verhalten Atem-Tonus-Ton
Was uns zum Problem werden sollte ist, dass die eigentlich beanspruchte Tonisierung nicht durch die Art und Weise erreicht wird, wie Maria Höller-Zangenfeind ihre willkĂŒrgeformten ArbeitseinsĂ€tze selbst versteht. Diese stellen lediglich Kontraktionen gegenĂŒber einem Objekt dar, die dann die GammaaktivitĂ€t nicht nur in den willkĂŒrlich betĂ€tigten Muskeln hemmen, sondern auch bei nichtspĂŒrsamer AusfĂŒhrung selbst die Lösung in der passiv gedehnten, dem Agonisten gegenĂŒberliegende Muskulatur blockieren. Dass eine Tonisierung als Gesamtprozess erwiesenermaßen trotzdem stattfindet, muss einem anderen Sachverhalt verdankt sein.

Wir haben ihn bereits benannt. Maria Höller-Zangenfeind weist ihn in ihrem Lehrbuch nicht aus. Sie hat von ihm auch offenbar gar kein Bewusstsein. Sie verpflichtet ihn allerdings durch ihre Arbeitsweise mit, die maßvoll sein will, soll sie gelingen. Ihre Maße gewinnt sie, indem durch die Widerstandsarbeit bzw. Druckarbeit zugleich eine vital-sensorische Raumbeziehung herstellt wird. Diese Beziehung zum Außen bleibt im SelbstgespĂŒr der Middendorfarbeit ĂŒber weite Strecken unbewusst, weil der Weg zunĂ€chst nach innen gehen soll, wird schließlich zunĂ€chst in einer qualifizierten Partnerarbeit ausschlaggebend und auch im Ziel des Erfahrbaren Atems mitverpflichtet, der mit seinem Übungsensemble die „Bewegung aus dem Atem“ anpeilt.

Wir machen die tonisierende Wirkung trotzdem in dem von Maria-Höller entwickelten Tonus-BrĂŒckenschlag fest, weil wir ihn in einem anderen Licht als sie selbst sehen und durch die eigenen Scheinwerfer ausgeleuchtet erkennen, dass ĂŒber ihn Middendorf mit Glaser verbunden wird. Der drĂŒckend-widerstehende und spĂŒrsam eingesetzte Krafteinsatz spannt nĂ€mlich zugleich sensorisch gegen den Boden aus und aktiviert dadurch die Gammamodulation des Muskeltonus, wenn er gefĂŒhlsvoll geschieht. Die Umpolarisation von Energie findet damit nicht allein durch die Gegenspannung statt, sondern verdankt sich letzten Endes der Setzung eines sensorischen Antipodens.

Was wir anfangs unserer Erörterung streng unterschieden haben, birgt – wie bereits angekĂŒndigt – also auch Vermittlungen. Der Krafteinsatz zur Widerstandsbehauptung gegen den Boden kann kein pures Selbstempfinden einsinkender FĂŒĂŸe mehr sein. Es ist auch kein Selbstempfinden, das allenfalls soweit ĂŒber sich hinaus ist, dass zugleich ein aufrichtendes Tragen-lassen entsteht. Von vornherein ist mit der Widerstandsarbeit eine spĂŒrende, von sich selbst weggehende Tendenz zum Transsensus angelegt. Dieser begegnet als eigentliche psychotonische Regulation auch einem Versinken im Boden. Dieses kann als eine Form der sensori- schen Einkehr der Außenwelt in die Selbstempfindung betrachtet werden, bei der sich die Person aus den FĂŒĂŸen zurĂŒckgezogen hat. Die umpolisierende Gegensatzspannung vollendet sich demnach im transsensischen Verhalten.

Es ist der eingeschlossene in der Psychotonik Volkmar Glasers bewusst erarbeitete Transsensus in einer zunĂ€chst technisch einzusetzenden Übungsweise, durch das die bekömmlichen Maße der StĂ€rke des drĂŒckenden Krafteinsatzes herausgefunden werden. Richtet sich dessen Dauer nach dem Ton, so kann diese muskulĂ€re BetĂ€tigung nur in einer Beziehung ausgemessen werden, in der die drĂŒckende Bewegung und das SpĂŒren des Bodens einander anleiten. Das Bewegen folgt dem SpĂŒren und das SpĂŒren dem Bewegen, ohne dass das Bewusstsein reflektierend dazwischen tritt. Viktor v. WeizsĂ€cker nennt dieses sensomotorische IneinanderĂŒbergehen einen „Gestaltkreis“. In dieser umfassenden Grundlegung erfĂŒllt sich, dass Maria Höllers Arbeitsweise auch bei von dentalen Belastungen frei Seienden eingesetzt werden kann. Dabei kann es genĂŒgen, diesen Widerstandseinsatz nur leicht anzudeuten. Muskelkraft ist dabei ĂŒberhaupt nicht mehr gefragt. Es genĂŒgt das transsensische Verhalten.

Auch die Sitzebene kann ĂŒber die SpĂŒrung von den Sitzknochen her derart in den Transsensus genommen werden, dass sich der Tonus aufbaut. Wenn so einem evtl. Einsinken entgegengearbeitet wird, setzt sich der Transsensus in eine bessere Aufrichtung um. Maria Höller-Zangenfeind hat diesbezĂŒglich Übungen aus dem Ensemble des Erfahrbaren Atems umgeformt, wodurch ebenfalls von unten nach oben durchlaufende Lösungen und Antriebe ermöglicht werden.

Werden die durchs SpĂŒren zu erkundenden Maße des Körpereinsatzes verfehlt, kann das Ganze bei einer hochgestellten ZwerchfellrigiditĂ€t auch grĂŒndlich fehlschlagen. Das Zwerchfell geht dann beim Einatmen nicht nach unten und weitet den Bauch, sondern wird wegen einer in diesem Fall extrem höher gespannten und damit auch extrem höher innervierten Einatemhilfsmuskulatur im SchultergĂŒrtel allzu leicht nur noch nach oben gezogen. Maria Höller-Zangenfeind spricht wohl aus gutem Grunde an nur einer Stelle von einer und zwar ausgerechnet von dieser pathologischen Fehlatemweise, die ihre klinische Aufmerksamkeit als paradoxe Zwerchfellbewegung gefunden hat.

Die paradoxe Zwerchfellbewegung liegt den beiden Grundformen seelisch-geistiger Erkrankungen zugrunde. Ist das tonische GrundkostĂŒm auf Abwehr eingestellt, so bedeutet diese Umkehrbewegung des Zwerchfells Perversion, was dem lateinischen Ursprung des Wortes entspricht. Und bei sensibleren, abwehrunfĂ€higen und zur Flucht neigenden Naturen begleitet diese eine Psychose. Schizophrenie hat eine altgriechische Wurzel und ist mit gespaltenem Zwerchfell zu ĂŒbersetzen. Der Perverse unterwirft sich das Außen, wo er nur kann, um es einzuverleiben. Der Geisteskranke dagegen folgt den von außen einströmenden seelisch-geistigen Informationen. Er hört sie als Stimmen.

Betrachten wir noch die andere Arbeitsweise, welche die Methode von Maria Höller-Zangenfeind fĂŒhrt. Dem Druck eines anderen widerstehen, ist eine andere Weise des Aufbaus von Widerstandskraft, die dem von Maria Höller-Zangenfeind auch ausdrĂŒcklich „willkĂŒrliche(r) Tonus“ genannten Ziel dient. Der von außen gesetzte Druck durch einen Partner dient vor allem der Entfaltung von Resonanzen und KlangfĂŒlle aus dem Brustraum. Gegen die im Brustkorb angelegten und Druck ausĂŒbenden HĂ€nde eines Partners darf sich aber nicht entgegengestemmt werden, weil dies nur muskeltonische Abwehrformen erzeugen wĂŒrde. Die Kraft zum Widerstand soll von unten kommen und innerhalb einer PolaritĂ€t genommen werden.

Wenn die mukulĂ€re, teilweise gelenkĂŒbergreifende Kette vom Fuß bis etwa zur Zwischenrippenmuskulatur in eine durchgĂ€ngige Dehnung gebracht ist und damit zur Lösungskette werden kann, geschieht das Entscheidende innerhalb der Partnerbeziehung. Deren QualitĂ€t entscheidet, ob eine Übung ihren Zweck erreicht. Maria Höller-Zangenfeind thematisiert nicht die personale Stellungsnahme gegenĂŒber dem anderen, die in ihrer Druckarbeit liegt. Diese ist aber nicht nur nach Glaser maßgeblich dafĂŒr ist, dass Lösung stattfinden kann. SelbstverstĂ€ndlich ist fĂŒr sie ein sensibles Zueinander verlangt, das gelingt, wenn diese personale Dimension eingeholt werden kann. Dazu gilt es sich den HĂ€nden des druckausĂŒbenden Partners entgegenzudehnen, wodurch ihm auch entgegengespĂŒrt wird. Diese sensorische Haltung wird von beiden miteinander Übenden verlangt. Stemmt sich einer dem anderen jedoch entgegen, misslingt die Arbeit ebenso als wenn vor dem Druck zurĂŒckgewichen wird, der andere nur noch in dessen belastenden Eindringen erlebt wird.

Wir sehen in der gelungenen Druckarbeit ebenfalls eine abgewandelte Form des Transsensus geborgen, den Glaser Obtensus nennt. Mit ihr zeigt sich endgĂŒltig, dass mitnichten isolierte Körperteile in Stellung ge- bracht werden, sondern sich ganze Muskelketten – ihre Strukturbedeutung wird durch das chinesische Meridiansystem erfasst – in ihrer LösungsaktivitĂ€t entfalten sollen. Was bei Maria Höller-Zangenfeind als Widerstandleisten firmiert, hat nur lösend-tonusabbauende Funktion, wenn sie von einer spĂŒrsam eingesetzten Zuwendung der Partner getragen wird, was im Kreis von Middendorf-Atemlehrerinnen ebenfalls geĂŒbt ist.

Entscheidend bei der Übungsanlage von Atem-Tonus-Ton ist das Beenden der gesetzten KrafteinsĂ€tze, das Maria Höller-Zangenfeind als ein „Lösen“ bezeichnet, was aber seiner Natur nach ein Entspannen der willkĂŒrlich genutzten Muskulatur ist. Das Beenden des Widerstandsdrucks folgt dem Ende der auf den Ausatem gelegten Tongebung zusammen. Da diese ĂŒber das unwillkĂŒrliche Selbstlaufmaß der Ausatembewegung hinaus gehalten ist, erzwingen Atemreflexe den Einfall des Einatems. Dieser reflektorische Einatem geht so tief, dass sich unabdingbar eine Antriebskraft im geweiteten Bauchraum aufbaut und das Einatmen nicht im Brustraum aufstaut.

Vor allem verdankt sich der reflektorische Einatem dem Fehlen einer Atempause, die im sich selbst zuwendenen Ruherhythmus vorhanden ist. Betonen wir nochmals zur Verdeutlichung: Der reflektorische Einatem ist das Ergebnis einer zuvor gehaltenen Spannung in der Ausatemphase, welche durch Widerstandsarbeit und Toneinsatz geformt, aber nicht völlig bis zu dem Punkt verlĂ€ngert wurde, an dem die Luft dramatisch zu fehlen beginnt. Dem reflektorischen Einatmen geht also ein durch die LĂ€nge des gefĂŒhrten Tons ausgeschöpftes Ausatmen vorher.

Dem reflektorischen Einatem kann keine sensorische Raumqualifizierung folgen wie sie der middendorfsche Erfahrbare Atem anpeilt. DafĂŒr wird in der Middendorf-Methode auf die Selbstbildung eines Atemrhythmus in der Atempause gewartet: „Den Atem kommen und gehen lassen und warten, bis er wieder von allein kommt“, ist das Übungsmotto. Dabei kommt es vor allem auf die Atemruhe in der Atempause an, in welcher der alte Atemrhythmus ausklingt.

Ebenfalls keine Pausenbildung kennt auch der Spannungsatem. Auch ihm fehlt der in sich zurĂŒckkehrende Ruhepunkt nach dem Ausatem, der nach einer raumfĂŒllenden Einatembewegung, die mögliche Raumverdichtung als Zentrierung abschließt. Nur dieser zeitlich vollendete Rhythmus, der in der Atempause zur Ruhe kommt, ist konstitutiv fĂŒr die innere Ausdifferenzierung der rĂ€umlichen Atembewegung in Atemgestalten.

Dieser Atemrhythmus wird auch Ruheatem genannt und ist von einer Tonisierung getragen, die etwas unterhalb einer der Welt zugewandten Bereitschaftshaltung liegt, aber kein Erschlaffen meint, sondern eine eigene PrĂ€senz einschließt. Davon zu unterscheiden ist nochmals der middendorfsche Spannungsatem, der in seinem singulĂ€ren Einsatz eine vitale Grundform des transsensischen Verhaltens darstellt und darin der von der glaserschen Psychotonik aufgeworfenen Thematik begegnet. Die Atemweise Spannungsatem kommt durch zueinander gegensinnige Richtungsbewegungen der Ausatemschwingung und der HĂ€nde zustande. Indem in sich aufdehnende Mitbewegungen der HĂ€nde nach außen in den vital-sensorischen Raum gehen, lĂ€uft die Ausatembewegung im Binnenraum in sich zurĂŒck. Indem die sich aufdehnenden HandflĂ€chen eine spĂŒrende Gegenspannung zum Außenraum aufnehmen, wĂ€hrend der eigene Atemleib schmaler wird, werden sie zu einem sensorischen Über-sich-hinausweisen, welches wiederum das Ausatmen verlĂ€ngert.

Der Unterschied gegenĂŒber den vielen Mitbewegungen der HĂ€nde, die der Erfahrbaren Atem ansonsten kennt, ist markant. Normalerweise gehen die Dehnbewegungen der HĂ€nde gleichförmig mit dem Weit und Schmalwerden, aber gerade diese Arbeitsweisen verschĂ€rfen bei hoher DurchlĂ€ssigkeit wiederum Ungleichgewichte im Atemrhythmus, wenn dentale Belastungen durch Kunststoffe in der Mundhöhle vorliegen. Maria Höller-Zangenfeind arbeitet deshalb vor allem mit dem Spannungsatem, in dessen Struktur sie viele von Ilse Middendorf entwickelte Arbeitsweisen einmĂŒnzt und dadurch das transsensische Verhalten in der Mitbewegung der HĂ€nde realisiert. Es wird - wie im Erfahrbaren Atem ĂŒblich - kein zu sich kommen im Ruhepunkt gesucht.

Durch seine Gegensinnigkeit der sensorisch nach außen sich verhaltenden Bewegung und der empfundenen Innenbewegung wirkt der Spannungsatem gegen die Ausgangslage einer durch Kunststoffe bereits ĂŒberinnervierter Einatemmuskulatur, die den Ausatem ansonsten nur verkĂŒrzt. Diese Einatembetonung ist innerhalb der Lunar-Solar-PolaritĂ€t typisiert worden, ohne dass man den dentalen Belastungsgrund kennt. Ihr kann ĂŒbrigens ebenfalls durch Atemtechniken, welche Atemphase verlĂ€ngern und verkĂŒrzen, entgegengearbeitet werden.

Das Übungsarrangement Spannungsatem jedoch nutzt das Gegensatzmoment von Innen- und Außenbewegung. Mit dieser Atemweise soll einerseits die Gesamtspannung durch ein erweitertes Ausatmen erhöht werden, wodurch einer durch Kunststoffbelastungen verringerten AktivitĂ€t der Zwischenrippenmuskulatur entgegenwirkt werden kann. Andererseits ruft die GegenlĂ€ufigkeit von Innenbewegung und Außenbewegung auch die Möglichkeit der Umpolarisation auf. Indem beim Spannungsatem die HĂ€nde in der Ausatemphase von sich selbst wegfĂŒhren, wird – verdeutlichen wir dies nochmals – eine antipodische Struktur des Sensorischen geschaffen.

Bei vielen middendorfschen Arbeitsweisen trĂ€gt die Einatembewegung eine Weitebewegung der sich aufdehnenden und vom Atemleib wegfĂŒhrenden HĂ€nde und umgekehrt begleiten die HĂ€nde die Ausatembewegung ebenfalls in gleichsinniger ZurĂŒckbewegung, wodurch sich die Atembewegung besser in einem Atemzentrum verdichten kann. Diese Arbeitsweise, die mit den HĂ€nden das Weit- und Schmalwerden untermalt, entwickelt auch ein inneres Band von Außenbewegung und Innenbewegung. Dabei wird nie aktiv auf eine Bewegung hin mitgeatmet. Dies wĂ€re Atemgymnastik. Vielmehr umgekehrt wird vorgegangen. Die Bewegung wird auf die Atembewegung gelegt.

Es ist nun dieses spĂŒrbare Atemzentrum, das so wichtig fĂŒr den Erfahrbaren Atem ist, weil sich im ZurĂŒckschwingen zu ihm die Pausenbildung aufhĂ€ngt, damit sich aus diesem und dieser heraus der Einatemimpuls als Auftakt einer neuen Rhythmusbildung entwickeln kann. Der Atem kommt zu sich, wenn der alte Rhythmus in einem Ruhepunkt der Pause ausklingen kann, um der Bildung des endogen eingeschriebenen Eigenrhythmus Raum zu geben. Der Spannungsatem dagegen ist kein zu sich kommen durch das Ausatmen, der die Person innehalten lĂ€sst. Er ist vielmehr die Atemweise, durch die wir im Kontakt zum anderen oder auch zum Publikum aufgehen.

Der Atemrhythmus der sich selbst zuwendenden Ruhehaltung ist dreiphasig und wird in der Frequenzaufzeichnung als Girlande dargestellt. Bei dieser zeitlichen Charakteristik schwingt die Einatembewegung langsam aus einem Tiefpunkt auf, kippt in die Ausatembewegung um und lĂ€uft in der Pause aus. Die Atembewegung der dem Außenraum zugewandten Bereitschaftshaltung wiederum schwingt pausenlos in einer welligen Sinuskurve. Das Einatmen geht stĂ€ndig in ein Ausatem ĂŒber. Auch der Spannungsatem kann als Sinuswelle aufgezeichnet werden, wobei er als besondere Atemform das Kontaktmaß persönlicher Ausspannung birgt. Beim Spannungsatem sinkt allerdings das Einatemniveau in der Frequenzdarstellung bei jedem neuen Atemzug ab, weil die Ausatemphase etwas lĂ€nger als die Einatemphase ist. Die Atem-Tonus-Ton-Arbeit kennt die eigene Zeitgestaltung im aufgezeichneten Frequenzverlauf: Eine steil aufsteigende Bewegung des reflektorischen Einatmens wird von einer langsam nie bis zum Nullpunkt absinkenden Ausatembewegung abgelöst, die im pĂŒnktlichen Loslassen des drĂŒckenden Krafteinsatzes zerfĂ€llt, um wieder von vorne hochzuschießen.

Gerade dieser abschließende Vergleich macht uns schmerzhaft darauf aufmerksam, dass die originĂ€re Raumbildung, wie sie in der middendorfschen Lehre vom Erfahrbaren Atem postuliert wird, durch dentale Kunststoffbelastungen eingeschrĂ€nkt ist. Es kann wenn ĂŒberhaupt nur noch schwer zu einem derart vollendeten Atemrhythmus kommen, der Transzendenzcharakter hat.

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Perspektiven
Unsere Erörterung ist im Interesse der Zukunft einer Jahrhundertleistung durchgefĂŒhrt, die wir durch die mo- derne Zahnmedizin bedroht sehen. Das vergangene Jahrhundert hat die Leiblichkeit des Menschen in seiner materiellen RealitĂ€t gegenĂŒber deren christlichen Vergöttlichung entdeckt. Die Atemlehren des Westens haben jene VerselbstĂ€ndigung der RationalitĂ€t von der unmittelbar erlebten Lebendigkeit entgegenzuwirken versucht, die mit den medizinisch orientierten Pneumatikerschulen der griechischen Antike einsetzte. Be- reits die griechische Philosophie hat die letzten Bindungen der Menschen an die lĂ€ngst zerbrochene archa- ische BewusstseinsphĂ€re entrissen, in welcher der Atem noch als unmittelbar erfahrenes einheitsstiftendes Prinzip gegolten hat.

Die moderne Medizin hat gar nicht mehr diese Trennung von aller magischen Ursprungsmystik nachzuvoll- ziehen gehabt, sondern sich von einem bereits mit dem christlichen Erbe durchtrĂ€nkten Aberglauben des Mittelalters zu distanzieren gelernt, der ĂŒberhaupt keine Kultur der unmittelbaren LeibnĂ€he wie im asiati- schen Raum mehr, nur noch den mystischen Leib gekannt hat. Erst die modernen Wissenschaften haben mit ihren experimentellen Möglichkeiten ein versachlichtes DingverhĂ€ltnis in Diagnose und Therapie abgesichert und gegenĂŒber den auf eigenen abendlĂ€ndischem Boden selbst entstandenen oftmals obskuren Medizinpraktiken Widerspruch eingelegt, die weit hinter der RationalitĂ€t der ayurvedischen und taoistischen Medizinlehren zurĂŒckgeblieben waren. Im Atembezug der östlichen Kultur waren Ordnungsstrukturen wach geblieben, die durch den technokratischen Geist der wissenschaftlich gepflegten Fachidiotie bis heute hartnĂ€ckig abgewehrt werden. Die geschichtsphilosophische Idee, die hinter unserer Kritik hervorlugt, ist insofern neu, als sie keine bloß negatorische Haltung einnimmt. Sie transportiert die Möglichkeit, das cartesianische Verhalten des Arztes in die Lebendigkeit zurĂŒckzubinden. Die Ambivalenz der Eingriffe der neuzeitlichen Medizin hat mit der Entwicklung der Zahnmedizin nicht nur einen Kulminationspunkt erreicht. Vielleicht ist die Entwicklung der modernen Medizin und aller alternativmedizinischen Bewegungen auch als eine Antwort auf die Eingriffe der Zahnmedizin zu verstehen, die einerseits viele Kopfherde beseitigt, aber andererseits auch neue Störfelder implantiert hat.

Bei solcher Sichtweise reprĂ€sentiert die Atembewegung  das Prinzip der Autonomie des menschlichen Organismus und der Ganzheitlichkeit, das durch keine naturwissenschaftliche Disziplin gesichert werden kann, aber bei vielen medizinischen Maßnahmen völlig unberĂŒcksichtigt bleibt. Da allzu vieles inzwischen auch ins Negative umkipp, kommt die Unmenschlichkeit heutzutage auf leisen Sohlen daher. Die Menschen sind in den herrschaftsgefĂŒgten Sozialsystemen eingefangen, wodurch vitale Lebenswelten zerstört oder an den sozialen Rand gedrĂ€ngt werden.

Durchaus könnte die ReprĂ€sentanz des Lebendigen, die sich in der Atembewegung als qualitatives Aus- sehen der menschlichen Natur zeigt, mit den molekularbiologischen Forschungen eine wissenschaftliche Grundierung erhalten. Auch die beiden entscheidenden Fragen einer Bewusstseinstheorie, wie die Emp- findung mit der Wahrnehmung zusammenhĂ€ngt und wie neuronale Daten zum Erlebnis werden können, dĂŒrften durch den Blick auf den Atem der Lösungsweg gewiesen werden. Der wissenschaftliche Erkennt- nisfortschritt erscheint uns unbegrenzt, der wissenschaftlich-technische Eingriff auch in die innere Natur unterliegt dem Limit, das die Natur selbst zieht.

Und was ist, wenn die dentalen sowie anderen Ă€ußeren Belastungen wirklich saniert sind, die sich an der Atembewegung zeigen? DurchgĂ€ngig sind keine gravierenden Atemfehlstellungen und AtemrigiditĂ€ten mehr vorhanden. wie sie ansonsten so hĂ€ufig beim NormalbĂŒrger wahrzunehmen sind. Derart dramatisch ist die Diagnose, die auf sechzehn Jahre Erfahrung mit dieser Frage grĂŒndet, ohne dass es möglich ist, Entwar- nung zu geben. Viele MĂŒhe, mit der heutzutage am Atem geĂŒbt wird, ist kompensatorisch. Manches er- scheint sinnlos. Und vieles was dazu gesagt und gemurmelt wird, erweist sich als SelbstbeweihrĂ€ucherung und SelbsttĂ€uschung. Doch der Einsatz von Atem-Tonus-Ton kann besonders wirksam sein.

Die Kritik der heutigen Praxis der westlichen Atemarbeit klagt das Leben ein, indem sie in einer Kritik der westlichen WissenschaftsrationalitĂ€t gipfelt, die den Menschen von sich selbst entfremdet. Jenseits der BewĂ€ltigung der Dentalfrage öffnen sich die Wege zu einer personenbezogenen Heilkunst. Atmen ist darĂŒber hinaus nicht nur eine Frage der Klinik, sondern auch der Erlebnis- und Lebenskunst. Der Mensch kann sich in seinen schöpferischen Potentialen erfahren und lernen, sie sozial durchzusetzen.

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